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Die Maske wird zum Stresstest für Schulen

Die Maske wird zum Stresstest für Schulen

Einige Eltern in See-Gaster wollen wegen der Maskenpflicht ab der 4. Klasse ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken. Andere tun das Gleiche aus Angst vor Covid. Mittendrin: die Schulbehörden.

Fabio
Wyss
06.01.22 - 19:43 Uhr
Politik
Schwierige Aufgabe: Die Maske ab der vierten Klasse kostet die Beteiligten an den Schulen viele Nerven.
Bild Keystone

Die erste Schulwoche nach den Weihnachtsferien hat turbulent begonnen. Gut 100 Eltern bekundeten vor dem Büro des St. Galler Bildungschefs Stefan Kölliker (SVP) am Montagabend ihren Unmut über die Maskenpflicht ab der 4. Primarstufe. Ausgerechnet – gilt doch Kölliker schweizweit als jener Regierungsrat, der sich am meisten gegen Massnahmen an Schulen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie eingesetzt hat.

Mit hässigen E-Mails, Schreiben oder Telefonaten schlagen sich derzeit Vertreter der lokalen Schulbehörden herum. «Entsprechend fordernd ist die gegenwärtige Korrespondenz», sagt der Eschenbacher Schulpräsident Reto Gubelmann. Die Kritik kommt aus beiden Lagern: «Den einen gehen die Massnahmen zu weit und den andern wären ausgeweitete Massnahmen lieber», sagt er. Gleiches bestätigt sein Amtskollege Luca Eberle in Rapperswil‑Jona, der eine Zunahme solcher Unmutsbekundungen feststellt.

Das führt vereinzelt dazu, dass Eltern ihre Kinder gar nicht mehr zur Schule schicken wollen. Auch in kleineren Schulgemeinden ist das ein Thema. Allerdings: «Bis anhin konnten wir immer im Gespräch bleiben und mussten keine rechtlichen Wege einschlagen», sagt die Gommiswaldner Rektorin Irene Egli. Die meisten Eltern sähen ein, dass die Weisungen des Kantons verbindlich seien und «unser Handlungsspielraum in dieser Sache sehr begrenzt ist». Nur ganz vereinzelt werde die Schule zur Zielscheibe von Massnahmengegnern, sagt Egli.

Petition macht im Netz die Runde

Zahlreicher sind die Maskengegner im Internet. Die St. Galler Online-Petition «Keine Maskenpflicht für Kinder in der Primarschule» wurde auf Facebook bereits 862 Mal geteilt. So kamen über 5800 Unterschriften zustande. «Für die Wut, die zuweilen Eltern wegen der Maskenpflicht umtreibt», zeigt Regierungsrat Kölliker und selbst Vater schulpflichtiger Kinder «grosses Verständnis». Dass Eltern damit Mühe haben, mag aus ihrer Optik verständlich sein, wie er sagt. «Wir haben aber als Regierung und als Bildungsrat eine Gesamtoptik einzunehmen.» Dabei wäge die Regierung jeweils Vor- und Nachteile jeder Massnahme ab. Und in der aktuellen Situation werde die Maskenpflicht als notwendig erachtet.

Tatsächlich ist die Lage angespannt. Im Linthgebiet erreichen Covid-19-Infektionen ein noch nie dagewesenes Ausmass. Alleine am Montag wurden 231 neue Fälle bekannt; am Dienstag kamen 195 weitere dazu. Vor den Festtagen lag der Tageshöchstwert noch bei 140 Fällen. Im Vergleich dazu dürfte nun der Anteil Kinder unter den Angesteckten gesunken sein – Ferien sei Dank. «Die Kinder haben Covid-Infektionen nach Hause gebracht, dies beobachten wir sehr viel», sagt dazu Andreas Bickel, der medizinische Leiter des Joner Ärztehauses Rappjmed.

Etwas weniger Ausfälle an Schulen

Entsprechend sieht es an den Schulen entspannter aus als noch vor Weihnachten. «Wir konnten erstaunlich ruhig starten», sagt die Gommiswaldner Rektorin Egli. Sowohl bei Lehrpersonen, als auch bei Kindern verzeichne die Schule nur wenige Ausfälle. «Im Gegensatz dazu bekundeten wir im Dezember teils Mühe, den Schulbetrieb aufgrund der vielen fehlenden Lehrpersonen überhaupt aufrechtzuerhalten.» Ähnliches ist aus Benken und Eschenbach zu hören. Etwas anders die Lage in Rapperswil‑Jona: «Während in einigen Schulteams alle Lehrpersonen zur Arbeit erschienen sind, fallen in anderen Schuleinheiten mehrere Lehrpersonen wegen Corona aus», sagt Schulpräsident Eberle.

