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Hilferuf aus Wagen kommt an – Wirz landet nicht in der Tonne

Weil die Kohlköpfe viel zu gross waren, drohte Gemüsebauer Martin Krucker aus Wagen auf sechs Tonnen unverkäuflichem Wirz sitzen zu bleiben. Dann hat er eine Idee – und das Gemüse ist gerettet. 

Südostschweiz
21.11.22 - 18:14 Uhr
Wirtschaft
Landwirt wird Wirz doch noch los: Martin Krucker vom Auhof Jona mit seinem «Riesengemüse».
Landwirt wird Wirz doch noch los: Martin Krucker vom Auhof Jona mit seinem «Riesengemüse».
PRESSEBILD

Im Radio, auf Social Media, in Whatsapp-Gruppen und Chats, ja auf allen Kanälen verbreitet sich das SOS von Martin Krucker aus Wagen und seinen sechs Tonnen Wirz. In einem kurzen Youtube-Film, der den Auhof-Bauern mit in Sorgenfalten gelegter Stirn zeigt, erklärt er den Menschen, wieso er den prächtigen Wirz nicht an den Mann und die Frau bringt. Krucker seufzt ratlos in die Kamera: «Weil unsere Abnehmer den viel zu grossen Kohl nicht wollen, sitzen wir nun darauf.» Damit das Gemüse nicht im Kompost lande, würden er und sein Team den Wirz für einen Unkostenbeitrag an Interessierte abgeben.

Alleine auf der Facebook-Seite von FM1Today wird der Beitrag mehr als 500-mal geteilt und die Kommentarspalten füllen sich mit Solidaritätsbekundungen. Viele meinen, dass das Riesen-Gemüse für sie kein Problem sein würde à la «Ich würde sie kaufen, auch im Handel». Einige schreiben sogar, dass sie explizit die überdimensionierten Köpfe wählen würden, weil sie die grossen Blätter für die Wirzrouladen brauchen.

Und schon landet man fast beim Philosophieren über das gesunde Wintergemüse, das als Vitamin-C-Bombe eine Orange glatt in den Schatten stellen kann. Ob der Gedanke an Food Waste, die Aussicht auf ein deftiges und gesundes Gericht oder die Unterstützung von Martin Krucker im Vordergrund steht, ist einerlei. Die Wirz-Käufer und -Käuferinnen pilgern am Montag in Scharen zum Auhof und helfen mit, den Gemüseberg abzubauen.

Alle Hände voll zu tun: Petra Krucker und ihr Team machen die Ware parat. BILD GABI CORVI
Alle Hände voll zu tun: Petra Krucker und ihr Team machen die Ware parat. BILD GABI CORVI

Dem Wirz war es zu wohl

Dass der Wirz die Schallmauer von einem Kilogramm locker durchbricht, liegt wohl an einer Verkettung von glücklichen oder eben unglücklichen Umständen. Einerseits hatte ihn die Familie Krucker heuer etwas weniger eng gepflanzt, sodass er sich noch besser entfalten konnte, andererseits war er zu früh erntereif. «Es war ihm einfach zu wohl», meint Martin Krucker beim Herankarren einer neuen Ladung Köpfe lakonisch. So erreichte der Wirz bereits im September seine verkaufsfreundliche Grösse von rund 600 von 800 Gramm.

Eine Ernte zu diesem Zeitpunkt wäre jedoch nicht möglich gewesen, da angesichts der grossen Menge an Wirz schlicht die Kühleinrichtungen fehlten. Und so wuchs und wuchs er, und weder der Handel noch die Gastrobetriebe der Region wollten ihn schliesslich haben. «Lieber den Kunden etwas Gutes tun, als den Wirz in der Tonne entsorgen», dachten sich Martin Krucker und seine Ehefrau Petra und riefen die Aktion ins Leben. Ein fast Basketball grosser Wirzkopf kostet nun 1.50 Franken. Und so läuft es bei Kruckers am Montag im wahrsten Sinne des Wortes rund.

Riesige Resonanz

Wie an der Wühlkiste beim Ausverkauf stehen am Montagmorgen die Kundinnen und Kunden um die Kisten mit den grünen Kugeln herum. Die Männer und Frauen sind aus Rapperswil-Jona, aber auch aus Wattwil oder Schindellegi angereist, um sich mit dem Grünzeug einzudecken.

Ein junger Familienvater aus dem Bezirk Höfe meint: «Ich stamme aus einer Grossfamilie und wir haben nie Esswaren fortgeworfen. Als meine Frau «mir diese Nachricht mit dem Wirzverkauf gezeigt hat, war für mich klar, dass ich hier mithelfen muss, dass das Gemüse nicht im Abfall landet.»

Auch ein Mann aus Wattwil füllt seine Holzharassen bis oben voll für sich und die Verwandtschaft – als willkommene Entlastung des Portemonnaies. Auch Peter Hackbusch aus Esslingen ZH hat kräftig zugelangt, denn er und seine Frau machen das Gemüse ein, fermentieren es also. «Bei uns gibt es alle möglichen Varianten eines Wirsing-Sauerkrautes, zum Beispiel mit Chili oder Weisswein», freuen sie sich über das einwandfreie Gemüse. «Anrufe haben wir auch aus dem Rheintal und aus dem Thurgau bekommen», erzählt Petra Krucker beim Sortieren des Wirz’.

Die Resonanz auf den Aufruf ist so riesig, dass die Familie Krucker am Abend zufrieden vermelden kann: Die sechs Tonnen sind weg, «aller übergrosse Wirz hat glückliche Abnehmer gefunden». Der kleine Erlös deckt die Anbau- und Erntekosten und den Mehraufwand für die Aktion nicht, aber Petra Krucker hat den Plausch an den zufriedenen Besuchern auf dem Hof und meint lachend: «Diesen Tag werden wir wohl nicht so schnell vergessen!»

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