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«Familie ist vielfältig»: Einblicke in das Leben einer Pflegefamilie

Kleine Menschen mit grossen Rucksäcken: Pflegeeltern berichten, wie sie ihren (Pflege)kindern einen stabilen Ort zum Aufwachsen ermöglichen.

Bündner Woche
29.03.25 - 11:00 Uhr
Menschen & Schicksale
Stabilität, Familienzugehörigkeit und Entfaltungsmöglichkeiten: Das bieten Pflegefamilien ihren Schützlingen.
Stabilität, Familienzugehörigkeit und Entfaltungsmöglichkeiten: Das bieten Pflegefamilien ihren Schützlingen.
Cindy Ziegler

von Cindy Ziegler

Lisa und Paul Schneider* sind Eltern. Eltern einer leiblichen Tochter und Eltern auf Zeit für ihre Pflegekinder. Wobei es dem Ehepaar wichtig ist, zu betonen, dass die Herkunftsfamilie und die leiblichen Eltern auch am neuen Ort eine wichtige Rolle spielen. Aber von Anfang an. Das Paar sitzt im Besprechungszimmer im Dachgeschoss der Sozialpädagogischen Fachstelle der Stiftung Gott hilft in Zizers. Lisa und Paul Schneider wollen von ihrem Engagement berichten – nicht um ihres Willens, sondern um mehr Menschen die Möglichkeit aufzuzeigen, Kindern ein Zuhause und die Chance auf ein Familienleben zu bieten. 

Das Pflegekind muss zur Familie passen und umgekehrt

«Wir konnten nach der Geburt unserer Tochter aus verschiedenen Gründen keine weiteren Kinder mehr bekommen. Gleichzeitig hatten wir aber noch viel Liebe im Herzen und Platz im Haus», meint Lisa Schneider. Daraufhin hätten sie sich intensiv mit dem Thema Adoption beschäftigt. «Wir sind aber dann zum Entschluss gekommen, dass das nicht unser Weg ist», ergänzt Paul Schneider. Über die Sozialpädagogische Fachstelle der Stiftung Gott hilft, die als Vermittlungsorganisation für Pflegefamilien fungiert (mehr siehe Textbox am Ende dieses Artikels) seien sie dann auf das Modell der Pflegefamilie gekommen. Nachdem sie ihr Bewerbungsdossier – mit Strafregister- und Betreibungsregisterauszug und weiteren Abklärungen – eingereicht hatten, startete ein langer und intensiver Prozess. «Das Pflegekind muss zur Familie passen und die Familie zum Pflegekind», so Pflegemutter.

Eine geschwisterliche Beziehung ermöglichen

Als die erste Pflegetochter mit 15 Monaten zu den Schneiders kam, wurde ihre Tochter zur grossen Schwester. «Sie konnte natürlich noch nicht aktiv und im Wissen aller Konsequenzen mitentscheiden, ob sie das will. Aber wir wollten beiden Kindern eine geschwisterliche Beziehung ermöglichen», erklärt der Pflegevater. Beide Elternteile haben keinen sozialpädagogischen Hintergrund. «Im Prozess wurde uns sehr gut aufgezeigt, was es heisst, ein Pflegekind aufzunehmen – auch mit allen negativen Seiten. Das war sehr wichtig», sagt Lisa Schneider. Um besser mit den Herausforderungen umgehen zu können, nahmen Lisa und Paul Schneider an verschiedenen Kursen und Treffen teil, die von der Sozialpädagogischen Fachstelle organisiert werden.

Passend: Im Prozess wird darauf geachtet, dass das Pflegekind und die Pflegefamilie zueinander passen.
Passend: Im Prozess wird darauf geachtet, dass das Pflegekind und die Pflegefamilie zueinander passen.
Cindy Ziegler

Lisa Schneider hat mittlerweile noch eine Weiterbildung im Bereich der Traumapädagogik gemacht. Denn: «Die Kinder bringen alle einen Rucksack mit. Und was sie wann daraus auspacken, ist eine Überraschung. Der Austausch mit anderen hilft, die emotionalen Zustände aufzufangen», erklärt sie. Die Familie weiss über das Pflegekind und seine Herkunftsfamilie einiges, aber nicht alles. «Manche Sachen sind und bleiben privat», sagt Paul Schneider. «Wie sich ein Kind am Schluss entwickelt, ist immer individuell. Uns ist es wichtig, dass wir für alle Kinder einstehen, die bei uns ein Zuhause haben. Denn wenn ihre leiblichen Eltern das nicht können, braucht es Menschen, die das tun», sagt Lisa Schneider. 