Zudem gebe es Lehrpersonen, die wegen einer Covid-Erkrankung länger ausfallen oder nur reduziert arbeiten. Bei allen vier angefragten Schulgemeinden ist das der Fall. Kinder sind dagegen von längeren krankheitsbedingten Absenzen kaum betroffen. Allerdings fallen in Eschenbach laut Reto Gubelmann wegen der Quarantäne Schulkinder teils länger aus. «Ohne Zertifikate ergeben sich in unglücklicher Ansteckungskonstellation innerhalb eines Haushalts viele Quarantänetage», erklärt der Schulpräsident.

Fernunterricht wegen Omikron?

Trotz des verhältnismässig ruhigen Starts bleibt unklar, ob und wie der Schulbetrieb aufrechterhalten werden kann. Der Grund: die neue Virusvariante Omikron. Für erkranktes Lehrpersonal sind kaum noch Stellvertretungen auffindbar. «Diese Unsicherheit ist für alle belastend», sagt SP-Stadrat Eberle.

Wenig daran ändern dürfte die Impfung der Kinder – aufgrund der geringen Nachfrage. Diese wurde am Mittwoch in Jona gestartet (siehe Box). Thomas Minder, der Präsident des Schweizer Schulleiterverbands, geht davon aus, dass wegen Omikron viele Lehrpersonen gleichzeitig ausfallen werden. «Im Extremfall muss man wieder auf Fernunterricht umstellen», sagte der Ostschweizer am Mittwoch in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Für Kinder bringe eine allfällige Schulschliessung nichts, wenn nicht auch in anderen Teilen der Gesellschaft wieder Schliessungen verordnet würden, sagt dagegen Moreno Malosti von der Joner Kinderarztpraxis Regenbogen: «Das Kind steckt sich entweder in der Schule oder bei den Eltern an, die zur Arbeit gehen. Am Ende muss trotzdem die ganze Familie in Quarantäne.» Das Vorstandsmitglied des Vereins Haus- und Kinderärzte Ostschweiz spricht von einem «Teufelskreis».

Wut auch gegen Ärzte

Im Interview (siehe unten) erläutert Malosti weitere Fragen. Das ist nicht selbstverständlich. Wegen Beschimpfungen aus dem Umfeld von Massnahmenkritikern zog ein anderer Arzt sein Interview mit dieser Zeitung zurück. Er befürchtete wütende Reaktionen.

Immerhin scheint es sich dabei zwar um eine laute, aber verhältnismässig kleine Gruppe zu handeln. Schulpräsident Luca Eberle berichtet von einem Grossteil der betroffenen Eltern in Rapperswil‑Jona, welche viel Verständnis aufbringen.

Derweil versucht der St. Galler Bildungsdirektor Kölliker, die Wogen zu glätten: «Wir werden sämtliche Massnahmen so kurz aufrechterhalten wie irgend möglich. Aber die Dauer der nötigen Massnahmen bestimmt nicht die Regierung oder der Bildungsrat, sondern die Entwicklung der Pandemie.»

In Jona erhalten die ersten von 1000 Kindern ihre Impfung
Der Kanton St.Gallen hat am Mittwoch mit der Kinder-Impfung losgelegt. In Jona und St. Gallen sind die ersten Covid-Impfstoffe an rund 160 Kinder zwischen fünf und elf Jahren verabreicht worden. «Die Impfungen verliefen reibungslos und es gab keine Wartezeiten», heisst es vom Gesundheitsdepartement. Aktuell sind rund 1060 Kinder für eine Impfung angemeldet. Für den Joner Kinderarzt Moreno Malosti ist klar: «Je schneller die Kinder geimpft werden, desto schneller wird dies dazu beitragen, die Virus-Zirkulation an Schulen und die daraus resultierende Störung des Alltags der Kinder zu begrenzen.»

«Wer sein Kind impfen will, muss sich beeilen»

Moreno Malosti, Joner Kinderarzt und Vorstandsmitglied des Vereins Haus- und Kinderärzte Ostschweiz, über Impfen, Masken und Omikron.

Moreno Malosti, wie gross ist derzeit die Belastung in Ihrer Kinderarztpraxis Regenbogen in Jona?

