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Ihre Seilbahnen fahren auf der ganzen Welt

Bei Inauen Schätti in Schwanden dreht sich alles um Stahl, sehr viel Stahl. Die Seilbahnen, Schrägaufzüge und Seilkonstruktionen des Familienunternehmens sind rund um den Globus gefragt. Vor allem dann, wenn es darum geht, steiles Gelände zu überwinden.

Südostschweiz
09.06.17 - 18:42 Uhr
Wirtschaft

Das spezielle Stahlgehäuse in der Werkstatthalle des Seilbahnen-Herstellers Inauen Schätti erinnert an eine Raumkapsel, wie man sie aus Filmen wie «Apollo 13» kennt. Sogar eine grosse Klappe hat es. Aus dieser Kapsel werden allerdings nie Astronauten entsteigen. Vielmehr wird das Gehäuse mit einem Munitionsrad und 32 Sprengstoffpatronen bestückt.

LM 32 heisst dieses Gehäuse und ist die neuste Entwicklung für Lawinenauslösesysteme, erklärt Ruedi Tresch auf dem Rundgang durch die Halle. Tresch ist Fabrikationsleiter bei Inauen Schätti und schon 31 Jahre im Unternehmen. Auf einem Masten montiert, können damit in Skigebieten Lawinen ferngesteuert ausgelöst werden. Auch Gebirgsstrassen, die im Winter offenbleiben, werden so gesichert, erklärt Tresch. LM 32 sei zwar erst der Prototyp, doch schon im nächsten Winter komme er testweise in einem Skigebiet zum Einsatz. Ob die fünf Kilogramm schweren Sprengladungen auch so zünden, wie sie sollen, wird jedoch zuvor auf einem Testgelände erprobt, erzählt Tresch.

Dass das Gehäuse so futuristisch aussieht, sei gewollt. «Hier hat ein Industriedesigner mitgearbeitet. Das Auge kauft hier mit.» Entscheidender als das Aussehen sei jedoch die Zahl der möglichen Detonationen. Auf dem Markt gebe es bisher nur Bestückungen bis zu zwölf Patronen. «Mit diesem Gehäuse muss nicht mehr so häufig nachgeladen werden. Das macht dieses System für die Betreiber viel praktikabler», so Tresch.

Werkstattbahn oder Luxuskabine

Etwas weiter hinten in der Halle sticht noch etwas anderes heraus: ein gelb lackierter Schrägaufzug nebst Seilwinde. «Dies ist die gerade fertiggestellte Werksbahn für die KLL», informiert hier Geschäftsinhaber Bruno Inauen. «Diese Bahn wird bald das Personal unterirdisch vom Ochsenstäfeli zum Muttsee heraufbefördern.» Wie Inauen erzählt, sei dies hier eine reine Werksbahn ohne viel Komfort. Doch würden sie auch Luxuskabinen herstellen. «Ein russischer Multimillionär hat für ein Resort in Cap Ferrat einen Schrägaufzug mit Aircondition und Champagnerkühlung bestellt.«

Ob unter oder über der Erde: Schrägaufzüge sind ein wichtiges Standbein dieser international vernetzten Firma. Weltweit sind gut 160 Anlagen in Betrieb, und alle werden in Schwanden entwickelt, gefertigt und getestet. «Wir haben die ganze Wertschöpfung im Haus. Wir berechnen und zeichnen selbst und können auch das Material prüfen, zum Beispiel die Schweissnähte», sagt Tresch. «Da dürfen keine Risse sein, denn bei unseren Teilen hängen Menschenleben dran.» Und in der grossen Schlosserei, in der es intensiv nach Metall riecht, zeigt ein langjähriger Mitarbeiter, wie er an einem Sicherheitsbügel für eine Achterbahn schleift.

Projekte in der ganzen Welt

Sind alle Bauteile für eine Seilbahn oder einen Schrägaufzug produziert, setzen sie die hauseigenen Monteure vor Ort zusammen. Rund zwanzig Monteure sind so immer wieder rund um den Globus unterwegs. So haben sie in Südafrika eine Pendelbahn in Betrieb genommen, die die Wohnanlagen auf dem Berg mit dem Golfplatz im Tal verbindet. Und in Thailand wurden, ebenfalls mit einer Pendelbahn, Tempelanlagen für Besucher erschlossen. Etwas weniger weit, nur einen Steinwurf entfernt, wird zurzeit ebenfalls eine Anlage geplant: ein unterirdischer Schrägaufzug im Heulosen in Schwanden. «Das ist ein schönes Projekt. Damit werden die Bewohner zu ihren neuen Wohnungen am Hang fahren.»

Fahrstuhl zur Orgel

Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, an denen getüftelt wird. Denn keine Bahn und kein Aufzug kann zweimal verkauft werden. «Jeder Auftrag ist ein Spezialauftrag», sagt Inauen. «Das Know-how ist zwar ähnlich, aber wir müssen jede Anlage spezifisch dem Profil des Geländes, der Neigung und natürlich den Kundenwünschen anpassen.» Ein grosses Problem sei häufig der Zeitdruck. «Ist die Idee erst einmal geboren, wollen die Kunden das Produkt meistens sehr schnell.»

Etwas mehr Zeit habe man in Regensburg gehabt, erzählt Inauen. Der dortige Dom habe keine Orgel gehabt. Auf der langen Suche nach einem Standort hätten die Planer schliesslich entschieden, die Orgel in die Luft zu hängen. «Da es keinen Aufgang gegeben hat, haben wir einen Aufzug entwickelt, mit dem der Organist per Knopfdruck zu seinem Instrument fahren kann. Glücklicherweise musste auch die Orgel noch gebaut werden, deshalb hatten wir mehr Zeit.»

Ein Lieblingsprojekt hat Inauen nicht. Allerdings haben es ihm die Seilkonstruktionen und Seilbrücken für die Überdachungen von Fussballstadien schon angetan. «Dabei wollten wir den allerersten Auftrag eigentlich nicht, weil wir Respekt vor der Grösse des Projekts hatten.» Inauen erinnert sich: «Es ging um das Waldstadion in Frankfurt für die WM. «Die haben uns fast gedrängt, das war schon erstaunlich. Aber offensichtlich hatten sie das Vertrauen.» Mittlerweile sind die tonnenschweren Stahlseile, die von Weitem wie filigrane Spinnennetze aussehen, in vielen weiteren europäischen Fussballstadien verbaut.

Doch wird bei Inauen Schätti nicht nur entwickelt und montiert, sondern auch demontiert. So wandert die grosse Linth-Limmern Transport-Seilbahn der Grossbaustelle Linthal 2015 «sozusagen in den Güsel». Diese Bahn hätte wegen ihrer Dimension nirgends sonst aufgestellt werden können. «Natürlich wird ein grosser Teil recycelt», relativiert Inauen. «Wir stehen zum Standort Glarnerland», sagt er: «Denn es stimmt einfach die Qualität.» Im Moment werde auch noch alles vor Ort produziert. «Wir haben zum Glück den Frankenschock ohne Kündigungen oder Kurzarbeit bewältigt.» Zwei Jahre seien aber nicht einfach gewesen, betont Inauen.

Problem: Guter Nachwuchs

Neben den kleineren Margen macht ihm noch etwas anderes Sorgen. Das Rekrutieren von Fachkräften und Lehrlingen ist zu einer Daueraufgabe geworden. «Während wir viele Bewerbungen für das KV erhalten, ist es für den Anlagen- und Apparatebau immer schwieriger, Lernende zu finden», sagt Tresch. Auch für 2017 und 2018 seien noch Lehrstellen frei.

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