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Betroffene kämpfen gegen «Generationenprojekt» in der Stadt

Der Umbau der «Lebensader» von Rapperswil-Jona stösst auf Widerstand. 50 Personen werben für ein Nein an der Urne. Das Projekt sei überrissen und komme zur Unzeit.

Pascal
Büsser
Montag, 14. Oktober 2019, 21:34 Uhr Abstimmungskampf lanciert
Sagen Nein: Anina Wildhaber-Zuppiger, Marcel Gasser und Christa Gebert (v.l.) überzeugt das «Generationenprojekt» auf der Ost-West-Achse von Rapperswil-Jona nicht.
PASCAL BÜSSER

Verhinderer aus Prinzip seien sie nicht. Das will Marcel Gasser klar festhalten. So weibelt er etwa mit dem Verein Verj für einen Stadttunnel. Er wohne seit eh und je in Rapperswil-Jona – «und damit an und mit dem Verkehr», sagt der Kommunikationsprofi in seinem Büro an der Neuen Jonastrasse 38. Hier arbeitet und wohnt Gasser seit gut zehn Jahren. Er wäre damit einer von gegen 130 Betroffenen, wenn das Projekt Stadtraum Neue Jonastrasse–St. Gallerstrasse am 17. November an der Urne eine Mehrheit findet (siehe unten).

Mehr Information verlangt

Circa 50 Personen haben sich zum «Bürgerforum Strassenraum Nein» formiert, primär betroffene Liegenschaftsbesitzer (Argumente unter stadtraum-nein.ch). «Wir stehen zur persönlichen Betroffenheit», sagt Gasser. «Aber wir finden das Projekt grundsätzlich überrissen. Und es kommt zur Unzeit.» Gasser spielt auf die Abstimmung zum Stadttunnel an, die für 2022 vorgesehen ist. «Diesem wichtigen Entscheid mit diesem Projekt vorzugreifen, macht keinen Sinn», findet er.

«Dem Entscheid zum Stadttunnel mit diesem Projekt vorzugreifen, macht keinen Sinn.»
Marcel Gasser, Bürgerkomitee Strassenraum Nein

«Das vorliegende Projekt für die Ost-West-Achse macht mit oder ohne Tunnel Sinn», sagt dagegen der städtische Bauchef Thomas Furrer. Er verweist auf Berechnungen der Planer: So hätte der Stadttunnel, der auf der Nord-Süd-Achse geplant ist, auf der Ost-West-Achse einen bescheidenen Effekt. Der Verkehr würde um fünf bis 15 Prozent abnehmen. Einzig auf dem kurzen Abschnitt zwischen Kunstzeughaus und Tüchi wäre mit einer Zunahme des Verkehrs von rund 40 Prozent zu rechnen – wegen der Sogwirkung des dort geplanten Tunnelportals.

Gasser reichen diese Berechnungen nicht. «Es wäre an der Zeit, dass Stadt und Kanton ein für den Bürger verständliches Konzept für das gesamte Strassennetz der Stadt vorlegen, inklusive der Funktion der Quartierstrassen.» Zudem sei es dem Stimmbürger nicht zuzumuten, über ein Projekt mit einer Kostenungenauigkeit von 30 Prozent abzustimmen. Budgetiert sind gut 80 Mio. Franken, 28 bis 36 Millionen müsste die Stadt tragen. Rund die Hälfte des Geldes ist für Entschädigungen von Grundeigentümern eingeplant. «Uns geht es darum, einen Grundsatzentscheid zu haben, bevor wir weiteres Geld verplanen», sagt Bauchef Furrer.

Kritik an der Kommunikation

Die Betroffenen bemängeln die Kommunikation der Stadt. Mitte Jahr sei man über das Projekt informiert worden. An derselben Veranstaltung hätten Kantonsvertreter das Enteignungsverfahren erläutert, wenn Liegenschaften oder Vorplätze für den neuen Strassenraum beansprucht würden. «Es hiess dann, die Stadt komme auf uns zu», sagt Anina Wildhaber-Zuppiger, die mit zwei Brüdern das Haus der Grosseltern an der St. Gallerstrasse 52 geerbt hat (kleines Bild oben). Nur dank aktivem Nachfragen hätten sie nun Ende Monat einen Termin für eine Besprechung mit der Stadt bekommen. Gut zwei Wochen vor der Abstimmung. «Wir fühlen uns etwas im Stich gelassen», sagt Wildhaber-Zuppiger. Sie und ihre Brüder besitzen eine der stark betroffenen Parzellen. Der geplante Gehweg würde durch das heutige Gebäude führen.

Stark betroffen: Der geplante Gehweg würde durch das heutige Haus an der St. Gallerstrasse 52 führen.
PASCAL BÜSSER

Die Stadt argumentiert, dass die Realisierung des Strassenraums etappenweise über einen langen Zeitraum erfolgen wird. Und Liegenschaftsbesitzer Entschädigungen und Mehrausnützungen bei einem Neubau erhalten. «Wir wollen aber kein Renditeobjekt bauen, sondern das Haus erhalten, das einen hohen emotionalen Wert für uns hat», sagt Wildhaber-Zuppiger.

Klar ist, dass allfällige Enteignungen verhältnismässig sein müssten. Dass ein Haus zugunsten eines Fussgängerwegs abgerissen werden müsse, sei undenkbar, sagt Furrer. «Da müssten wir nötigenfalls Kompromisse eingehen.» Sicher nicht mehr möglich wären die heutigen Parkplätze vor dem Gebäude.

