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Cadillac-Legende kommt aus Südamerika an den Kerenzer

Das Kerenzerbergrennen ist voll von Geschichten. Über Töffs, Autos und ihre Fahrer und Fahrerinnen, aber auch über Helfer, die nicht nur Benzin im Blut haben.

Fridolin
Rast
04.06.18 - 04:30 Uhr
Sport

Grosser Stau am Freitagabend beim Eintreffen der Rennwagen und -motorräder im Fahrerlager. Wohnmobile aller Grössen fahren ein. Ein umgebautes Saurer-Postauto, das Dreiklanghorn hornt noch, doch aus dem Heck wird ein Rennbolide aus vergangenen Zeiten ausgeladen und aus dem Anhänger nochmals einer.

Nicht so bei Christian Müller. Der Unternehmer im Ruhestand fährt seinen 1925 gebauten Cadillac eigenhändig vom Zuhause im aargauischen Oberwil-Lieli nach Näfels. Und er macht das bei jedem Rennen, an dem er mit dem Serie 314 V8 Racer teilnimmt. Schmunzelt und sagt: «Letztes Jahr war ich am Schwarzen Meer.» Auf Strassen, die manchmal Schlaglöcher haben und auf denen das Monster auf vier Rädern ihn manchmal fast habe abwerfen wollen.

Im Alltag fährt er elektrisch

«Der Kerenzerberg hat eine interessante Strecke, und es macht Spass, zu fahren und Freunde zu treffen», so Müller weiter, der schon vor drei Jahren dabei war. Es macht auch Lärm und Kopfweh, möchte man einwenden, doch: «Im Alltag fahre ich einen Tesla, man muss mit der Zeit gehen.» Ja, er tendiert zu Extremen, hat dieser Tesla doch nicht weniger als 770 Pferdestärken. Und Müller ist zwar frühpensioniert, leitet aber eine Kinderkrippe mit 20 Angestellten.

Fanclubs und Heimwehglarner

Am Start halten zwei Schüler ein Transparent hoch: «Hopp Marco – vom Marco Blumer Fanclub». Und der Ennendaner Lehrer ist mit einem Motorrad aus Schweizer Produktion am Start: Motosacoche, 1930, 500 Kubikzentimeter, 30 PS, steht im Rennführer. In der gleichen Gruppe fährt Andrea Fritschi aus Schwanden (siehe Interview rechte Spalte).

Auf der Fahrt den Berg hinauf ist es volle Konzentration, auch bei den Streckenfunktionären, welche die Strecke absichern. Bei der gemütlichen Rückfahrt winkt man sich gegenseitig zu. Karl Hosang, der heute im Berner Oberland lebt, kommt als Freiwilliger her und war schon 2015 die ganzen drei Tage dabei. Und als geborener Filzbacher auch an den Original-Rennen, sogar jenem von Mühlehorn nach Obstalden hinauf. «Ich war immer fasziniert», erklärt er. Er war Lastwagenchauffeur und schraubt heute mit einem Kollegen im Simmental an alten VW-Käfern. «Edy Kamm war mein Schulkollege, und ich habe ihn an Bergrennen und sogar nach Hockenheim begleitet.» Wobei es ein Vorher gab: «Angefangen hats mit Töffli ‘frisieren’.»

Mit ihm am Posten ist auch Fridolin Landolt aus Zürich. Der frühere Näfelser hat sich auf einen Aufruf der Organisatoren als Freiwilliger gemeldet. Und er sagt: «Ich weiss noch genau, wo ich als 14-Jähriger damals mit meiner Schulferienfreundin stand, um das Rennen zu sehen.»

Für die Sicherheit im Einsatz sind auch Armin Ackermann und Roger Bucher von der Kantonspolizei. Sie sind froh, wenn die Zuschauer die Sicherheitsvorschriften einhalten und nichts passiert. Und ein wenig infiziert sind auch sie von den Autogenerationen, die vorbeiziehen. Getunte Simca, Opel Kadett, die ganze Golfklasse, Bucher sagt: «Mein Traumwagen war der Lancia Delta Integrale.»

Next Stop Peking

Christian Müller fuhr gestern zufrieden wieder heim. «Ich bin volles Rohr gefahren, der Wagen läuft gut», freut er sich. Der Kerenzer sei eine schöne Strecke mit guten Kehren. Vielleicht fährt er heuer noch nach Moskau. «Mein Traum ist aber das Rennen Peking–Paris, ich trau das dem Auto zu», sagt er über sich. Und über den Cadillac, der schon kurz nach dem Kauf von einem reichen Südamerikaner von der Limousine zum Rennwagen mit verkürztem Chassis umgebaut wurde: «Der einzige existierende Cadillac-Racer aus dieser Epoche.» Und der von 1925 bis 1930 in Südamerika bei verschiedenen Rennen im Einsatz war.

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