Tschernobyl-GAU – Kiewer überlebt 37 Jahre in Strahlenzone
Die Unglücksnacht im Atomkraftwerk Tschernobyl macht für den damals 28 Jahre alten Arbeiter Mychajlo Bukow und seine Familie mit den beiden kleinen Söhnen alle Zukunftspläne zunichte.
Die Unglücksnacht im Atomkraftwerk Tschernobyl macht für den damals 28 Jahre alten Arbeiter Mychajlo Bukow und seine Familie mit den beiden kleinen Söhnen alle Zukunftspläne zunichte.
Um drei Uhr morgens am 26. April 1986 klingelt ein Kollege an seiner Wohnungstür und sagt: «Mischa, irgendwas ist im Kraftwerk passiert». 40 Jahre liegt die grösste Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft zurück. Bukow erinnert sich an das Chaos von damals bei einem Treffen in Kiew, das inzwischen seit mehr als vier Jahren im Kampf gegen den russischen Angriffskrieg lebt.
«Niemand wusste etwas, die Telefone waren abgestellt. Ich hatte keine Vorstellung davon, was da passiert sein könnte», erzählt der heute 68-Jährige im Plattenbauviertel Teremky am Südrand der ukrainischen Hauptstadt. Er trägt Jeans und Lederjacke; in der Umhängetasche sind auch Erinnerungen aus seinem Leben. Er zeigt seine Ausweise.
Mehr als 37 Jahre hat Bukow in der radioaktiv verseuchten Sperrzone um den in jener Schicksalsnacht explodierten Reaktor 4 gearbeitet, um die Folgen des Unglücks zu beseitigen. Bukow ist einer von Hunderttausenden sogenannten Liquidatoren, die unter den Kommunisten in der Sowjetunion aufräumen sollen. Der in Russland geborene Elektromechaniker kam Anfang der 1980er Jahre für den Bau des Atomkraftwerks Saporischschja in die Ukraine.
Schönes Leben in Prypjat – aber die Freude ist nur kurz
Die Aussicht auf eine Wohnung in der modernen Kraftwerksstadt Prypjat bringt ihn damals ins neue Atomkraftwerk Tschernobyl. «Zehn Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit. 300 Meter zum Fluss Prypjat und du konntest schon angeln», erinnert sich Bukow. «Das war alles einfach herrlich.» Aber lange hält die Freude nicht.
Am Tag nach dem Unglück im AKW evakuieren die Behörden die Plattenbausiedlung. «Zwei Stunden haben wir vor unserem Haus gestanden, meine Frau mit dem sechs Monate alten Säugling auf dem Arm und einen Koffer hatten wir», erinnert er sich. Sie haben nur das Nötigste dabei. Die Evakuierung soll nur zwei Tage dauern. Ihr Hab und Gut sehen sie nie wieder. Sie kommen bei seinen Eltern unter, bis sie im September in Kiew als Tschernobyl-Evakuierte eine Dreizimmerwohnung erhalten. Bis heute leben Bukow und seine Frau in dem 18-stöckigen Plattenbau.
Roboter räumen im verstrahlten Maschinenraum auf
Bukow meldet sich damals wieder bei seinem Betrieb. «Natürlich freiwillig», sagt er. Er bezieht ein Wohnheim in der Stadt Poliske, etwa 50 Kilometer vom Kraftwerk entfernt, und fährt mit den anderen Liquidatoren jeden Tag nach Tschernobyl. Sie errichten Betonwerke für den Bau des provisorischen Sarkophags über dem vierten Unglücksreaktor.
Er zeigt auf seinem Tablet alte Fotos. «Hier ist unsere alte Brigade. Die Hälfte lebt schon nicht mehr.» Insgesamt helfen damals rund 800.000 Liquidatoren aus der gesamten damaligen Sowjetunion bei der Beseitigung der Folgen der Atomkatastrophe und dem Bau des Betonsarkophags.
Weil Bukow ein Diplom als Funktechniker hat, wechselt er im Winter 1986 zu einem Spezialbetrieb für Robotertechnik. Zusammen mit Roboterspezialisten aus dem damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) hilft er beim Entkontaminieren. Sie warten und reparieren ferngesteuerte Bulldozer und Roboter, die zur Beseitigung der Trümmer eingesetzt werden. Und sie räumen auch den radioaktiven Maschinenraum des zerstörten Reaktors. «Es gab dort sehr viele verschmutzte Metallkonstruktionen. Darunter auch Grafitbauteile. Die haben wir rausgebracht», erzählt Bukow.
Mit den russischen Kollegen von damals in St. Petersburg steht er trotz des Krieges per Internet weiter im Kontakt. «Wir respektieren uns», erklärt er; das sei für ihn persönlich durchaus menschlich.
Bukow und seine Frau leben nach dem Tod der Söhne allein
Gut ein Jahr nach Kriegsbeginn, als anfänglich auch russische Truppen Tschernobyl besetzten, nimmt Bukow im Juni 2023 Abschied vom Kraftwerk und geht in Rente. Alle zwei Jahre würden er und seine Frau Tetjana als Tschernobyl-Opfer gründlich medizinisch untersucht. Bukow leidet an Krampfadern und einem Bandscheibenvorfall, seine Frau kämpft seit der Katastrophe mit Schilddrüsenproblemen. «Sie muss ständig Tabletten nehmen».
Doch den schwersten Schlag machen die beiden durch, als sie ihre Söhne nacheinander verlieren. «Der Säugling, den wir bei der Evakuierung auf den Armen hielten, starb mit 19.» Während er das erzählt, ringt er um Fassung. Die Todesursache: «Plötzlicher Herzstillstand.» Der ältere Sohn, 1979 geboren, stirbt mit 38. «Kurz, wir leben jetzt mit meiner Frau zu zweit und von Rente zu Rente», sagt er. Mit umgerechnet rund 350 Euro – die Tschernobyl-Zuschläge eingerechnet – muss das Paar auskommen.
Nach Tschernobyl kommt das Leben mit Russlands Krieg
Geschrieben hat Bukow das Buch «Die Roboter von Tschernobyl» – zur Aufbesserung der Rente. Doch seit der Pandemie und dem russischen Krieg gibt es keine Tschernobyl-Touristen mehr und damit kaum noch Käufer.
Im Moment steckt ihm vor allem noch der harte Kriegswinter mit den russischen Angriffen auf die Energieanlagen in den Knochen. Als die Heizung ausfällt, sinkt die Wohnungstemperatur auf unter zehn Grad. Bei den ständigen Luftalarmen suchen er und seine Frau Schutz im Bad oder auf dem Hausflur. «Aus dem 16. Stock rennst du nirgendwo hin, zumal immer der Fahrstuhl ausfallen kann.»
Weggehen aus der Ukraine möchten Bukow und seine Frau trotzdem nicht. Wohnung, Freunde und Bekannte sind in Kiew. Der 40. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe ist für ihn ein «Tag der Trauer»: «Von meinen Altersgenossen und den Älteren ist kaum noch jemand da.»