Glarner Stoffe begeistern Bulgaren
Glarner Stoffdrucke für den jungen bulgarischen Nationalstaat – eine überraschende Ausstellung im bulgarischen Militärhistorischen Museum in Sofia.
Glarner Stoffdrucke für den jungen bulgarischen Nationalstaat – eine überraschende Ausstellung im bulgarischen Militärhistorischen Museum in Sofia.
Die dynamische Industriegeschichte der Schweiz beginnt mit dem Bau der grossen Textildruckfabriken zwischen Ziegelbrücke und Linthal im Land Glarus. Seit dem Ende des 18. Jahrhundert werden in Glarner Textildruckereien Stoffe aus Asien, Europa und Nordafrika imitiert und als bedruckte Baumwollstoffe wieder in diese Regionen verkauft.
Auch das Osmanische Reich und damit Südosteuropa ist Abnehmer der Glarner Textildrucke. Diese Handelsbeziehungen werden auch vom jungen Nationalstaat Bulgarien übernommen, der sich 1878 als eigenständiger Staat formiert. Seit den 1870er Jahren gibt es Handelsvertretungen der Glarner Textildruckereien in Sofia, Varna und Plovdiv. Sie vermittelten die oft floral bedruckten Glarner Baumwolltücher als Schleier und Kopftücher an bulgarische Händler.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts drucken die Glarner auch die begehrten Bildertücher in kräftigen Farben, die in der Bildmotivik aktuelle Ereignisse wie Weltausstellungen, Bahnstreckeneröffnungen oder Krönungen aufnehmen. Für Bulgarien werden solche Tücher zu aktuellen politischen Ereignissen wie die Wahl Ferdinand I. zum bulgarischen Fürst oder mit Kriegsszenen des Unabhängigkeitskrieges gedruckt.
Vier Glarner Sammlungen
Eine Ausstellung anlässlich des bulgarischen Nationalfeiertages am 3. März im Militärhistorischen Museum in Sofia zeigt erstmals in Bulgarien diese Glarner Textildrucke für den jungen bulgarischen Nationalstaat. Die Ausstellung entstand auf Anregung der bulgarischen Botschaft in Bern und in Zusammenarbeit mit der Schweizer Botschaft in Sofia. Die bulgarische Vizepräsidentin Ilijana Malinowa Jotowa eröffnete die Ausstellung. Durch die finanzielle Förderung einer Schweizer Stiftung konnten erstmals in Sofia Objekte aus Glarner Sammlungen ausgestellt werden.
Vier Träger des Glarner Kulturerbes sandten aus der Sammlung des Comptoir Daniel Jenny in Ennenda, der Sammlung der Familie Streiff aus Glarus, des Glarner Wirtschaftsarchivs und des Museums des Landes Glarus mehrfarbige Stoffdrucke, Musterbücher, Model, Fotografien, Grafiken und Dokumente in die bulgarische Hauptstadt.
Keine Bürokratie
Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist nicht nur eine Ausstellung mit Sammlungsobjekten aus der Schweiz und Bulgarien, sondern auch die bei der Ausstellungsvorbereitung initiierten wissenschaftlichen Kollaborationen zwischen den bulgarischen Museen und Glarner Kulturerbeträgern. Ein von beiden Seiten erwünschter Wissenstransfer wird in Zukunft die Erkenntnisse zur wissenschaftlichen Erschliessung der Glarner und bulgarischen Objekte enorm vermehren.
Ein solcher innereuropäischer Forschungsverbund ohne jede bürokratische Attitüde ist jedem Museum und jeder Sammlung zu wünschen.
Schon in den ersten Tagen erfuhr die Ausstellung einen enormen Publikumszuspruch. Für alle vier Glarner Erbträger war es die erste gemeinsame Ausstellung überhaupt – ein schöner und nachhaltiger Nebeneffekt dieser Unternehmung.
*Bettina Giersberg ist Direktorin des Museums des Landes Glarus in Näfels. Der Text entstand in Kooperation mit dem Glarner Ausstellungskollektiv.
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