Weder sie noch ihr Mann hegen einen Groll gegen die Mütter, Väter oder anderen Verwandten ihrer mittlerweile drei Pflegekinder. Und auch wenn sie selbst mit der ein oder anderen Art zu leben, nicht einverstanden sind, dann machen sie das mit sich aus. «Die Kinder sollen das nicht spüren. Für sie sind ihre Eltern immer ihre Eltern. Diese Bindung ist krass und wird von uns auch gefördert», sagt Paul Schneider. Und wenn ein Kind irgendwann zurück zu den leiblichen Eltern kann, weil es diesen besser geht, dann ist das in den Augen der Schneiders richtig so. «Das Kindeswohl steht dabei aber immer an oberster Stelle. Und auch das wäre wieder ein langer Prozess», erklärt Lisa Schneider.

Das Paar hält sich an den Händen. Es sei nicht immer leicht. Das ist ihnen wichtig, zu betonen. Viele würden nicht verstehen, wieso sie so viel Aufwand betreiben würden für Kinder, die nicht die ihren sind. «Der Aufwand ist wirklich gross. Vor allem weil die Kinder oft noch besondere Bedürfnisse haben. Es geht um Therapien, Förderung und den Austausch mit den Eltern, dem Beistand oder der Beiständin und dem Sozialamt», so Paul Schneider. Sie seien froh um die Unterstützung der Sozialpädagogischen Fachstelle der Stiftung Gott hilft. 

Trotz aller Schwierigkeiten

Was zudem hilft? Eine offene Kommunikation – auch, respektive besonders mit den Pflegekindern. Sie sollen von Anfang an wissen, woher sie kommen, aber auch, dass sie bei den Schneiders immer einen Platz haben. «Manchmal ist es für sie nicht leicht, zu verstehen, dass sie jetzt gerade nicht bei ihrer Mama oder ihrem Papa sein können», weiss Lisa Schneider. Dennoch. Das, was zurückkomme, überlagere alle Schwierigkeiten. «Es ist unglaublich schön, zu sehen, wie sie sich entwickeln – trotz ihrem schwierigen Start ins Leben», führt sie aus.

Einen Wunsch haben die Schneiders trotzdem. Dass das Reden hinter dem Rücken aufhört. Sie finden es gut, wenn die Menschen nachfragen. Aber ihre Vorurteile, die sollten sie für sich behalten lassen. «Familie ist vielfältig», sagen die beiden. Lisa und Paul Schneider sind Eltern – in mehrfacher und verschiedenster Weise.

*Zum Schutz der Pflegekinder haben wir die Namen der Pflegefamilie geändert. Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.

Pflegefamilien gesucht

Pflegeeltern übernehmen eine grosse Verantwortung. Sie stehen in einem öffentlichen Auftrag und damit unter gesellschaftlicher Beobachtung. Wenn Kinder und Jugendliche über eine kurze oder längere Zeit nicht in ihren Herkunftsfamilien leben können, brauchen sie ein behütendes und wohlwollendes Umfeld, wo sie gefördert und angenommen werden. Solche Betreuungsplätze bieten Pflegefamilien. Dabei gibt es neben der Langzeitbetreuung auch andere, kürzere und kurzfristigere Möglichkeiten, Kinder aufzunehmen. Die Stiftung Gott hilft in Zizers mit der Sozialpädagogischen Fachstelle hilft bei der Vermittlung von Pflegefamilien, aber auch dann, wenn Pflegekinder in den Familien leben. Die Beratung und Unterstützung ist nicht an die Konfession gebunden und steht allen offen. An der Agrischa in Chur (12. und 13. April) betreibt die Stiftung einen Stand. Dort können interessierte Familien mit Pflegefamilien und Fachpersonen niederschwellig in Kontakt kommen und sich wie auch jederzeit unverbindlich informieren.

Weitere Informationen: www.fachstelle-sgh.ch

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