Christa Gebert, bei deren Liegenschaft an der Neuen Jonastrasse 44 «nur» der Vorgarten betroffen ist, stört ebenfalls, dass das Strassenraumprojekt den Druck auf alte Liegenschaften zugunsten von verdichteten Neubauten erhöht. Ein ungutes Gefühl löste bei ihr auch die Infoveranstaltung mit der extern moderierten Fragerunde aus. «Es machte den Eindruck, als wolle sich der Stadtrat verstecken.» Sie vermisse den direkten Dialog der Stadt mit den Betroffenen.

«Kosten-Nutzen stimmt nicht»

Die neu geplanten Velospuren, die stadteinwärts mit der Busspur kombiniert sind, vermögen Wildhaber-Zuppiger nicht zu überzeugen. Wenn schon, brauche es klar vom Verkehr getrennte Velowege. «Für eine überzeugende Lösung wären wir eher bereit, Land abzutreten.» Beim aktuellen Projekt stimmten Kosten und Nutzen nicht überein.

«Wir vermissen kreative und mutige Ansätze», doppelt Gasser nach. «Stattdessen hält man sich stur an Normen.» Südlich und nördlich der Bahnlinie gebe es bereits Velowege durch die Quartiere, die man gezielt verbessern könne, statt alle Verkehrsträger auf die Hauptachse zu drängen. Die Idee, die Alte Jonastrasse dem Bus und dem Langsamverkehr zu überlassen, allenfalls mit einer Einbahnspur für Autos, habe die Stadt vorschnell verworfen.

Die Hauptachse ohne Velospur zu planen, sei undenkbar, hält Furrer dagegen. «Das wäre bei einer Einsprache rechtlich chancenlos.» Auf der Alten Jonastrasse hat die Stadt in den letz-ten Jahren diverse Einbahnregimes geprüft – und stets verworfen. Primär, weil sie Umwegverkehr generieren.

Ob auch das nun vorliegende «Generationenprojekt» nochmals einen Umweg nehmen muss, zeigt sich am 17. November. Eine kurvenreiche Fahrt ist ohnehin zu erwarten. «Bei einem Ja wird es über Jahre Rechtsstreitereien geben», ist sich Christa Gebert sicher.

 

Grüne Bäume sorgen weiter für rote Köpfe
«Wir sind nicht gegen Bäume», sagt Marcel Gasser im Namen der Projektgegner. Doch auch die geplanten Bäume entlang und in der Mitte der Ost-West-Achse erregen weiter die Gemüter. Damit wolle die Stadt beschönigen, dass viele  bestehende Grünflächen, Hecken und Bäume in den heutigen privaten Vorgärten für das «überrissene» Strassenprojekt  weichen müssten, so Gasser. Dies für Designerbäume, die aufwendig gepflanzt und teuer gepflegt werden müssten. «Ohne Garantie für ein Gedeihen, im unwirtlichen Umfeld von Asphalt und Verkehr.» (pb)

Mehr Platz für Bus, Velo und Fussgänger schaffen

Kanton und Stadt legen ein Gesamtkonzept für die Ost-West-Achse von Rapperswil-Jona vor. Bus- und Langsamverkehr werden priorisiert.

Der Stadtrat bezeichnet sie als «Lebensader» von Rapperswil-Jona, die Ost-West-Achse von der Ortseinfahrt Jona bis zum Rapperswiler Cityplatz. Bis zu 18 000 Fahrzeuge verkehren täglich auf der 2,7 Kilometer langen Strecke. Im Frühling hatten der Kanton, dem die Strasse gehört, und die Stadt ein Gestaltungsprojekt für den gesamten Abschnitt erstmals öffentlich präsentiert (Ausgabe vom 24. Mai). Dies als Reaktion auf die Ablehnung des Teilprojekts im Gebiet Jona Center 2017. Damals kritisierten Gegner, dass ein Gesamtkonzept fehle. Das nun vorliegende Gesamtprojekt ist mit insgesamt 80 Millionen Franken veranschlagt, wobei die Kostenungenauigkeit aufgrund der frühen Planungsphase bei 30 Prozent liegt. Die Stadt muss circa 28 bis 36 Millionen beisteuern. Den Hauptkostenteil übernimmt der Kanton.

Idee: Die Ost-West-Achse soll für Fussgänger und Velofahrer attraktiver werden – dank mehr Platz und Bäumen.
VISUALISIERUNG STADT RAPPERSWIL-JONA

Das Projekt sieht stadteinwärts grösstenteils eine Busspur vor, um künftig zu verhindern, dass dieser in Stauzeiten stecken bleibt. Ebenso ist beidseitig ein durchgehender Radweg geplant, stadteinwärts auf einer kombinierten, 4,5 Meter breiten Spur mit dem Bus. Ebenso sind grosszügige Trottoirs von 2,5 bis 3,5 Metern Breite geplant. Nicht mehr Raum gibt es grundsätzlich für den motorisierten Individualverkehr (MIV), was die Gegner kritisieren. Laut den Projektverantwortlichen soll der MIV aber künftig flüssiger laufen dank verbesserter Knoten und einer mehr als doppelt so langen Abbiegespur von der St. Gallerstrasse in die Feldlistrasse. Mit Bäumen in und entlang der Strasse will die Stadt den Strassenraum aufwerten. (pb)

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