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«Es ist für uns undenkbar, ohne Bäume zu planen»

Die Neugestaltung der Ost-West-Achse in Rapperswil-Jona stösst bei den Anwohnern auf Widerstand. Aus Sicht von Architekten gehören sie indes zu den Profiteuren des Projekts. Die Bauexperten nehmen zu den kritisierten Bäumen im Strassenraum und sieben weiteren Gegenargumenten Stellung.

Pascal
Büsser
Samstag, 02. November 2019, 04:30 Uhr Architekten mischen sich in Debatte ein
Für Raphael Gloor, Simon Zumstein und David Näf (v.l.) vom Architekturforum Obersee bringt das Projekt «Stadtraum» Chancen für eine attraktivere Entwicklung von Rapperswil-Jona – samt künftig prägenden Bäumen wie heute vor dem Joner «Kreuz».
PASCAL BÜSSER

Am 17. November entscheidet die Stimmbevölkerung von Rapperswil-Jona über die bedeutendste Verkehrsvorlage neben dem Stadttunnel, über das Projekt «Stadtraum Neue Jonastrasse – St. Gallerstrasse». Mitte Oktober hat das Nein- Komitee seine Kampagne eröffnet (Ausgabe vom 15. Oktober). Nun schaltet sich das Architekturforum Obersee (AFO) in die Debatte ein. «Wir verstehen uns nicht explizit als Ja-Komitee», sagt Vorstandsmitglied Simon Zumstein, der mit den Landschaftsarchitekten Raphael Gloor und David Näf für das AFO spricht. Das AFO finde die Neugestaltung der 2,7 Kilometer langen Ost-West-Achse aber sehr wichtig für die Stadtentwicklung. «Wir möchten deshalb aus fachlicher Sicht einige Themen kommentieren, die in der Debatte immer wieder vorkommen.» Dabei steht weniger der Verkehr im Fokus. Diesem wird die «Linth-Zeitung» einen separaten Artikel widmen. «Es geht beim Projekt nicht nur um eine Verkehrsachse, sondern um die Gestaltung des Stadtraums», sagt Zumstein. Die drei Architekten kommentieren acht Argumente der Gegner.

Gegenargument 1: Bäume im Strassenraum sind unsinnig

Das Projekt sieht Bäume im Strassenraum vor, im westlichen Abschnitt in der Strassenmitte auf einem ohnehin geplanten Mittelstreifen, im östlichen Abschnitt am Strassenrand. Die Gegner des Projekts bezweifeln, dass Bäume im Strassenraum sinnvoll und überlebensfähig sind. Als Negativbeispiel erwähnen sie etwa den Parkplatz Stampf, wo mehrere Bäume wieder entfernt werden mussten.

Machen Bäume im Strassenraum Sinn?

Raphael Gloor: Unbedingt. Im Stadtraum ist es zwei bis vier Grad wärmer als im Umland. Bäume können das Mikroklima dagegen um fünf bis sieben Grad kühlen. Mit dem Klimawandel nimmt die Dringlichkeit dafür zu. Bäume können zudem die Luft zu einem gewissen Grad filtern und CO2 binden. Bäume im Stadtraum sind also nicht nur für Insekten und Vögel gut, sondern auch für Menschen.

«Bäume können das Mikroklima um fünf bis sieben Grad kühlen»

David Näf: Für uns ist es undenkbar, ein solches Strassenprojekt ohne Bäume zu planen. Wenn man von «Generationenprojekt» redet, sind die Bäume ein Element, deren Effekt man erst in 30 Jahren richtig sieht.

Überleben diese überhaupt im Umfeld von Asphalt, Streusalz und Abgasen?

