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Bergtour durch die Wirtschaft

Der CEO der Hans Eberle AG erklärt, was die aktuellen Herausforderungen für die Glarner Wirtschaft sind.

Südostschweiz
23.12.19 - 04:30 Uhr
Wirtschaft

Die Herausforderungen der Glarner Wirtschaft sind so vielfältig wie die Landschaft unseres Kantons. Eine pauschale Aussage wie «der Glarner Wirtschaft geht es gut» ist also nicht möglich. Auch wenn uns Arbeitnehmern eine solche Botschaft gefallen würde, wir uns damit in Sicherheit wiegen könnten und uns Hoffnungen auf mehr Lohn machen dürften.

Natürlich gibt es Firmen, denen es gut geht und die – um beim Vergleich mit der Topografie zu bleiben – sich auf dem Gipfel befinden oder zumindest auf dem Weg nach oben sind. Aber auch für jene, die sich auf einem Gipfel befinden, ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die Luft dort oben ist dünner, und in den kühlen Nächten brausen oft bissig kalte Winde über die Höhen. Der Weg noch weiter hinauf führt meist über Abstiege, zumindest aber über schwierige Grate und oft auch durch Schnee und Eis.

Es kann nicht immer nur rauf gehen

Es gibt aber auch Firmen, die sich im Abstieg befinden und einen neuen Platz in der Landschaft suchen. Sie haben ihr Ziel aus den Augen verloren oder feststellen müssen, dass der angestrebte Gipfel schon von anderen besetzt ist. Nun gilt es, sich neu zu orientieren, zu sammeln und sich mit einer neuen Seilschaft wieder auf den Weg nach oben zu machen.

Leider schaffen es nicht alle. Eine ungünstige Häufung von unterschiedlichen Einflüssen kann dazu führen, dass eine jahrelang erfolgreiche Seilschaft scheitert oder aufgibt. Ein rasch aufziehendes Gewitter, ein abgerutschter Weg, aber auch ein Führer, der sich verstiegen hat, oder ein Teammitglied, das konditionell nicht mithalten kann. Im schlimmsten Fall reicht ein einziges, verheerendes Ereignis, um ein Projekt oder gar das ganze Unternehmen scheitern zu lassen. Wie im Alpinismus gibt es auch in der Wirtschaft zweierlei Einflüsse. Jene, die aus den Firmen selber kommen (falsche Strategie oder Führung, Verlust von guten Arbeitskräften, veraltete Technik oder Ausrüstung), und jene, die von aussen wirken (veränderte Marktbedürfnisse, Währungsnachteile, erfolgreiche Wettbewerber etc.).

Glarus ist ein Teil der Weltwirtschaft

Die weltpolitischen Themen haben alle Einfluss auf die Glarner Firmen. Hinter Schlagzeilen wie Klimawandel, Handelskriege, Digitalisierung, Überalterung der Gesellschaft, Völkerwanderungen und so weiter verstecken sich die Themen, die unsere Wirtschaft beeinflussen. Die Welt ist komplex, und alles hängt mit allem zusammen.

Am besten können wir den grossen Herausforderungen unserer Zeit begegnen, wenn wir uns darauf einlassen. Die Einstellung, wir sind zu klein, um dieses oder jenes zu verändern, ist zwar bequem, aber leider nicht zutreffend – und auch nicht hilfreich. Das betrifft die Firmen wie uns als Bürger und Arbeiter.

«Global denken und lokal handeln» mag als Floskel erscheinen, ist aber ein einfacher und guter Ansatz. Ein kleiner Wassertropfen hat keine grosse Kraft, vereint mit anderen Tropfen in einer Giesskanne kann er eine verwelkte Pflanze zum Leben erwecken. Und als reissender Bach kann er sogar die Landschaft nachhaltig verändern. Das letzte Beispiel zeigt, dass der Fortschritt auch über die Zerstörung des Alten, Bewährten und nicht mehr Wegzudenkenden führen kann.

Wenn wir jetzt einen Blick auf die Wirtschaft im Kanton werfen, dann ist das nur eine Momentaufnahme. Unsere Wirtschaft besteht aus Gewerbebetrieben, kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) und grösseren Konzernen. Zurzeit sind vermutlich die Kleinsten die Erfolgreichsten. Unsere Handwerksbetriebe sind zumeist auf Wochen hinaus ausgelastet, und ihr grösstes Problem ist oft, qualifizierte Fachkräfte zu rekrutieren, um alle Aufträge termingerecht zu erledigen.

Der Stellenwert der Handwerker in der Gesellschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ohne ihre professionell ausgeführten Aufträge wäre die wirtschaftliche Entwicklung unserer Unternehmen und somit des Wohlstands nicht möglich. In unserer zunehmend digitalisierten Welt bildet das Handwerk einen handfesten analogen Gegenpol.

Bei den KMU im Kanton sind es mehrheitlich die von Unternehmern geführten Firmen, die erfolgreich sind. Sie haben meistens eine langjährige Tradition und zeichnen sich durch viel persönliches Engagement und soziale Verantwortung gegenüber ihren Angestellten aus.

