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«Ich hatte Angst davor, am Ende enttäuscht zu sein»

Julien Sprunger ist die Personifizierung des Freiburger Märchens mit dem ersten Meistertitel in der Klubgeschichte. Noch auf dem Eis spricht er über Träume, Zweifel und baldige Arbeitslosigkeit.

Agentur
sda
01.05.26 - 13:37 Uhr
Eishockey
Abgang auf dem Höhepunkt: Julien Sprunger mit dem Meisterpokal
Abgang auf dem Höhepunkt: Julien Sprunger mit dem Meisterpokal
KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

In der Pause vor der alles entscheidenden Verlängerung spielt der Stadion-DJ in Davos den Kulthit von Hecht mit der Songzeile «Solang ech no Luft i minere Lunge ha». Einer, der am Donnerstagabend trotz seiner 40 Jahre und einem Playoff-Bart mit bereits deutlich sichtbaren Grautönen bis zum Ende Luft hat, ist der Freiburger Captain Julien Sprunger, der nach 1186 Spielen auf dem Höhepunkt abtritt.

Mitten im Trubel auf dem Eis, nachdem er den Pokal als Erster in die Höhe gestemmt hat, ist Sprunger nicht zu übersehen. Nicht nur wegen seiner imposanten Statur von 1,94 m, sondern weil sich um ihn herum konstant eine Traube von Spielern, Bekannten und Fans bildet. Ihn vors Mikrofon zu bekommen, ist deshalb eine schwierige Aufgabe. Doch auch in der offiziell letzten Stunde seiner beruflichen Laufbahn als Hockeyprofi bleibt der fast perfekt zweisprachige Stadt-Freiburger und dreifache Familienvater ein Vorbild. Schliesslich stellt er sich geduldig den Fragen.

Julien Sprunger, dieses Ende ist fast schon zu kitschig, nicht?

«Ja, fast. Es ist fast wie ein Hollywood-Szenario heute Abend. Final, Game 7, Overtime, das ist einfach unglaublich. Nicht nur für mich, nicht nur für die Mannschaft, für den ganzen Klub, den ganzen Kanton. Jedes Spiel ist ausverkauft, und heute bringen wir den Titel nach Hause.»

Haben Sie überhaupt von so etwas zu träumen gewagt?

«Natürlich geht einem das durch den Kopf, aber ich wollte so wenig wie möglich daran denken. Ich hatte Angst davor, am Ende enttäuscht zu sein. Jetzt kann ich es voll geniessen.»

Was bedeutet dieser erste Titel für den Verein?

«Wir sind die Mannschaft, die am längsten in dieser Liga ist. Und nie haben wir etwas gewonnen. Letztes Jahr den Spengler Cup, aber das war etwas anderes. Das ist der nächste Schritt, den wir brauchten. Wir haben so hart dafür gearbeitet. Es war nicht immer schön, aber am Ende zählt, dass du dir eine Chance gibst. Jeder Tag, jedes Training, jedes Meeting, war da um zu gewinnen, und jetzt hat es geklappt.»

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Wallmarks Schuss reinging?

«Ich glaube, ich war der Letzte, der von der Bank kam. (lacht) Ich bin ja nicht mehr der Schnellste. Ich habe den Puck reingehen gesehen, aber ich konnte es fast nicht glauben. Alle sind aufgesprungen, und ich bin fast hingefallen. Es ist magisch, ein Traum, der wahr wird.»

Sie sprechen von einem Traum, einer langen Reise.

«Ja, wenn man 24 Jahre lang darum kämpft... Als Kinder sind wir Schlittschuh gelaufen, haben gespielt und an Bykow und Chomutow gedacht. Und heute bist du hier. Ich denke, ich habe meine Mission erfüllt. Ich kann gehen und sagen: Wir haben es geschafft. Um Mitternacht endet mein Vertrag, und ich kann in Frieden gehen. Ist schon Mitternacht?»

Nicht ganz.

(lacht laut) «Ah, blöd. Ich wäre der glücklichste Arbeitslose gewesen.»

Zuerst ist jetzt dieser Traum wahr geworden.

«Ja. Vor allem auch, weil ich letztes Jahr wirklich gezögert habe, mir überlegt habe, aufzuhören. Ich habe mir viele Fragen gestellt und lange mit Roger Rönnberg (der neue Cheftrainer) darüber gesprochen, ob ich noch einen Platz im Team habe, ob es sich lohnt, weiterzumachen. Und ich habe mir gesagt, dass ich mir noch eine Chance gebe, eine letzte. Rückblickend war es der beste Entscheid meines Lebens. Sportlich ist heute der schönste Tag meines Lebens. Man kann sich nichts Schöneres vorstellen. So aufzuhören, diese Momente zu erleben. Es ist der absolute Traum.»

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