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Des Sportverkäufers Freude ist des Naturschützers Leid

Der Verkauf und die Vermietung von Stand-up-Paddle (SUP) boomen. Pioniere aus dem Linthgebiet freuen sich, aber wehren sich auch gegen Fehlbare der Szene.

Fabio
Wyss
Montag, 27. Juli 2020, 22:03 Uhr SUP-Optimal
Verkäufer reiben sich die Hände, Naturschützer die Augen: Immer mehr Stand-up-Paddler sind wie hier in Schmerikon unterwegs.
BILDER MARKUS TIMO RÜEGG

Derzeit stehen viele Leute auf die hiesigen Seen. Ob mit Hund, Kind oder Kühlbox – die Paddler auf ihren Brettern sieht man in allen möglichen Kombinationen. Den Trend des Stand-up-Paddlings (SUP) bestätigen zwei Pioniere aus dem Linthgebiet: «Wir können jetzt schon sagen, dass das unsere beste Saison wird», sagt Michi Seliner. Seit neun Jahren führt er an der Weesner Gäsistrasse eine SUP-Vermietstation, die erste überhaupt in der Deutschschweiz.

Von Anfang an dabei war auch das Schmerkner Sportgeschäft Kustersport. In der Kanubranche seien sie anfangs belächelt worden, nun würden die SUP einen grossen Bestandteil des Geschäfts ausmachen, sagt Geschäftsführer Reto Kuster. «Der Boom ist noch grösser als 2011.» Damals erfasste der Trend aus den USA in einer ersten Welle die Schweiz. Seither habe die Nachfrage nicht abgerissen, so Kuster. Die beschränkten Möglichkeiten wegen Corona würden den SUP heuer gar einen Extraschub verleihen, ergänzt der Schänner Seliner. Vor allem, weil der Sport gesund, die Einstiegsschwelle dafür tief und ein SUP erschwinglich sei – Komplettsets sind ab 230 Franken erhältlich.

Bedrohtes Brutgeschäft

Mit der Erfahrung der beiden SUP-Pioniere können die wenigsten mithalten. Seliner sieht darum auch Schattenseiten des Trends: «Jene, die ihr Brett im Internet kaufen, sind null informiert.»

Am oberen Zürichsee führt das zu Problemen. Hier gibt es in Ufernähe viele gelb markierte Naturschutzzonen. Jean-Marc Obrecht, Präsident des Vereins Natur Rapperswil-Jona, beobachtet, dass viele SUP die Naturschutzzonen regelmässig missachten. Das sei keine gute Entwicklung. «Diese Zonen sind dazu da, die Vögel zu schützen. Wiederholte Störungen führen dazu, dass Vögel dort kein Brutgeschäft beginnen», so Obrecht. Im schlimmsten Fall müssten die Vögel die Brut sogar abbrechen.

Der SUP-Trend ist genau in diese Brutzeit der Wasservögel gefallen. Diese dauert gemäss Obrecht von etwa April bis Juli. Das Ganze verschärft sich noch, gemäss den Aussagen von Arno Puorger vom kantonalen Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF): «Die Stand-up-Paddler können in bislang wenig gestörte Ecken vordringen.»

Dazu deuten erste Studien daraufhin, dass das Störpotenzial der SUP im Vergleich zu anderen Wassersportarten grösser ist. Puorger sagt, das mache sich in den vergleichsweise längeren Fluchtdistanzen bemerkbar. Schon bei einer Entfernung von 1,5 Kilometern flüchten die Vögel vor den Eindringlingen. «Es wird vermutet, dass dies mit der guten Erkennbarkeit der menschlichen Silhouette zusammenhängt», sagt Puorger. Teilweise flögen die Tiere gar zu anderen Gewässern, was mit Energieverlusten verbunden sei. Besonders bei überwinternden Zugvögeln sei das kritisch, sagt der ANJF-Mitarbeiter: «Das kann deren Überlebenserfolg beeinträchtigen.»

 

Dringen in neue Gefielde vor: SUPs bedrohen darum das Brutgeschäft von Wasservögel.

