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Der Abschied wird zur Rückkehr

Der Joner Nico Beeler hat sich mit 27 Jahren zum Rücktritt als Beachvolleyball-Profi entschlossen. Er geht zum Hallenvolleyball zurück – und zu seinen Wurzeln: In der kommenden Saison verstärkt er das NLA-Team des TSV Jona.

Bernhard
Camenisch
Dienstag, 28. Juli 2020, 22:02 Uhr Vom Sand in die Halle

Es gehe ihm sehr gut, sagte Nico Beeler gestern Nachmittag am Telefon, er sei froh, dass die Bekanntgabe jetzt endlich draussen sei. Wenige Minuten zuvor hatte zunächst der nationale Verband Swiss Volley und gleich im Anschluss auch die Presseabteilung von Nico Beeler und Marco Krattiger die Medienmitteilungen zur Trennung des Duos Beeler/Krattiger und zu Beelers Rückkehr ins Hallenvolleyball versendet.

Dass sich Beeler vom Spitzen-Beachvolleyball zurückzieht, kommt nicht aus heiterem Himmel. Schon Ende März, als feststand, dass die Olympischen Spiele von Tokio auf das kommende Jahr verschoben werden, sagte der Joner in der «Linth-Zeitung»: «Ich fühle mich momentan in einem Loch. Denn es fehlt das Ziel vor Augen. Nicht nur wegen der ausgeschobenen Olympischen Spiele, sondern generell. … Ich sehe mich mit Grundsatzfragen konfrontiert und werde mir in den nächsten zwei, drei Monaten einige Gedanken machen müssen – darüber, ob und wie es weitergehen soll.»

Entbehrungen wurden zur Zerreissprobe

Die Gedankenspiele hatten aber schon vorher angefangen: «Seit letztem Jahr hat es für mich nicht mehr gestimmt», erklärt Beeler. «Die Waage war nicht mehr intakt, die Erfolge und schönen Emotionen auf der positiven Seite hatten nicht mehr das Gewicht wie in den Jahren davor. Meine Erwartungen waren höher.» Der 27-Jährige sagt, dass es ihm sehr schwergefallen sei, in Bern weg von Familie und Freunden zu wohnen und so oft im Ausland zu sein. Und sein Studium zum Sekundarlehrer – er hat bisher den Bachelorabschluss – ging in den letzten sechs Jahren als Beachvolleyball-Profi nur noch schleppend voran. «Beachvolleyball und das Leben als Profi verlangen grosse Opfer. Ich brachte diese lange gerne, aber mittlerweile eben nicht mehr. Wenn es für mich nicht stimmt, kann ich nicht 100 Prozent geben», sagt er.

Trotz allem hätte Beeler in diesem Jahr nochmals voll aufs Beachvolleyball setzen und sich im Optimalfall zusammen mit Krattiger für die Olympischen Spiele qualifizieren wollen. Die Corona-Situation brachte das Fass für den Wettkampftypen schliesslich zum Überlaufen. Praktisch alle nationalen und internationalen Turniere wurden abgesagt. «Wir hatten jetzt eine lange Phase mit fast ausschliesslich Training, und es wären weitere Monate mit fast ausschliesslich Training auf uns zugekommen», sagt Beeler.

«Ich brachte die grossen Opfer lange gerne. Aber mittlerweile eben nicht mehr.»

Als Ende Juni auch noch die diesjährige nationale Beachtour der Pandemie definitiv zum Opfer fiel, wusste Beeler, dass es dies für ihn war. Die Saison bis Mitte September macht er gleichwohl noch zu Ende – mit Leo Dillier an seiner Seite. Er ermöglicht damit als Trainingsgegner im nationalen Beachcenter in Bern, dass sich Marco Krattiger mit seinem neuen Partner Florian Breer eingewöhnen kann. Bisher hatten Breer und Dillier ein Duo gebildet.

«In meinem privaten Umfeld fiel zwar einige Male das Wort ‘schade’, aber von meinem Entschluss überrascht ist niemand», sagt Beeler, «die Reaktionen sind positiv, denn alle wissen, dass ich tun muss, was für mich passt.» Auch im nationalen Beach-center wird ihm Verständnis entgegengebracht: «Sie hätten mich gerne behalten, aber sie hatten meine psychischen Schwierigkeiten ja auch bemerkt», so der 27-Jährige.

Shootingstar in der Halle und im Sand

Mit Nico Beeler verlässt einer der besten Schweizer Beachvolleyballer der jüngsten Vergangenheit den Sand. Als «Youngster of the Year» und frischgebackener Cupsieger mit Volley Näfels – er war als wertvollster Spieler des Finals ausgezeichnet worden – entschloss sich Beeler nach der Saison 2013/14 zum Übertritt vom Hallen- zum Beachvolleyball. Auch dort schlug der Joner sofort ein. Mit dem Thurgauer Marco Krattiger wurde er noch im selben Jahr U22-Vize-Europameister. Ab 2015 spielte Verteidigungsspezialist Beeler an der Seite des erfahrenen Alexei Strasser. Im ersten gemeinsamen internationalen Turnier reüssierten die beiden gleich mit Rang 4 beim World-Tour-Open in Luzern. Nach jener Saison wurde Beeler als MVP mit dem Swiss Volley Beach Award geehrt.

