«Es gelang uns nie, stabil genug zu sein»
Der Grasshopper Club Zürich kann am Samstag erstmals seit 2013 den Cupfinal erreichen. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA spricht Alain Sutter über die bisherige Saison.
Der Grasshopper Club Zürich kann am Samstag erstmals seit 2013 den Cupfinal erreichen. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA spricht Alain Sutter über die bisherige Saison.
Alain Sutter, nach dem kapitalen 2:0-Sieg im Kellerduell in Winterthur am vergangenen Samstag, mit dem der Vorsprung auf den Tabellenletzten auf acht Punkte anwuchs, dürfte ein grosser Stein von Ihrem Herzen gefallen sein?
«Ja, aufgrund der Konstellation vor dem Spiel. Bei uns herrschte eine schwierige Dynamik, wir befanden uns in einer Abwärtsspirale, während Winterthur in einer Aufwärtsspirale war, ohne dass sie alle Partien gewonnen hatten. Dann spielten wir auswärts in einem Stadion, in dem die Fans pushen. Der Druck war gross, und man weiss nie, wie die Mannschaft auf solche Voraussetzungen reagiert. Darum war die Erleichterung noch grösser. Man sah, dass das Team noch lebt, die Spieler verstanden haben, um was es geht und sie Verantwortung übernahmen. Fussballerisch war der Auftritt nicht brillant, aber das ist normal. Die Spieler machten das, was es in dieser Phase braucht, kämpften, spielten als Mannschaft, unterstützten einander.»
Vor dem Spiel hatten Sie klare Worte gewählt und an die Spieler appelliert. Wie gross ist heute die Identität mit einem Verein überhaupt noch?
«Ich wurde mit dieser Frage bei St. Gallen oft konfrontiert, da ich dort sehr viele Leihtransfers machte. Es gibt sicher Ausnahmen, aber hier identifiziert sich jeder mit dem Verein, jeder ist mit vollem Herzen dabei und möchte, dass die Mannschaft oben bleibt - auch jene, die im Sommer weg sind. Das war nie das Problem. Alle ziehen mit, versuchen, das Geforderte umzusetzen. Wenn alles läuft, reicht das. In unserer Situation braucht es jedoch von jedem einen Extra-Effort. Die Spieler glauben, sie geben 100 Prozent, dabei sind es oft nur 80 oder 90 Prozent. Es gilt, an die Schmerzgrenze zu gehen, alles aus sich herauszupressen, um sich das Momentum zu verdienen. Diese paar Prozent machen den Unterschied. Das haben sie gegen Winterthur verstanden.»
Mit Gerald Scheiblehner wurde im vergangenen Sommer ein Hoffnungsträger verpflichtet. Er erhielt lange viel Goodwill, obwohl die Mannschaft in der Tabelle stets hinten lag. Was hat gefehlt?
«Bis im Winter waren wir im Fahrplan, ist alles so gelaufen, wie wir es erwarten konnten. Schliesslich mussten viele neue Spieler integriert und ein neuer Spielstil adaptiert werden. Wenn man unsere Saison anschaut, gab es drei, vier Spiele, die zu einem Flow hätten führen können. Doch statt den Anschluss ans Mittelfeld zu schaffen, verloren wir all diese Partien. Wir waren noch nicht so weit, diese zu gewinnen. Es gelang uns nie, stabil genug zu sein, es gab zu viel Volatilität in den Leistungen innerhalb der Spiele, aber auch von Spiel zu Spiel. Das müssen wir hinbekommen, wenn wir in dieser Liga mitspielen und den Abstieg verhindern wollen. Die Leistung, die wir gegen Winterthur gebracht haben, müssen wir Woche für Woche über 90 Minuten auf den Platz bringen. Das wird entscheidend sein. Den Beweis, dass die Mannschaft das kann, blieb sie bisher schuldig. Es hat in verschiedenen Phasen nicht viel gefehlt, aber immer etwas.»
Das Team ist sehr jung. Sind die schwankenden Leistungen auch der Unerfahrenheit geschuldet?
«Ich glaube, dass es nicht auf einen Punkt reduziert werden kann, da es viele Faktoren gibt, warum es bisher so gelaufen ist. Ein entscheidender Grund ist sicherlich, dass wir praktisch nie zwei oder drei Wochen mit der gleichen Mannschaft spielen konnten. Es gab Verletzungen, Sperren. So konnte nie etwas richtig zusammenwachsen, es fehlten die Automatismen und die Selbstverständlichkeit, dass jeder genau wusste, was der andere macht. Dann haben viele Junge noch nie auf diesem Niveau gespielt. Dass es nie den einen Grund gibt, sondern viele verschiedene Puzzleteile entscheidend sind, macht das Ganze so schwierig. Sonst wäre es relativ einfach.»
Sie haben die Arbeit von Scheiblehner auch nach der Entlassung gerühmt. Diese muss Ihnen unglaublich schwergefallen sein?
«Dieser Schritt hatte nichts mit seiner Arbeit zu tun. Er hatte auch einen sehr guten Umgang mit den Spielern, und unser Verhältnis war vertrauensvoll. Deshalb machte es mich traurig und es fiel mir besonders schwer, ihm diese Botschaft zu überbringen. Aber ich hatte einfach an einem Punkt das Gefühl, es braucht einen neuen Impuls, damit wir etwas in der Entwicklung bewegen können. Ob es das Richtige war oder nicht, das werden wir sehen.»
