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Vom Handwerk, das Glück bringt: Unterwegs mit dem Churer Kaminfegermeister

Der Churer Kaminfegermeister Nathan Halter erzählt über seine Arbeit und wie es sich anfühlt, ein Glücksbringer zu sein.

Bündner Woche
14.07.25 - 04:30 Uhr
Menschen & Schicksale
Kaminfeger und Glücksbringer zugleich: Nathan Halter mit Kittel, Zylinder, Gurt, Holzleiter und Kaminbürste.
Kaminfeger und Glücksbringer zugleich: Nathan Halter mit Kittel, Zylinder, Gurt, Holzleiter und Kaminbürste.
Bild: Susanne Turra

Von Susanne Turra

Das Glück liegt auf der Strasse? Nein. So einfach ist es dann doch nicht. Um das Glück zu finden, müssen wir schon ein bisschen aktiver werden. Also machen wir uns auf den Weg. Vorbei an altehrwürdigen Churer Stadtmauern geht es der Plessur und den Schienen der Arosabahn entlang in Richtung Sassal. Es wird eng, mystisch, abenteuerlich. Und tatsächlich. Kurz vor dem Meiersboden, dort, wo die Rabiosa in die Plessur mündet, finden wir es. Das Glück. Schwarz angezogen, mit Zylinder auf dem Kopf und einer alten braunen Holzleiter in der Hand. Der Glücksbringer heisst Nathan Halter und ist Kaminfegermeister.

Aus Pfeifenputzern gebastelt

Es ist Dienstagmorgen. Und wie jeden Morgen ist Nathan Halter auch heute in der Früh auf seinem weissen Velo in seine Werkstatt an der Sassalstrasse gefahren. Er begrüsst in Vollmontur. Das heisst Kittel, Zylinder und Gurt. So, wie es sich für einen Glücksbringer gehört. Aber der Kaminfegermeister ist in erster Linie ein Berufsmann. Und so trägt er bei der Arbeit nicht etwa seine Gala-Uniform, wie er sie nennt, sondern einfach schwarz. Hose und Hemd. «Der Zylinder liegt mir nicht so schön auf dem Kopf, dass ich ihn stundenlang aushalte», sagt Nathan Halter und lacht. Ohne Zylinder werden die Kaminfeger oder Kaminfegerinnen aber nicht immer gleich als solche erkannt. Als Glücksbringer oder Glücksbringerin, mit Zylinder, ist das ein bisschen anders. Da sind sie an Silvester symbolisch aus Marzipan schon fast auf jedem Törtchen zu sehen. Oder sie stecken, sorgfältig aus Pfeifenputzern gebastelt, in der Erde von Blumentöpfchen. Zusammen mit dem grünen vierblättrigen Kleeblatt und dem rosaroten Glücksschweinchen sorgen sie zum Jahreswechsel für ein glückliches neues Jahr.

Diese alte Holzleiter hat der Kaminfegermeister nur noch als Glücksbringer mit dabei.
Diese alte Holzleiter hat der Kaminfegermeister nur noch als Glücksbringer mit dabei.
Bild: Susanne Turra

«Sie glauben an mich»

Doch, warum bringen Kaminfeger und Kaminfegerinnen eigentlich Glück? Dieser Aberglaube hat seine Wurzeln im Mittelalter. Damals war die Reinigung von Kaminen eine wichtige Aufgabe, um Brände und damit Unglück zu verhindern. Ein sauberer Kamin bedeutete Sicherheit und Schutz vor Feuer. Und das wurde als glücksbringend betrachtet. Zudem symbolisiert der Russ, der bei der Arbeit anfällt, Fruchtbarkeit und Wohlstand. «Aus diesem Grund durften die Kaminfeger zu jener Zeit auch schon Zylinder tragen», weiss Nathan Halter. «Ansonsten durften das früher ja nur die besseren Herren.» Heute darf nur einen Zylinder tragen, wer die entsprechende Lehre bestanden hat. Und das gilt heute natürlich für Männer und Frauen. Vorher gibt es eine schwarze Kappe auf dem Kopf.

Und kann der Kaminfegermeister über glückliche oder Glück bringende Momente erzählen? «Die gibt es schon», bestätigt er. So wurde er in der Churer Altstadt schon von deutschen Touristinnen und Touristen angesprochen. «Sie glauben an mich», sagt Nathan Halter und schmunzelt. Manche möchten dann einen goldenen Knopf an seinem schwarzen Kittel anfassen, wenn er ihn denn trägt. Manche möchten ihm einfach die Hand geben. Und manchen genügt schon sein Anblick. Und es gibt solche, die sagen: «Ich habe dich gesehen. Jetzt gehe ich Lotto spielen.» Dann nehmen sie das Glück ganz einfach mit.