2016 liessen Beeler/Strasser mit den 9. Rängen beim Grand Slam in Rio de Janeiro und beim Major in Gstaad aufhorchen. Ab 2017 war Beeler wieder mit Krattiger unterwegs. Im Juni jenes Jahres verfehlten die beiden Ostschweizer mit Rang 4 in Den Haag ihren ersten Podestplatz an einem Turnier der World Tour nur knapp. Am 21. Juli des vergangenen Jahres holten sie dies in Edmonton nach. Mehr noch: Sie gewannen den Dreisterne-Event in Kanada. Es war der erste Turniersieg ei-nes Schweizer Männer-Duos auf der World Tour seit 13 Jahren.

Ihre nationale Vormachtstellung hatten Beeler/Krattiger schon 2018 mit dem 5. Platz an der Europameisterschaft und mit ihrem Schweizer-Meister-Titel unter Beweis gestellt. Seit dem verlorenen SM-Final 2017 sind Beeler/Krattiger in dieser Konstellation gegen Schweizer Gegner auf nationalem Parkett ungeschlagen geblieben. Im vergangenen Jahr konnte Beeler wegen einer Verletzung nicht an den Schweizer Meisterschaften antreten.

«Ich würde es nochmals genau gleich machen»

Trotz all dieser Erfolge in so kurzer Zeit sagt Beeler: «Man hätte schon noch das eine oder andere draufsetzen können.» Er denkt dabei an die Olympiaqualifikation, die zum Zeitpunkt der Verschiebung der Spiele nicht im Sack war, und an die alle zwei Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften, für die er sich nie qualifizieren konnte.

Missen will Beeler die Jahre im Beachvolleyball keinesfalls. Gelohnt haben sie sich nur schon deshalb, weil er als Beachvolleyballer die Spitzensport-RS absolvieren konnte und durch RS-Kollegen seine Freundin kennenlernte. «Müsste ich mich heute nochmals entscheiden, würde ich es genau gleich machen», sagt er. «Ich hatte viele schöne Erlebnisse und kam an tolle Orte. Alles kann man halt nicht haben.»

«Es ist einschneidend. Ein neues Kapitel beginnt – gleich wie vor sechs Jahren.»

Nico Beeler spricht damit an, dass ihn das Hallenvolleyball nie losgelassen hat. Häufig war er als Zuschauer bei Spielen des TSV Jona anzutreffen. Und er habe immer bedauert, nur zuschauen zu können. Das Teamgefühl sei in der Halle viel grösser als im Sand, wo bloss zu zweit gespielt werde, sagt er. Und er stellt klar: «Ich verliess das Hallenvolleyball nicht, weil ich Beachvolleyball cooler finde, sondern weil sich mir so mehr Möglichkeiten im Sport eröffneten.»

In Jona in einer Mannschaft mit dem jüngeren Bruder

Weil sich Beeler trotz Abschied vom Spitzen-Beachvolleyball – dass er auch ab nächstem Jahr noch am einen oder anderen nationalen Turnier spielt, schliesst er nicht kategorisch aus – ambitioniert fühlt, war für ihn klar, dass er seine Sportlerlaufbahn fortführt. Die Rückkehr ins Hallenvolleyball lag damit auf der Hand. Es war nur noch die Frage, ob er sich in der NLA seinem Stammverein TSV Jona oder Volley Näfels, für das er von 2012 bis 2014 gespielt hatte, anschliesst. Zu beiden Klubs ist der Kontakt nie abgerissen.

Beeler hat sich für den TSV Jona ent-schieden. Ein entscheidender Grund ist, dass sein knapp zwei Jahre jüngerer Bruder Luca nach einer Saison in der zweiten Mannschaft künftig wieder für das Joner Fanionteam spielt. Zudem ist mit Gian-Reto Riedi einer seiner engsten Freunde in der Mannschaft. Und unter Trainer Dalibor Polak spielte Nico Beeler schon in Näfels. «Ich habe sechs Jahre nicht mehr in der Halle gespielt. Ich habe das Gefühl, dass ich beim Wiedereinstieg in Jona besser aufgehoben bin», sagt der Rückkehrer.

Nico Beeler fasst sogleich neue sportliche Ziele ins Auge: Auf seiner angestammten Position als Aussenangreifer will er sich für das Schweizer Nationalteam aufdrängen. In der kommenden Saison will er zudem herausfinden, wohin die Reise für ihn im Volleyball noch gehen kann, ob er vielleicht ein Profi-Dasein in Betracht ziehen kann. Parallel möchte er sein Studium vorantreiben, damit er in einem Jahr näher am Master ist. «Es ist einschneidend», sagt er, «ein neues Kapitel beginnt – gleich wie vor sechs Jahren.»

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