Als Nachfolger von Scheiblehner haben Sie den unerfahrenen Gernot Messner, zuvor Trainer der U21, eingesetzt. Das ist in der aktuellen Situation ein mutiger Entscheid. Weshalb ist er aus Ihrer Sicht der Richtige für diese Aufgabe?
«Es geht immer darum, was du bewirken möchtest. Es war nicht alles schlecht, was gemacht wurde, deshalb war keine 180-Grad-Wendung notwendig, sondern es ging darum, einen Impuls zu setzen, ohne alles zu zerstören, was schon aufgebaut wurde. Gernot war sehr nah dran an der ersten Mannschaft, war viel in den Trainings dabei. Er kannte die Spieler, wusste, wie trainiert und gespielt wurde. So konnte er vieles des Erarbeiteten mitnehmen und dann zusätzlich seine Ideen hineinbringen. Zudem hat er schon einiges erlebt in seiner Trainerkarriere. Dennoch bringt er etwas Frische hinein. Das kann ein Vorteil sein, das kann ein Nachteil sein, am Ende weisst du es nicht. Ich hatte das Gefühl, dass es die einzig richtige Konstellation ist, denn es braucht eine gewisse Nachhaltigkeit, um etwas aufzubauen. Darum war für mich eine Trainerentlassung lange kein Thema.»
Doch dann war der Druck zu gross?
«Nein, nein. Ich werde nie Entscheide unter Druck von innen oder aussen treffen, sondern nur solche, bei denen ich überzeugt davon bin, dass sie das Richtige für den Verein sind. Es geht nicht um Einzelpersonen, es geht auch nicht darum, irgendjemanden zufriedenzustellen.»
Sie haben vor der Saison gesagt, dass Sie sich nicht langweilen wollen, sondern attraktiven und dominanten Fussball sehen wollen.
«Davon sind wir weit entfernt. Es wäre auch vermessen, wenn ich das schon ganz am Anfang des Projekts erwartet hätte. Bei St. Gallen haben wir auch Zeit gebraucht, bis es gegriffen hat. Es ist ein Prozess. Ich habe auch immer gesagt, dass es drei, vier Transferperioden dauern wird, bis wir eine Gruppe zusammen haben, die langsam, aber sicher jenen Fussball spielt, den wir uns vorstellen.»
Ein Problem, etwas Nachhaltiges aufbauen zu können, dürfte auch die stetige Unruhe im Verein sein, wie zuletzt der Abgang von Christoph Urech als Chief Business Officer. Er war bei den Fans ein rotes Tuch.
«Hier spielen ebenfalls viele Dinge mit hinein. Dass bis jetzt nie Ruhe herrschte, hängt auch mit den sportlichen Resultaten zusammen. Wenn seit Jahrzehnten der Erfolg fehlt, ist es klar, dass es Unruhe gibt. Dann gab es Besitzerwechsel. In den letzten Jahren haben nie alle in die gleiche Richtung gezogen - die gegen die, der gegen den. Das kostet alle hier Energie. Jedoch bekommt man das nur in den Griff, wenn man sportlich erfolgreich ist. Das ist das einzige Mittel, um alle zu vereinen, dessen bin ich mir bewusst.»
Der Abstieg ist nach wie vor ein realistisches Szenario. Bleiben die amerikanischen Investoren dem Verein auch in der Challenge League erhalten? Und wie sieht es bei Ihnen aus?
«Also für andere kann ich ja nicht sprechen. Ich gehe aber schwer davon aus, dass die Besitzer auch bei einem Abstieg bleiben werden. Wir spüren das langfristige Commitment. Dass ich selber nicht aufgebe, ist für mich klar. Ich wusste, dass dies in einem solchen Projekt ein mögliches Szenario sein kann. Wenn ich das nicht in meine Überlegungen einbezogen hätte, bevor ich anfing, dann hätte ich die Realität verkannt. Deshalb wäre der Abstieg zwar ein 'riesiger Seich', aber kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Wir sind jedoch weit davon entfernt, uns in unser Schicksal zu ergeben, weil wir wissen, was für den Gesamtverein auf dem Spiel steht. Darum ist es wichtig, uns auf die Gegenwart zu konzentrieren und alles dafür zu tun, um in der Liga zu bleiben. Das ist für das Gesamtprojekt enorm wichtig.»
Zum Schluss noch zum Spiel am Samstag. Die Mannschaft hat gegen Stade Lausanne-Ouchy aus der Challenge League die grosse Chance, sich erstmals seit 2013 für den Cupfinal zu qualifizieren. Ist das eine willkommene Abwechslung zum Ligaalltag?
«Nein, denn es ist immer das Gleiche: Du gehst in ein Spiel und willst gewinnen, ob das in der Liga, im Cup im Viertelfinal oder im Halbfinal ist, ändert nichts. Der Druck ist gross, weil es um viel geht. Da wir aktuell nicht vor Selbstvertrauen strotzen, wird es umso mehr ein hartes Stück Arbeit. Wir treffen auf einen sehr guten Gegner, der schon zwei Teams aus der Super League ausgeschaltet hat, und das nicht glücklich, sondern verdient. Wir müssen mindestens an die Leistung gegen Winterthur anknüpfen, wenn wir eine Chance haben wollen. Das muss jedem bewusst sein. Wir freuen uns auf das Spiel, uns bietet sich eine sehr gute Gelegenheit, etwas Grosses zu erreichen.»