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Nicht ästhetisch, aber dienlich

Seit über 100 Jahren ist die Fotografie ein fester Bestandteil bei der Kantonspolizei Graubünden. Die Technik dahinter hat sich stetig verändert, Sinn und Zweck ist aber derselbe geblieben.

Bündner Woche
05.06.24 - 06:30 Uhr
Menschen & Schicksale
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Von 1920: die erste Kamera der Kantonspolizei Graubünden.
Laura Kessler

Von Laura Kessler

Stefan Rickenbacher zückt sein Smartphone. «Hier drin hat in kurzer Zeit die grösste Entwicklung stattgefunden», sagt der Kriminaltechniker der Kantonspolizei Graubünden und klopft auf das Case des Handys. Er muss es wissen. Er, der schon seit 30 Jahren Polizist ist und viele Jahre Erfahrung in der Kriminaltechnik und Spurensicherung mitbringt. Er, der viel zu erzählen weiss über ein spezifisches Thema: die Bedeutung der Fotografie in der Polizeiarbeit.

Um mehr zu erfahren, trifft sich die Redaktion mit Stefan Rickenbacher und Roman Rüegg von der Abteilung Kommunikation und Prävention im Polizeimuseum der Kapo Graubünden an der Comercialstrasse in Chur. Ein Einblick in Vergangenes und Gegenwärtiges, denn: «Der Grundsatz und die Zielsetzung sind damals und heute dieselben. Fotos dienen der Dokumentation und müssen dem Richter oder der Richterin dienliche Informationen liefern», so Roman Rüegg. Der Weg zum Ziel, zum fertigen Foto, hat sich jedoch stark gewandelt.

Die Kantonspolizei Graubünden schreibt das Jahr 1920, als der erste Fotoapparat angeschafft wird. Keine Tatortkamera, vielmehr eine für erkennungsdienstliche Fotos. Eine klobige Apparatur, die fest installiert war, um Täterbilder aufzunehmen. Im Polizeimuseum sind einige davon ausgestellt. Verbrecherfotos, wie man sie aus dem Film kennt. Porträtaufnahmen von vorne und im Profil. Damals eine neue Möglichkeit der Dokumentation. Die Fotografie als Teil eines Falls, eines Puzzles, das Stück um Stück zusammengesetzt wird.

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, es werden die ersten mobilen Kameras eingeführt. Stefan Rickenbacher zeigt auf zwei Mittelformatkameras, die in einer Vitrine ausgestellt sind. Sie waren ab den 1960er- bis in die 1990er-Jahre im Einsatz. Damit hätten sie beide noch fotografiert, sagt er schmunzelnd und schaut zu Roman Rüegg. Auch er lächelt. Ein bisschen Nostalgie schwingt mit und die beiden Polizisten erinnern sich. «Man musste etwas von Fotografie verstehen, um diese Kameras zu bedienen», betont der Kriminaltechniker Rickenbacher. Von Blendeneinstellungen und Belichtungszeiten. Ansonsten konnte es vorkommen, dass keine brauchbaren Bilder entstanden. «Zudem hatte man im Vergleich zu heute wenige Aufnahmen zur Verfügung, um einen ganzen Tatort zu dokumentieren. Man musste sich vor Ort Gedanken machen, welche Motive abgelichtet werden müssen und welche nicht», so Stefan Rickenbacher. Heute ist das bekanntlich anders.

Von aussen nach innen: Bei der Spurensicherung müssen die Gesamtansicht ebenso wie Details fotografisch festgehalten werden ...
Von aussen nach innen: Bei der Spurensicherung müssen die Gesamtansicht ebenso wie Details fotografisch festgehalten werden ...

Um einen Tat- oder Unfallort fotografisch zu dokumentieren, spiele das Auge des Betrachters übrigens eine geringe Rolle, so Roman Rüegg. «Wir sind der Objektivität verpflichtet. Es geht nicht darum, besonders ästhetisch zu fotografieren. Wir haben den Auftrag, dem Gericht Informationen zu liefern.» «Ein Tatort leitet», ergänzt Stefan Rickenbacher. Egal, ob ein Polizist oder eine Polizistin nun fotoaffin ist oder nicht, ein Tatort gibt vor, wie und was fotografiert werden muss. Zudem sind Fotografien immer ein Teil von vielen Dokumentationsarten. Nie verlässt sich die Polizei oder das Gericht nur auf Fotos.

Die Vorgehensweise ist klar: Fotografiert wird von aussen nach innen. Zuerst zum Beispiel das Gebäude von aussen, dann die Eingangstüre, danach ein Raum, das Einbruchsfenster und schlussendlich Details: Glassplitter, Flecken, Blutspuren, Schuhe und so weiter. Auch bei einem Verkehrsunfall ist das nicht anders. Ausser, dass dort zusätzlich anhand von Aufnahmen Pläne gezeichnet werden. Früher passierte das mit einem Fotogrammeter, heute kommen Drohnen zum Einsatz.

Roman Rüegg und Stefan Rickenbacher stehen vor einer Collage mit grossformatigen Bildern. «Daran erinnere ich mich sehr gut», meint Roman Rüegg. «Ja, aus diesem Fall gingen wir alle verändert raus»,ergänzt Stefan Rickenbacher. Der Rosenhügel-Fall. Ein Amokschütze feuerte am 26. März 2000 mehrere Schüsse von seinem Balkon gegenüber dem Restaurant «Rosenhügel» auf das Restaurant. Ein Grenadiereinsatz wurde nötig. Der Täter schoss, nachdem die Polizei die Wohnung stürmte, auch auf mehrere Polizisten. Ein finaler Rettungsschuss, der den Täter tödlich verletzte, war die Folge. Ein Fall, der in Erinnerung bleibt. Bilder, die tief gehen. Vor allem jene, die nicht fotografisch festgehalten wurden. Stefan Rickenbacher war während drei Tagen nach dem Geschehnis für die Spurensicherungen am Tatort – mit der Kamera. Ein aus Sicht des Kriminaltechnikers spannender Fall. Es sind seine Bilder, die im Museum ausgestellt sind. Auch hier Aufnahmen von aussen und innen, vom Gebäude, von Details.

Nicht alle Einsätze nehmen, wie im Fall Rosenhügel, eine dermassen grosse Bedeutung ein. Die Fotografie als Bestandteil der Dokumentation und Fallbeurteilung ist dennoch fast immer nötig. Und die visuellen Möglichkeiten entwickeln sich weiter. Stefan Rickenbacher hat auf seinem Smartphone eine App, um einen Tatort dreidimensional aufnehmen zu können. In einem gesicherten Bereich versteht sich, so, dass keine Bilder auf einer Cloud oder in der Öffentlichkeit landen. Dank der technischen Hilfsmittel kann so ein Tatort in all seinen Details immer wieder angeschaut und beurteilt werden. Vom klobigen Fotoapparat bis zur App auf dem Smartphone – in 100 Jahren. Die Technologie hat sich gewandelt, die Ziele aber sind dieselben geblieben: einen Fall zu dokumentieren, zu beurteilen und zu lösen.

… und auch die aufgebrochene Tresortüre und Hilfsmittel sowie ein Detail wurden abgelichtet.
… und auch die aufgebrochene Tresortüre und Hilfsmittel sowie ein Detail wurden abgelichtet.
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