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Der Krieger muss weiter warten

Morgen Samstag hätte Nevin Galmarini nach 22 Monaten ohne Wettkampf in den Snowboardweltcup zurückkehren sollen. Er muss sich wegen anhaltender Rückenschmerzen noch länger gedulden und definiert das Heimrennen in Scuol in vier Wochen als neues Ziel.

Stefan
Salzmann
11.12.20 - 04:30 Uhr
Schneesport
Auch 22 Monate nach dem bislang letzten Rennen kann Nevin Galmarini noch nicht zurückkehren.
Auch 22 Monate nach dem bislang letzten Rennen kann Nevin Galmarini noch nicht zurückkehren.
GIAN EHRENZELLER/KEYSTONE

Als Nevin Galmarini Ende vergangener Woche den Telefonanruf entgegennimmt, ist noch alles gut. Unterwegs im Auto spricht er über seinen bevorstehenden Weltcupwinter als Alpin-Snowboarder. Galmarini sagt nicht einfach, dass er sich auf die Saison freut. Er umschreibt seine Gemütslage anders. Euphorischer. Motivierter. Mit Aussagen wie «mega geil» und «krasses Gefühl». Es ist zu spüren: Da will einer unbedingt wieder Rennen fahren und sich mit den weltbesten Snowboardern messen. Wer die Geschichte des Olympiasiegers von 2018 kennt, weiss weshalb.

Rückblende. WM im Februar 2019 in Park City. Galmarini bestreitet sein bisher letztes Rennen. Rückenbeschwerden machen in der Folge weitere Starts unmöglich. Nach unzähligen Stunden der Physiotherapie und des Kraftaufbaus will er zu Beginn der vergangenen Saison zurückkehren. Doch sein Rücken legt das Veto ein, er muss sich im November 2019 einer Bandscheibenoperation unterziehen. Dann die nächste Chance in diesem Frühjahr: Doch der abrupte Saisonabbruch aufgrund der Corona-Pandemie verschiebt sein Comeback wiederum.

22 Monate ohne Wettkampf

Morgen startet der Weltcup 2020/21 der Alpin-Snowboarder mit einem Parallelriesenslalom in Cortina d’Ampezzo. Galmarini sagt: «Ich habe genug vom Trainieren, ich will endlich wieder Rennen fahren.» Verständlich, denn mittlerweile sind für ihn 22 Monate ohne Wettkampf vergangen. Doch er muss sich mindestens vier weitere Wochen gedulden. Vor drei Tagen liess Galmarini in einer Medienmitteilung verlauten: «Der Rücken zwickt wieder, das Gefühl ist nicht gut und ich musste die Physio- und Aufbaustunden nochmals intensivieren.» Neues Datum für sein Comeback: 9. Januar 2021 am Heimweltcup in Scuol. Es könnte schlechtere Orte geben für eine Rückkehr nach so langer Zeit. Trotzdem: Das verschobene Comeback ist ein Rückschlag, keine Frage. Aber keiner, den Galmarini entmutigen wird. Denn er hat in den vergangenen zwei Jahren gelernt, damit umzugehen. Er hat gelernt, auf seinen Körper zu hören und Warnsignale wahrzunehmen. Und er hat gelernt, dass das Immer-mehr- machen-Wollen als die Konkurrenz auch mal kontraproduktiv sein kann.

Rückenschmerzen kommen in der asymmetrischen Sportart Snowboarden häufig vor. In der Vergangenheit blendete Galmarini diese Warnsignale konsequent aus. «Ich sagte mir jeweils: ‘Egal, jetzt trainiere ich trotzdem oder absolviere das Rennen’. Wie ein Krieger eben», sagt er lachend. Und nur geschadet hat ihm dies auch nicht. Der Olympiasieger ist überzeugt, dass diese Gedanken sogar nötig waren, um an die Weltspitze zu gelangen und grosse Titel gewinnen zu können. Und auch wenn er mit den Olympischen Spielen 2022 in Peking ein wohl noch letztes grosses Ziel vor Augen hat, wird dem 34-jährigen Snowboarder in Erinnerungen schwelgend klar: «Ich war schon vor meinem Olympiasieg 2018 mega zufrieden mit meiner Karriere als Spitzensportler.» Silber an den Olympischen Spielen 2014, der erste Weltcupsieg 2017 und WM-Bronze im gleichen Jahr zeugen davon.

Snowboard Saison startet in wenigen Wochen

Zeit für Familie und Studium

Doch nicht nur die sportlichen Erfolge sind es, die Galmarini gerne hervorhebt. Sondern auch die Möglichkeit, die Welt zu bereisen und sich persönlich weiterzuentwickeln. Und wenn man so will, hatten auch die vergangenen zwei Jahren ihr Gutes. Öfter als sonst konnte er für seine Familie da sein. Die Zwillinge Eddie und Louie kamen im Jahr seines grössten sportlichen Erfolgs (2018) zur Welt und hatten wegen der verletzungsbedingt langen Pause mehr von ihrem Vater. Mehr Zeit als sonst konnte er auch in sein Fernstudium der Betriebsökonomie investieren. Mittlerweile steht Galmarini im dritten von fünf Semestern des Masterstudiengangs und strebt für das Leben nach der Karriere eine Zukunft in diese Richtung an. «Es soll einfach direkt etwas mit Sport zu tun haben», sagt Galmarini.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Bis Peking 2022 soll noch der Spitzensport im Fokus stehen. Natürlich auf der Piste und nicht im Kraftraum. Dafür wird Galmarini in den kommenden Wochen wiederum hart an sich arbeiten, ohne dabei die Warnsignale auszublenden. Gelingt dies, dürfte sich sein Ziel am 9. Januar in Scuol erfüllen.

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