Gibt es nicht zu viele Vögel?

Die Vielzahl Vögel und Vogelarten auf dem Zürcher Obersee wirft eine Frage auf: Gibt es hier nicht zu viele Vögel? Der Naturschützer Obrecht verneint: «Auf dem Obersee existieren zwar viele naturnahe Uferabschnitte mit einem Schilfgürtel. Ganz im Gegensatz dazu der untere Zürichsee, wo es nur vereinzelte Mikro-Naturschutzzonen gibt.» Die Natur des Zürichsees konzentriere sich auf den Obersee, und diese gelte es zu schützen.

Obrecht steht mit seinem Anliegen nicht alleine da. Ein ganze Organisation hat sich der Problematik verschrieben. Der Verein Natur und Freizeit (N&F) lancierte auf dieses Jahr hin ein Pilotprojekt auf dem Zürichsee mit Regeln für Wassersportler (siehe «Aufs Wasser mit Rücksicht»).

Im gleichen Boot wie der Verein sitzt der Schweizerische Kanuverband, welchem die Sportart SUP angehört. Auch Kustersport oder die Firma SUP-Kultur mit einer Station im Joner Stampf ist dabei. An der Station liegt Informationsmaterial des Vereins N&F auf. Am Wochenende instruieren Angestellte wie Stefanie Zaugg die Kunden vor Ort. Von ihrer Seite her sei die Informationspflicht erfüllt, sagt sie. «Leider können wir nicht beeinflussen, was der Kunde danach damit macht. Ob Vermietung oder Verkauf, es ist immer unklar, ob Kunden solche Broschüren lesen.»

Sie würde sich darum wünschen, dass die Zonen besser markiert wären, denn die Bojen lägen teils weit auseinander. «Wenn diese zudem mit Schildern markiert wären, würde das viel helfen. Denn es gibt viele Leute, die schlichtweg nicht wissen, was der Sinn einer Boje ist», sagt Zaugg.

Regeln, die wenige kennen

Zurück zum Walensee. Dort existieren keine Naturschutzzonen, aber dennoch gibt es Aufklärungsbedarf: «Viele Paddler sind ahnungslos und kennen die auf dem See geltenden Regeln nicht», sagt SUP-Vermieter Seliner. Wenn er ausserhalb von 300 Metern Paddler ohne Schwimmweste sieht, macht er sie auf die Mitführpflicht aufmerksam. «Wir spielen nicht Polizist, aber es geht um den Ruf des Sports.»

Vielen nicht bekannt sind laut Seliner auch die Vortrittsregeln: SUP gehören zur Untergruppe der Paddel- und Ruderboote. Unter diesen gilt Rechtsvortritt. Güter-, Kurs- und Segelschiffe haben Vortritt, ebenso Fischerboote mit Schleppschnüren. Das Missachten dieser Regeln führt nicht nur zu Bussen (siehe Tabelle), sondern auch zu gefährlichen Situationen. Der Rapperswiler Bootsfahrlehrer Andy Bürgi sagt: «Während einer Nacht ohne viel Mondschein sieht ein Kapitän ein unbeleuchtetes SUP nicht – keine Chance.» Paddler würden sich «enormen Gefahren» aussetzen, wenn sie die Rundumbeleuchtung nicht montieren würden.

Weitere Regeln finden sich auf der App «Auf Kurs». Diese bietet Wassersportlern auf dem Zürich- und Walensee sowie dem Linthkanal Wissenswertes zu Wasserstand und -temperatur und alarmiert Nutzer, falls sich diese zu nahe bei einem Sperrgebiet aufhalten.

Etwas fehlt aber. Sinken im Herbst die Temperaturen, steigen für unbedarfte Paddler die Risiken. Das sieht auch Sporthändler Kuster so: «Man ist sehr schnell unterkühlt. Unpassende Textilien wie Jeans saugen das Wasser auf und erschweren das Schwimmen.» So reizvoll der Sport ist, bleibt zu hoffen, dass bis dahin die Informationen zu allen Stehpaddlern fliessen.

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