In der produzierenden Industrie sind es technische Spezialisten und angelernte Maschinenbediener, die mit oft modernsten Anlagen und Maschinen qualitativ hochwertige Produkte erzeugen. Diese Firmen sind sehr oft von Konzernen abhängig und exportieren ihre Waren in die ganze Welt.

Alles hängt mit allem zusammen

Wenn wir das globale Wirtschaftssystem verstehen und auch die grossen globalen Herausforderungen wie den Klimawandel erkennen, hat jeder und jede von uns eine ganze Reihe von Optionen, um im Kleinen darauf Einfluss zu nehmen.

Wenn wir uns bewusst sind, dass der Franken unter Druck ist – und wir alle unseren Lohn in Schweizer Franken erhalten –, sollten wir unser Geld auch in der Schweiz und in Schweizer Franken ausgeben. Ich kann mich also dazu entscheiden, nicht ins Auto zu steigen und nach Konstanz zu fahren, um dort einzukaufen. Wenn ich stattdessen meine Lebensmittel im Dorf einkaufe und zu Fuss zum Dorfladen gehe, habe ich das Klima geschont, die Schweizer Wirtschaft gestärkt, das lokale Gewerbe berücksichtigt und gleichzeitig Steuereinnahmen für den Kanton generiert.

Natürlich hat das Grenzen, aber dieses kleine Beispiel funktioniert schon mal. Und es gibt eine ganze Reihe weiterer Optionen, die wir – ohne uns gross einschränken zu müssen – wählen können. Es ist völlig klar, dass wir (noch?) kein Schweizer Auto kaufen können, aber wir können es zumindest in der Schweiz kaufen und darauf achten, dass es keine Dreckschleuder ist. Zudem hilft die Berücksichtigung eines europäischen Herstellers dem «System Europa», von dem wir trotz allen Problemen, welche die EU mit sich selber hat, sehr stark abhängig sind.

«Der Stellenwert der Handwerker in der Gesellschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.»

Was im Kleinen für uns Glarner funktioniert, funktioniert im Grossen auch in der Wirtschaft. Auch hier gilt: Was immer möglich ist, soll lokal beschafft werden. Das gilt für Maschinen und Dienstleistungen, kann aber auch auf die Energie ausgeweitet werden. Eine Kilowattstunde Strom aus einheimischer Produktion ist zwar teurer als die gleiche Energiemenge in Form von fossilen Brennstoffen, ist aber wesentlich klimaschonender und auch nachhaltiger für das «System Schweiz».

Wie beim privaten Konsum hat dieses Rezept auch in der Wirtschaft enge Grenzen. Viele Maschinen oder Technologien gibt es lokal oder in der Schweiz gar nicht, und sie müssen zwangsläufig global beschafft werden. Das ist auch gut so, sonst hätten wir selber keine Legitimation, unsere Produkte zu exportieren. In diesem Zusammenhang wäre aber sehr wünschenswert, wenn der Transport von Waren (und Personen) in absehbarer Zeit den Preis hätte, den er wahrheitsgetreu kostet. Und zwar inklusive der Umweltschäden und den unproduktiven Staustunden, die der Volkswirtschaft dabei entstehen.

Wie wir die Glarner Wirtschaft stärken

Ganz einfach: Indem wir uns auf unsere Stärken und Werte besinnen. Wir machen das gut, was wir können, probieren Neues aus, und vor allem lassen wir die Finger von dem, was wir nicht verstehen. Wir denken global und handeln lokal. Wir verhalten uns nachhaltig und berücksichtigen einheimisches Schaffen.

Die Hans Eberle AG hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Der patriarchalische ist einem kooperativen Führungsstil gewichen. Geblieben sind ein hohes soziales Verantwortungsbewusstsein des Arbeitgebers und ein gutes Betriebsklima. Das Unternehmen engagiert sich auch stark in der Lernenden-Ausbildung.

Die Hans Eberle ist mit dem Slogan «Gemeinsam an die Spitze» erfolgreich unterwegs. Sie unterstreicht damit ihre Verbundenheit zu Glarus, das von Bergspitzen umgeben ist. Gleichzeitig zeigt das Unternehmen Mitarbeitenden und Kunden, wohin der gemeinsame Weg gehen soll. Die Spitze ist der Berggipfel, der zusammen erklimmt werden soll, aber auch die Spitze der Blechbearbeitung, wo das Unternehmen hin will.

Sechs Persönlichkeiten aus dem Kanton Glarus blicken in einem Gastbeitrag auf das vergangene Jahr zurück.
Den Auftakt macht heute Andreas Zweifel. Er ist seit zehn Jahren Geschäftsführer des Familienbetriebs Hans Eberle AG in Ennenda, der sich im Besitz der zweiten Generation befindet. Dank einem Grossauftrag für die neue Kaffeemaschine von Starbucks konnte die Firma 2019 deutlich wachsen und beschäftigt aktuell 170 Mitarbeitende. Die sechs Gastbeiträge erscheinen im Rahmen des Jahresrückblicks der «Glarner Nachrichten». Sie beschäftigen sich aus einer persönlichen Warte mit den sechs Themen «Mein Job», «Meine Umwelt», «Mein Umfeld», «Mein Hobby», «Meine Gemeinde» und «Mein Glarnerland». (red)

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