Simon Otto aus Gommiswald: Wie kam es, dass Ed Sheeran für Ihren Film einen Song schrieb?
Kein anderer Weihnachtsfilm erreicht derzeit mehr Menschen auf der Welt als jener des Regisseurs Simon Otto aus Gommiswald. In der letzten Woche schauten über 18 Millionen «That Christmas». Darin ist dank Ottos Hartnäckigkeit ein neues Weihnachtslied von Ed Sheeran zu hören. Wie er das schaffte, sagt er im Interview.
Kein anderer Weihnachtsfilm erreicht derzeit mehr Menschen auf der Welt als jener des Regisseurs Simon Otto aus Gommiswald. In der letzten Woche schauten über 18 Millionen «That Christmas». Darin ist dank Ottos Hartnäckigkeit ein neues Weihnachtslied von Ed Sheeran zu hören. Wie er das schaffte, sagt er im Interview.
Simon Otto, alleine letzte Woche haben 18 Millionen Leute Ihren Film gesehen. Doppelt so viele, wie in der Schweiz leben. Was macht das mit einem?
In erster Linie bin ich beeindruckt. Und diese 18 Millionen Views sind verschiedene Netflix-Kontos. Pro Account schauen gemäss Netflix im Schnitt zweieinhalb Leute einen Animationsfilm. Darum schätzen wir, dass in der ersten Woche rund 40 Millionen Menschen den Film sahen. In Box-Office-Zahlen gerechnet (Einspielergebnis eines Kinofilms; Anm. d. Red.) wäre das ein 400-Millionen-Dollar-Film. Dass unser Film eine solche Reichweite erzielt, hat aber auch mit der Kraft von Netflix zu tun.
Wie meinen Sie das?
Wer einen Netflix-Zugang besitzt, kann einfach mal diesen Film ausprobieren. Man sitzt vor dem Fernseher, wählt einen Film aus und schaut diesen. Das ist eine tiefere Hürde, als in ein Kino zu gehen. Aber trotzdem, die Zahlen sind schon enorm.
Und gerade während der Weihnachtstage dürfte «That Christmas» die Reichweite vergrössern.
Ja, das hoffen wir. An Weihnachten Animationsfilme zu schauen, hat doch vielerorts Tradition.
War das früher auch bei Familie Otto so?
Völlig. Wir fuhren jeweils von Gommiswald nach Uznach zum Rüdisüli und haben uns Filme für Weihnachten ausgeliehen – in erster Linie Walt Disney.
Zurück zu Ihrem Film, um was geht es darin?
Die Geschichte handelt von mehreren Kindern in einem britischen Küstenstädtchen. Vor Weihnachten wird dieses von einem heftigen Schneesturm lahmgelegt. Je länger dieser andauert, desto mehr wird klar: Für keines der Kinder wird das Weihnachtsfest so wie geplant stattfinden. Doch dabei machten sie die Rechnung ohne den Samichlaus. Der Film übermittelt dabei eine Botschaft, was an Weihnachten wirklich wichtig ist – nämlich das Beisammensein.
Ed Sheeran steuerte an den einen Song Film bei. Wie kam das?
Das ist eine lange, aber spannende Geschichte. Dass es klappte, ist in erster Linie unserem Drehbuchautor Richard Curtis zu verdanken. Er ist in England eine Legende und hat zum Beispiel mit Rowan Atkinson Mr. Bean kreiert.
Oder schrieb Drehbücher für Notting Hill und weitere britische Erfolgskomödien.
Genau. Basis von «That Christmas» ist eine Kinderbuch-Trilogie von Richard Curtis. Er ist aufgrund seiner karitativen Engagements sehr vernetzt und mit vielen Persönlichkeiten eng befreundet – unter anderem mit Ed Sheeran. Sheeran kommt aus einem Dörfchen, das ganz in der Nähe liegt, wo sich der Film abspielt. Richard zeigte ihm eine frühe Version des Films. Bloss eine Woche später erhielt ich eine E-Mail, darauf die private Mailadresse von Sheeran. Und im Anhang war das Lied. Ich konnte nicht glauben, dass das einerseits so schnell ging und andererseits ohne hundert Anwälte. Zudem passte das Lied perfekt zum Film. Wir schnitten die Szene extra um für das Lied. Dann ging das Chaos los.
Inwiefern?
Knapp zwei Jahre hiess es seitens Sheerans Management, dass wir den Song nicht haben können. Als der Film fertig war, meinten selbst meine Bosse bei Netflix, dass wir den Song vergessen sollen. Kurz vor Weihnachten im letzten Jahr sagte ich mir, das kann es nicht sein. Ich schrieb quasi einen Liebesbrief an Ed Sheeran mit einem persönlichen Weihnachtswunsch. Darin erklärte ich ihm, was sein Song für meinen Film bedeutet. Meine Frau Fumi wiederum, selbst im Marketing tätig, liess Kontakte spielen, um Marketing-Leute bei Netflix zu überzeugen. Schliesslich erkannten sie das Marketingpotenzial.
Zurecht. Es wird Sheeran-Fans geben, die nur wegen dieses Songs den Film anschauen.
Sicherlich. Der Song «Under The Tree» und der Film helfen sich aber auch gegenseitig. So läuft nicht nur der Film gut, sondern auch der Song liegt in mehreren Charts weit vorne. Die Filmszene mit dem Song ist so emotional, durchaus wird es Leute geben, die darum das Lied nochmals hören wollen.