Gloor: Wenn man die richtigen Baumarten auswählt, ja. Siehe etwa die drei grossen Platanen vor dem «Kreuz». Der Strassenraum stellt besondere Ansprüche an Bäume. Auf die muss man zwingend eingehen. Man kann nicht einfach einen heimischen Waldbaum in die Strasse setzen. Es gibt aber genügend Baumarten, die sich eignen. Das zeigen Beispiele in Städten wie Zürich oder Bern. Natürlich muss man dann auch den Einsatz von Streusalz gut dosieren. Das sollte man aber ohnehin zum Schutz des Grundwassers.

«Der Strassenraum stellt besondere Ansprüche an Bäume.»

Simon Zumstein: Der Vorteil für Bäume im Strassenraum ist, dass es unter der Strasse keine Tiefgaragen hat. Boden für Wurzeln ist also vorhanden.

Dass beim Parkplätz Stampf Bäume gefällt werden mussten, zeigt für die Projektgegner, dass diese im Stadtraum nicht gedeihen können.
PASCAL BÜSSER

Was lief beim Stampf-Parkplatz schief, wo Bäume gefällt werden mussten?

Gloor: Vermutlich waren die Baumgrube, das Substrat oder die Baumart nicht optimal – oder alles zusammen. In Rapperswil-Jona hat man Bäume im Stadtraum bisher stiefmütterlich behandelt und nicht das Nötige und Sinnvolle gemacht. Andernorts ist das Know-how grösser. Dieses muss man im Stadtraum-Projekt nutzen, da nehmen wir die Stadt in die Pflicht. Wichtig ist auch: Es soll keine Baum-Monokultur, keine napoleonische Allee geben.

«Die Stadt hat das Thema Bäume bisher stiefmütterlich behandelt.»

Näf: Verschiedene Baumarten sind wichtig, wenn mal eine Baumart wegen einer Krankheit oder einem Käferbefall ausfällt. Auch damit hat man andernorts Erfahrungen gemacht. Im Oerlikon-Park in Zürich mussten 400 Eschen ersetzt werden, die von einem Pilz befallen waren. Zudem waren die Baumgruben ungenügend. Nun hat man sieben verschiedene Baumarten nachgepflanzt.

Gloor: An der Bühlstrasse haben wir auf knapp 100 Metern fünf Baumarten gepflanzt, die zu verschiedenen Zeiten blühen.

Bäume generieren viel Pflegeaufwand, wird gesagt.

Gloor: Bäume verlieren Blätter. Das generiert aber kaum Mehrkosten, da die Strassen ohnehin gewischt werden müssen. Man muss Bäume gelegentlich schneiden, das ist so. Es braucht auch eine gewisse Anfangspflege, die ist aber üblicherweise in den Projektkosten enthalten. Auf das Gesamte gesehen, sind Bäume kein bedeutender Kostenfaktor. Ein 3,5 Meter hoher Baum mit Krone kostet grob die Hälfte eines Bänkleins. Der Unterhalt ist überschaubar, wenn richtig gepflanzt wird.

«Bäume sind bei diesem Projekt kein bedeutender Kostenfaktor.»

Näf: Bäume schneiden betreffend Kosten-Nutzen viel besser ab als andere Gestaltungselemente.

Zumstein: Der grosse Vorteil von Bäumen ist, dass sie ohne Zutun im Sommer kühlenden Schatten spenden und im Winter – ohne Blätter – nicht unerwünscht beschatten.

Gegenargument 2: Wertvolle Vorgärten müssen Asphalt weichen

Vom Projekt sind rund 130 private Parzellen betroffen. Die Gegner monieren, dass die Stadt mit den geplanten Bäumen auf der Strasse nur zu kaschieren versuche, dass zahlreiche Vorgärten wegen der Verbreiterung der Strasse verschwinden. Diese Vorgärten seien ökologisch viel wertvoller als «Designer-Bäume» auf der Strasse.

Sind Bäume im Strassenraum nur eine schlechte Kompensation für verschwindende Vorgärten?

