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Ein liebenswürdiges «Street-Art-Monster»

Kolumnist Luca Brunner berichtet regelmässig über sein Leben im Big Apple. Heute widmet er sich der Street Art.

Linth-Zeitung
Donnerstag, 29. August 2019, 10:27 Uhr New York, New York

von Luca Brunner*

Life happens, coffee helps» («Leben passiert, Kaffe hilft») steht auf der Wand eines unscheinbaren Gebäudes im Norden Brooklyns. Wahre Worte! Neben dem Satz in Regenbogenfarben gemalt: das liebenswürdige «Street-Art-Monster» Frank Ape. Die fiktive Kunstfigur des kanadischen Strassenkünstlers Brandon Sines begleitet mich schon seit über einem Jahr durch New York und ist mir ans Herz gewachsen. Wie mir Sines im Interview verriet, soll Frank Ape dem Betrachter positive Botschaften übermitteln. Seine Figur stehe für die Kraft der positiven Gedanken und wie man damit Berge versetzen kann. An der Baustelle neben dem höchsten Gebäude Amerikas, dem One World Trade Center (auch bekannt als Freedom Tower), prangt eine Zeichnung mit dem Titel «Everyone’s different and everyone’s the same» («Jeder ist verschieden und jeder ist derselbe»). Ein weiteres Statement für die kulturelle Vielfalt, die Gleichbehandlung und das weltoffene New York generell. Eines ist klar: Street Art ist nicht erst seit dem berühmten «sozialistischen Bruderkuss» von Leonid Breschnew und Erich Honecker auf der Berliner Mauer politisch.

Die Strassenkunst ist heute nicht mehr aus dem Stadtbild New Yorks wegzudenken. Dennoch versuchten in der Vergangenheit einige Bürgermeister wie Michael Bloomberg oder John Lindsay bereits, die Stadt und vor allem seine grauen Wände von Malereien von Bansky & Co. zu befreien. Zum Glück vergebens. Oder wie es Brandon Sines treffend formuliert: «Street Art can make the ugly stuff beautiful» («Street Art kann hässliches Zeug schön machen»). Die Geschichte der Strassenkunst ist vielschichtig, und es gibt verschiedene Deutungshoheiten, wo sie denn nun wirklich geboren sei. Ausser Frage steht jedoch, dass New York City eine wichtige Rolle spielte. In den 20er-Jahren wurden die ersten Züge und Wände in der Bronx grossflächig bemalt, und in den 80er-Jahren machte Keith Haring die New Yorker Street-Art-Szene mit Zeichnungen wie derjenigen an der Houston Bowery Wall weltberühmt. Heute gilt das Bushwick Collective als grösste Outdoor-Galerie New Yorks und ist gewissermassen der «Freiluft-Louvre für Street-Art-Fans».

Bankautomaten sind normalerweise eher ein trauriger Ort. Schwups – und weg ist das schöne Geld vom Konto. Nicht so an der Fulton Street in Brooklyn, dort steht ein farbenfroher Automat und verteilt statt Geld Liebe; zumindest grafisch. Ein bisschen kommerzialisiert hat sich die Strassenkunst dennoch. Die Werbebranche hat nämlich ebenfalls ihr Potenzial entdeckt. Darum wird das italienische Bier Peroni neuerdings auch per Street-Art-Kampagne beworben. Salute!

*Luca Brunner aus Rapperswil-Jona ist Journalist, Mitgründer zweier Politnetzwerke und passionierter Querdenker. Er lebt und arbeitet in New York.

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