Als Berufsleute respektiert

So oder so. «Wir sind gerne ein Glückssymbol», beteuert der Kaminfegermeister. «Aber in erster Linie möchten wir als Berufsleute respektiert werden.» Leider bleibt heute der Nachwuchs ein bisschen aus. Wohl gibt es nach wie vor eine dreijährige Lehre für die Ausbildung zum Kaminfeger oder zur Kaminfegerin. Und mittlerweile ist auch der Lehrstoff den heutigen Gegebenheiten angepasst. «Aber wir sind eben eine kleine Berufsgruppe», so Nathan Halter. «Und vielleicht sind wir deshalb einfach am Schluss der Nahrungskette.» Das Ganze hat auch mit der Wahrnehmung des Berufes zu tun. Einmal habe er gehört, wie ein Kind seine Mutter gefragt habe: «Was macht dieser Mann?» Und die Mutter habe gesagt: «Der putzt in den alten Häusern die Kamine.» Der Kaminfegermeister wird nachdenklich. «In den alten Häusern? Es gibt heute schon auch noch in neueren Häusern Kamine», betont er. «So nimmt man uns zur Kenntnis. Und das möchten wir nicht. Es braucht uns immer noch.»

«Der Zylinder liegt mir nicht so schön auf dem Kopf, dass ich ihn stundenlang aushalte», sagt Nathan Halter.
«Der Zylinder liegt mir nicht so schön auf dem Kopf, dass ich ihn stundenlang aushalte», sagt Nathan Halter.
Bild: Susanne Turra

Im Sommer auf den Maiensässen

Die Veränderung hat es schon immer gegeben. Der Elektroherd hat den Holzherd verdrängt. Anstelle von Gas und Öl kommt die Wärmepumpe. Es gibt sie aber immer noch, die Holzfeuerungen und Zusatzfeuerungen oder einen Ofen in der Stube. Und das Reinigen ist nach wie vor die Kernkompetenz des Kaminfegers. «Wir machen sauber, damit es wieder funktioniert», so Nathan Halter. Was, wenn der Kaminfeger nicht mehr reinigt? Dann wird der Energieverbrauch höher. Die Gefahr von Bränden ist heute allerdings geringer. Die Feuerungen sind technisch besser. Übrigens kommt im Kanton Graubünden der Auftrag für die Reinigungen von der Gebäudeversicherung Graubünden. Und wie oft wird gereinigt? Das ganze Jahr hindurch. Dabei kann es während der Heizperiode im Winter natürlich eher mal zu einem Notfall kommen. Den Sommer über werden vor allem auch fleissig die Öfen auf den Maiensässen gereinigt. Ende Juli/Anfang August auf Brambrüesch beispielsweise. Nathan Halter mag diese Arbeit. «Die Leute sind entspannt. Sie haben Zeit», sagt er. «Manche sind gar nicht oben und legen den Schlüssel.»

Und das Glück? «Wenn Freunde und Kolleginnen von mir heiraten, dann rücke ich schon aus», verrät der Kaminfegermeister und schmunzelt. «Wenn die Kirche aus ist, bringen wir Blumen.» Weiter ist er bereits seit zehn Jahren jeweils am 2. Januar vor der Zuckerbäckerei in der Churer Altstadt anzutreffen. Bei Rötali und Birabrot. Ein Auftritt als Glücksbringer müsse einem aber auch gegeben sein, so Nathan Halter. «Das kann man sich nicht einfach so aneignen. Und schon gar nicht wird man dazu geboren.»

Nicht käuflich

Übrigens sehen die Kinder heute den Kaminfeger oder die Kaminfegerin nicht mehr hauptsächlich als Glücksbringer oder Glücksbringerin. Eher als schwarzen Mann und schwarze Frau, die auch ein bisschen furchteinflössend sind. Und das hat seinen Grund. «Früher hat man in den Häusern noch mit Holz gefeuert. Und da haben uns die Kinder regelmässig in der Küche angetroffen», so der Kaminfegermeister. «In der Stadt sehen uns die Kinder heute fast gar nicht mehr. Da sind wir meist nur noch im Keller am Arbeiten.» Anders auf dem Land. Dort haben Kaminfegerinnen und Kaminfeger schon auch noch in der Küche oder dem Wohnraum zu tun. Nathan Halter kramt in seiner schwarzen Hosentasche und holt eine goldige Glücksmünze heraus. Für die Schreibende. Endlich hat sie einen Glücksbringer. Dann geht der Kaminfegermeister nach draussen. «Glück bringen ist für mich kein Business», wiederholt er mit fester Stimme. «Und wenn ich es doch einmal tue, dann würde ich nie Geld dafür verlangen.» Da haben wir es. Glück kann man eben doch nicht kaufen.

www.kaminfeger-halter.ch

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