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Bilanz nach vier Jahren: So hat sich der Krieg verändert

Russland wollte die ukrainischen Linien 2024/25 durchbrechen – und ist gescheitert. Die ganze mengenmässige Überlegenheit bei Material und Personal reicht nicht, um den Widerstand zu brechen.

Südostschweiz
20.02.26 - 17:00 Uhr
RUSSIA UKRAINE WAR PRISONERS
Am 5. Februar in Chernihiw: Ukrainische Soldaten kehren aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück.
Bild: Sergei Grits / Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

Es ist nun vier Jahre her, seit Russland einen umfassenden Krieg gegen die Ukraine und den Westen begonnen hat. Was haben wir in dieser Zeit gelernt?

Erstens: Die Geschichte mit ihren Kämpfen ist, anders als es Fukuyama Anfang der 1990er-Jahre behauptete, nicht vorbei. Ein grosser Krieg ist in Europa im 21. Jahrhundert möglich.

Zweitens: Es ist möglich, einen umfassenden Krieg unter Beteiligung einer Atommacht ohne den Einsatz von Atomwaffen zu führen. Konventionelle Streitkräfte bleiben für die Sicherheit von zentraler Bedeutung.

Drittens: Menschen können sich
an Krieg gewöhnen und ihn als Teil ihres Alltags akzeptieren.

Der Krieg als neue Normalität ist eine grundlegende «Errungenschaft» der imperialistischen Propaganda Russlands. Moskau hat den Krieg durch das Konzept der hybriden Kriegsführung normalisiert. Dieses Konzept sieht aus wie ein nicht realer Krieg oder ein Unterkriegszustand. Es dient als bequemer Einstieg in einen «echten» kinetischen Krieg.

Es wurde zur Normalität, dass imperialistische Aggressoren im 21. Jahrhundert Völkermord praktizieren. Die Russen gaben vor, die ukrainische und die krimtatarische Sprache in der ersten Phase ihrer Invasion seit 2014 zu respektieren. Jetzt verbrennen sie ukrainische Bücher und schicken Kinder zur «Umerziehung» in spezielle Lager. Kinder in ganz Russland werden mit massiver militaristischer Propaganda einer Gehirnwäsche unterzogen.

Die Entführung ukrainischer Zivilisten hat ein beispielloses Ausmass erreicht. Sie können nur schwer aus russischer Gefangenschaft befreit werden, da ihnen der Status als Kriegsgefangene verweigert wird. Tausende Kinder werden nach Russland verschleppt und dort ihrer Identität beraubt.

Das Foltern und Aushungern von Kriegsgefangenen erinnert an Szenen aus den Kriegsverbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen Russland Leichen ukrainischer Militärs und ziviler Gefangener ohne innere Organe und Gehirn zurückgegeben hat.

Ukrainischen Gefangenen werden die grundlegendsten Rechte vorenthalten, die früher international anerkannt waren. Dem Roten Kreuz wird der Zugang zu ukrainischen Kriegsgefangenen einfach verweigert. Unterdessen behandelt die Ukraine russische Kriegsgefangene, von denen viele Putin loben, nach den Genfer Konventionen.

Das ukrainische Rechtssystem hat bis August 2025 fast 400 Vergewaltigungsfälle durch russische Soldaten registriert, darunter 136 Männer und 20 Kinder als Opfer. Viele weitere Fälle sind nicht registriert.

Man muss um ein Vielfaches stärker sein, um den Widerstand eines Landes zu brechen, das sich für die Verteidigung seiner Unabhängigkeit entscheidet.

Eine weitere Lehre aus diesem Krieg ist, dass man zwar stark sein mag, aber um ein Vielfaches stärker sein muss, um den Widerstand eines Landes zu brechen, das sich für die Verteidigung seiner Unabhängigkeit entscheidet. Die Überlegenheit Russlands in Bezug auf Seestreitkräfte, Luftwaffe und Raketen ist enorm. Die Ukrainer kämpfen, während die Russen über mehr Personal und Artilleriemunition verfügen. All das reicht immer noch nicht aus, um die Ukraine zum Gehorsam zu zwingen.

Russland ist es in der Anfangsphase des Krieges nicht gelungen, die Lufthoheit zu erlangen. Das lässt einige arrogante westliche Experten glauben, dass Luftüberlegenheit nach wie vor der Schlüssel zum Sieg ist. Und dass Drohnenkriegführung ein «Krieg für die Armen» ist. Sie irren sich. Früher oder später sind Soldaten vor Ort – und spüren, dass Drohnen das Schlachtfeld unwiderruflich verändert haben.

Russland will immer noch die ganze Ukraine erobern oder das politische Regime in unserem Land nach seinem Geschmack verändern. Aber Russland hinkt bei der Erreichung seiner militärischen Ziele hinterher. Mehr noch, die militärischen Ziele Russlands haben sich geändert.

Die Russen planten, die ukrainischen Linien 2024/25 zu durchbrechen und den Fluss Dnipro zu erreichen. Sie träumten davon, die ukrainischen Verteidigungskräfte zu zerschlagen und sie Stück für Stück zu besiegen. Das hätte ein strategischer Sieg sein können. Aber die Russen sind gescheitert.

Wie die russischen Vorbereitungen für die Militäraktion 2026 zeigen, planen die russischen Generäle statt einer grossen strategischen Operation zwei kleinere taktisch-operative Manöver. Sie wollen den Ballungsraum Slowjansk-Kramatorsk – den Rest der Region Donezk – besetzen. Und sie wollen in der Nähe der Stadt Saporischschja vorrücken.

Beide Manöver sind angesichts der Geländebeschaffenheit sinnvoll, um die von Russland besetzten Gebiete in Zukunft verteidigen zu können. Darüber hinaus würde die Eroberung des restlichen Teils der Region Donezk Moskau einen Vorwand liefern, um von politischen Erfolgen zu sprechen.

Mein Appell an den Westen: Make Russia Small Again!

Das russische Militär war und ist nicht allmächtig. Die russische Wirtschaft schwächelt, was Moskaus militärische Pläne einschränkt. Und das Schlachtfeld bleibt der entscheidende Faktor für die Entwicklung des Krieges und eines «peace deal».

Die ukrainischen Militärstrategen legen zudem mehr Wert auf die Ausbildung der rekrutierten Soldaten. Das zahlt sich aus. Die ukrainischen Streitkräfte haben kürzlich ihre Positionen in entscheidenden Gebieten der Region Saporischschja verbessert. Sie verbessern ihre Positionen auf dem Feld.

Die ukrainische Armee, die sich überwiegend aus ehemaligen Zivilisten zusammensetzt, zeigt hohe Widerstandsfähigkeit und Professionalität beim Schutz ihrer Heimat und der Werte der Menschheit.

Mein Appell an den Westen:
Make Russia Small Again and feel safe! Macht Russland wieder klein und fühlt euch sicher!

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