MORENO MALOSTI: Nicht viel anders als vor Weihnachten. Seit Mitte Dezember sind wir stark ausgelastet – auf einem hohen, aber stabilen Niveau. Neben all den anderen Infekten kommt Covid-19 zusätzlich dazu. Wir testen darum regelmässig auf Covid-19, um in Erfahrung zu bringen, um welche Art Krankheit es sich handelt. Die Schulferien haben sicher gutgetan, damit sich die Ansteckungen nicht vermehren.

Wie geht das nun weiter?

Die Ansteckungsfähigkeit durch die neue Variante des Coronavirus ist erhöht. Kinder sind also ansteckender als bei früheren Virusvarianten, weil die Kinder zu der mehrheitlich ungeimpften Bevölkerungsgruppe gehören. Und in dieser zirkuliert das Virus bekanntlich stärker.

In der Schweiz ist für Kinder ab fünf Jahren der Impfstoff von Pfizer/Biontech zugelassen. Empfehlen Sie diese Impfung?

In der Gruppe von fünf bis elf Jahren wird sie empfohlen. Sinn macht das in dieser Altersgruppe vor allem für Kinder mit Vorerkrankungen oder solche, die Kontakt zu gefährdeten Personen haben. Der individuelle Nutzen muss überwiegen und es ist letztlich ein Entscheid der Eltern. Klar ist aufgrund der hohen Zirkulation des Virus: Wer sein Kind impfen lassen will, muss sich beeilen. Je schneller die Kinder geimpft werden, desto schneller wird dies dazu beitragen, die Virus-Zirkulation und die daraus resultierende Störung des Alltags der Kinder zu begrenzen.

Wie beurteilen Sie die Gefährlichkeit des Virus für Kinder?

Wir stellen viele Fälle fest, aber die Verläufe sind aktuell nicht schwerer als bisher während der Pandemie. Geändert hat sich vor allem, dass Kinder ansteckender sind.

Omikron-Daten aus der USA, Grossbritannien und Südafrika zeigen vermehrte Hospitalisationen bei Kindern. Macht das Ihnen Sorgen?

Aktuell wäre mir in der Ostschweiz keine Zunahme bekannt, das bestätigte mir das Kinderspital St. Gallen. Ob die Daten aus anderen Ländern auf die Schweiz übertragbar sind, ist zu hinterfragen. Möglicherweise kann es daran liegen, dass Kinder schneller und durch andere Kriterien hospitalisiert werden als bei uns, wo Kinder- und Hausärzte die erste Anlaufstelle sind.

Besser bekannt dürfte die Situation um Long Covid sein. Auch Kinder sind vereinzelt betroffen.

Sicher gibt es einige Fälle – auch bei uns in der Praxis. Verharmlosen darf man das nicht. Was dabei auffällt: Nicht alle Beschwerden sind auf Long Covid zurückzuführen. Viele Kinder klagen über lang anhaltende Beschwerden, egal ob sie positiv oder negativ getestet worden sind. Es ist wichtig, dass man diese Kinder ernst nimmt. Momentan ist schwierig zu beurteilen, wann und ob diese Beschwerden wieder weggehen. Wir wissen alle nicht, was in einem oder in fünf Jahren ist. Bei Long Covid gilt das für Kinder gleich wie bei Erwachsenen.

Dennoch sträuben sich viele Eltern gegen die eingeführte Maskenpflicht ab der 4. Klasse. Zurecht?

Atemschutzmasken können vielleicht unangenehm oder lästig sein. Aber es gibt keine Studie, die belegen würde, dass eine Maske zu gesundheitlichen Schäden führt. Masken per se sind darum kein Problem und auch Kinder können sie problemlos tragen. Wir müssen teils erklären, dass ein Schal oder ein Tuch kein Ersatz ist. Immer wieder erhalten wir auch Anfragen für eine Maskendispens. Für eine solche gibt es aber nur sehr wenige Ausnahmen – wie zum Beispiel psychische oder schwere Lungenerkrankungen.

Und wirken die Masken denn auch?

Das Maskentragen ist hochwirksam. Genauso wie gut belüftete Klassenzimmer. Auch Reihentests würden viel bringen. Aber nur, wenn alle daran teilnehmen. Das Schwierigste für Kinder, Eltern und Schulbehörden sind die je nach Kanton unterschiedlichen Massnahmen. Schon wenige Kilometer von Rapperswil‑Jona entfernt gelten andere Vorschriften. Dass diese Massnahmen nicht aufeinander abgestimmt sind, verwirrt viele. Zudem verspüren wir eine starke Corona-Müdigkeit. Die Schulen zu schliessen bringt nichts, solange nicht in der ganzen Gesellschaft stärkere Einschränkungen gelten.

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