Gloor: Auf der Website der Gegner sind sieben Beispiele von betroffenen Liegenschaften aufgeführt. Bei fünf geht es um die Parkierung vor dem Haus. Es ist also etwas vorgeschoben, nun mit Vorgärten zu argumentieren. Dort, wo es Vorgärten hat, dominieren Thuja und Kirschlorbeer, die möglichst wenig Aufwand generieren und von der Strasse abschotten sollen. Dieses Abwenden zeigt, dass die meisten Anwohner die heutige Strasse als etwas Negatives wahrnehmen. Zudem ist der ökologische Nutzen dieser Hecken nicht mit richtigen Bäumen vergleichbar. Wenn es irgendwo einen Vorgarten an der Ost-West-Achse gibt, der diesen Namen verdient, sind wir die Ersten, die sich für den Erhalt einsetzen. Bis jetzt habe ich aber keinen solchen gesehen.

«Es ist etwas vorgeschoben, mit Vorgärten zu argumentieren.»

Näf: Der wohl schönste Garten an der Achse ist durch den Abriss der Ärztevilla und den Neubau vis-à-vis des Kunstzeughauses bereits verschwunden, ganz ohne Strassenprojekt.

Für Landschaftsarchitekt Raphael Gloor sind die vielen Thuja-Hecken und Sträucher an der Ost-West-Achse ökologisch nicht sehr wertvoll.
PASCAL BÜSSER
Für Landschaftsarchitekt Raphael Gloor sind die vielen Thuja-Hecken und Sträucher an der Ost-West-Achse ökologisch nicht sehr wertvoll.
PASCAL BÜSSER
Für Landschaftsarchitekt Raphael Gloor sind die vielen Thuja-Hecken und Sträucher an der Ost-West-Achse ökologisch nicht sehr wertvoll.
PASCAL BÜSSER
Für Landschaftsarchitekt Raphael Gloor sind die vielen Thuja-Hecken und Sträucher an der Ost-West-Achse ökologisch nicht sehr wertvoll.
PASCAL BÜSSER
Es gibt auch Liegenschaften mit vielfältigen Bepflanzungen an der Achse.
PASCAL BÜSSER
«Der wohl schönste Garten an der Achse ist durch den Abriss der Ärztevilla und den Neubau vis-à-vis des Kunstzeughauses bereits verschwunden, ganz ohne Strassenprojekt», sagt Landschaftsarchitekt David Näf.
ISTVAN NAGY
Früher stand an der Stelle eine Ärztevilla...
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… mit grosszügigem Garten und grossen Bäumen.
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Was die Architekten zur Idee der Projekt-Gegner, Radstreifen von der Hauptachse zu verbannen, und fünf weiteren Gegenargumenten sagen, gibt es in der Printausgabe vom Samstag oder im E-Paper zu lesen.
 

Die drei Vertreter des Architekturforums Obersee
Das Architekturforum Obersee hat gut 50 Mitglieder. Es bezweckt laut Website die Förderung guter Architektur und die Verbesserung der Lebensqualität in der Region Obersee. Simon Zumstein (48) ist Vorstandsmitglied im Verein. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung von Roos Architekten in Rapperswil-Jona. Zumstein wohnt mit Frau und Kind in St. Gallenkappel und pendelt häufig mit dem E-Bike zur Arbeit. David Näf (33) wirkt ebenfalls im AFO-Vorstand. Er wohnt im Lenggis und arbeitet bei Graber Allemann Landschaftsarchitekten in Altendorf. Er fährt je nach Jahreszeit mit Velo oder Auto zur Arbeit. Raphael Gloor (54) ist seit zwanzig Jahren Mitglied im AFO. Er betreibt mit Partnerin und Stadträtin Tanja Zschokke (UGS) ein Büro für Landschaftsarchitektur im Lenggis, wo er auch wohnt. Das AFO und nicht seine Frau hätten ihn als Vertreter für das Gespräch ausgewählt, betont er. Gloor ist je nach Situation mit Bus, Töff, Auto oder Velo in der Stadt unterwegs. (pb)

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