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Origens Tanz am Abgrund

Trotz viel Champagner – eine rauschende Ballnacht sieht anders aus. Origen ist sich treu geblieben und bietet im Turm auf dem Julier vor allem exquisites Ballett.

Ruth
Spitzenpfeil
06.07.18 - 13:40 Uhr
Kultur

Nun ist er also über die Bühne gegangen, Origens grosser Zarenball. Viel hatte er im Vorfeld zu reden gegeben und die rund 100 im Postauto vorgefahrenen Gäste fragten sich, was es nun geben würde: 

ein dekadentes Schwelgen in der höfischen Pracht des alten Russlands oder deren Demontage durch kriegerisches Revolutionsgetümmel? Beides hatte man erwarten können, je nachdem auf welche Informationen aus dem Hauptquartier in Riom man sich stützte. Was heute Abend zum dritten Mal im Theaterturm auf dem Julier veranstaltet wird – nach der Premiere am Donnerstag und der gestrigen zweiten Auflage – ist keines von beidem. Zu erleben ist ganz nach Origen-Art ein eher asketischer Kulturgenuss auf höchstem Niveau. Man könnte es auch die Kunst des Weglassens nennen.

Die Profis übernehmen

Wie nicht selten bei den Produktionen des vielfach ausgezeichneten Kulturfestivals hat sich das meiste offenbar erst in letzter Minute entwickelt. Ein Tanzfest war versprochen worden und das gab es auch. Wer sich allerdings auf eine Art Wiener Opernball in alpinen Höhen eingestellt hatte, kam nicht wirklich auf seine Kosten. Das Publikum wurde von Intendant Giovanni Netzer zwar tatsächlich zum Schwof gebeten. Es drehten auch etliche Paare beschwingt zur klassischen Walzermusik – ab Band – einige Runden. Doch nach gut einer halben Stunde übernahmen dann die Profis.

Eine vom bekannten Choreografen Eno Peci aus dem Ensemble des Wiener Staatsopernballetts zusammengestellte Truppe gab ein von ihm kreiertes Ballettstück zum Besten. Eineinhalb Stunden lang ging es nun um Aufstieg und Fall des letzten russischen Zaren. In schlichten, aber stimmigen Kostümen  waren die Attitüden der grossen russischen Balletttradition zu bewundern. Bei der eingespielten Musik bediente man sich recht frei, unter anderem beim viel jüngeren Dmitri Schostakowitsch. Zu hören war auch eine  Original-Radioaufnahme von Zar Nikolaus II. Was jedoch die Stimme des amerikanischen Religionsphilosophen Allan Watts mit der Geschichte zu tun hat, erschloss sich nicht wirklich. 

Oben und unten

Besonders eindrücklich gelang der Einsatz der an Ketten in der Turmmitte hängenden Bühne. Sie ruhte anfangs auf Blöcken in Augenhöhe des im Rund sitzenden Publikums.  Auf dieser Ebebe spielte sich das Leben am Zarenhof ab, die Geschichte der vier Töchter (von denen hier eine fehlte), die am Ball eine gute Partie suchen. Gebannt  verfolgte man auch den verzweifelten Überlebenswillen des bluterkranken Thronfolgers. Plötzlich froren aber die Bewegungen ein und es wurde klar: Es existierte noch eine andere Wirklichkeit im Zarenreich. Der vermeintlich sichere Boden bewegte sich nach oben und gab den Blick frei auf eine bettelarme sibirische Bauernfamilie, die im Krieg für den Zaren ihren Sohn verlieren würde. Ihr Leben wurde charakterisiert durch sparsame Gesten und tieftraurige romanische Heimwehlieder, dargebracht von den Origen-Sängern Klemens Kölbl und Martin Mairinger. Natürlich durfte dabei der Komponist Gion Antoni Derungs nicht fehlen, dessen «Sut steilas» den Unterdrückten in den Mund gelegt wurde.

Häppchen statt Gelage

Alles in allem erlebte man im Julierturm ein gekonnt inszeniertes Stück zeitgenössischer Ballettkunst, tänzerisch erstklassig präsentiert von grösstenteils blutjungen Solisten. Es war ein Erlebnis von Körperlichkeit und Leidenschaft,  die kaum jemand kalt liess – umso mehr, als man im Rund des Julierturms so nah am Geschehen ist wie sonst kaum  beim Ballett. Jeder Atemzug der Tänzer war  zu hören. Weniger eindeutig zu spüren war der Hauch der Revolution. Das Volk im Untergeschoss erhob sich nicht gewaltsam gegen die Herrschenden. Die Zarenfamilie ereilte  der Tod, das Gemetzel war aber nur angedeutet. «Wir führen das Publikum sanft in den Abgrund», hatte Netzer bei seiner Einführung gesagt. Ob er deswegen den Dress-Code Schwarz vorgegeben hatte? Der Effekt dieser Vorgabe war nicht gerade umwerfend. Manche Besucher haben nur ungern auf eine historische Ballrobe verzichtet.  

Einiges wurde weggelassen, mit dem man aufgrund verschiedener Ankündigungen gerechnet hatte. So blieb der «Ball» ganz am Boden, das Publikum dufte sich nicht in den verschiedenen Ebenen des Turms bewegen. Auch das einst versprochene Gelage mit russischen Spezialitäten und  Bündner Zuckerbäckereien in den Logen des Theaters hatte man auf kleine Brot-Häppchen reduziert. Immerhin wurde das zur Begrüssung gereichte Wasser später durch feinen Champagner ersetzt. Ein ausgelassenes Fest wurde der «Letzte Ball» deswegen noch nicht – aber ein echtes Origen-Erlebnis. 

Origen: «Der letzte Ball». Weitere Aufführungen Freitag, 6. Juli, und Samstag, 7. Juli, 20 Uhr, Julierpass. Details hier

Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen.

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