In einer anderen Szene fliesst indirekt die Alp Rittmarren in den Film mit ein. Wie das?
(Lacht.) Während der Pandemie ging ich mit meiner Familie zurück in die Schweiz, wir verbrachten Zeit bei meinen Eltern in Gommiswald. Eines Abends begann es zu schneien. Ich packte meinen Sohn, und wir fuhren kurz vor Mitternacht zur Alp Rittmarren, weil dort im Gegensatz zu Gommiswald der Schnee schon ansetzte. Zusammen bauten wir einen Schneemann. Ein Bild davon kommt etwas abgeändert im Film vor.
Was sagt eigentlich Ihr bald 16-jähriger Sohn zu «That Christmas»?
Er findet ihn super.
Etwas anderes kann er auch kaum sagen…
Zumal er mitwirkte und einen Credit erhielt. Er hat den Film recht stark beeinflusst.
Auf welche Weise?
In einer frühen Phase des Films spielte er die Teststimme für einen einsamen Buben. Dieser wartet an Weihnachten auf seinen Vater, mit dem er nur telefonieren kann. Mein Sohn machte wegen des Films selbst eine schwierige Zeit durch. Als meine Frau und ich ihm sagten, dass wir wegen des Films von Los Angeles nach London umziehen, brach für ihn eine Welt zusammen. Dieses Gefühl prägte den Charakter des Jungen im Film. Die Stimme des bösen Vaters am anderen Ende des Telefons ist übrigens meine.
Das hört sich sehr familiär an. In der Tat dürfte die Produktion riesig sein. Wie viele Leute waren daran beteiligt?
600 Leute haben in irgendeiner Art und Weise daran mitgearbeitet. Einige, zum Beispiel im Soundmix, beschäftigen sich vielleicht zwei Monate damit. Andere, etwa Produzenten und Cutter oder ich als Regisseur, haben viereinhalb Jahre an «That Christmas» gearbeitet. Rund die Hälfte der Crew war aber schon um die eineinhalb Jahre in das Projekt involviert.
Diese Zahlen wirken für Aussenstehende unglaublich.
Ja, so ein Animationsfilm ist eine Riesenoperation – und kostet in unserem Fall geschätzte 50 Millionen Dollar.
Und Sie sind gewissermassen als Regisseur der Chef?
Das Studio steht zuoberst. Locksmith Animation brachte mit Drehbuchautor Richard Curtis und mir die Idee zu Netflix, sie waren sofort überzeugt und finanzierten den Film. Als Regisseur bin ich die oberste kreative Entscheidungsperson. Ich bin quasi der Architekt und der Produzent der Baumeister.
Wer an einen Regisseur denkt, sieht vor sich einen Typen in einem klappbaren Regiestuhl, der Schauspielerinnen anweist. Wie muss man sich diesen Job in einem Animationsfilm vorstellen?
Der grosse Unterschied zu einem Realfilm ist, dass sich bei der Animation alles in die Länge zieht. Ich arbeite mit den Schauspielern, welche den Charakteren die Stimme geben, aber relativ ähnlich zusammen. Wir sind in einem Raum und sie haben dabei auch die Möglichkeit, sich zu entfalten und einzubringen. Gut eineinhalb Jahre lang haben wir Stimmen von Schauspielern aufgenommen.
Weshalb zieht sich so der ganze Film in die Länge?
Das Gleiche passiert mit den Figuren-Animatoren oder dem Effekt-, Musikteam etc. Ihnen allen beschreibe ich wie bei den Schauspielern die Rolle der Figuren. Abteilung für Abteilung teile ich meine Vision des Films mit. In der Hoffnung, das zurückzuerhalten, was ich mir wünsche. Was aber in Realität passiert: Die Experten auf ihrem Gebiet bieten etwas komplett Neues, das ich mir noch gar nie vorgestellt habe. So verbessert sich der Film ständig. Das alles benötigt aber viel Zeit.
Vor Ihrem Regiedebüt waren Sie ein erfolgreicher Animationszeichner inklusive Oskar-Nomination. Waren Sie beim Film versucht, selbst zu zeichnen?
Am Anfang arbeitete ich im Charakterdesign mit. Als Regisseur merkst du aber relativ schnell, dass das suboptimal ist. Zum Beispiel, wenn es im Schnitt darum geht, Szenen anzupassen. Da fehlt die Distanz, weil man selber schon den Kopf in der Sache drin hatte.
Man ist weniger objektiv.
Genau. Das ist für den Film nicht gut. Darum habe ich mich schnell distanziert vom Animieren. Ohnehin hätte ich als Regisseur keine Zeit gehabt.
War es schon immer ein Traum von Ihnen, in einem abendfüllenden Film Regie zu führen?
Eigentlich nicht nein. Ich hatte einfach unglaubliches Glück in meiner Karriere. So konnte ich überhaupt erst Animation an der Gobelins-Schule in Paris studieren. Und danach wurde ich als einer von drei Studierenden ausgewählt, um bei DreamWorks in Hollywood zu arbeiten. Zwischen den Filmen hatte ich immer wieder mal Zeit, etwas auszuprobieren. Als ich für eine Fernsehserie mal Regie führte, weckte das meinen Appetit – es war eine Horizonterweiterung. Ein Film zum Leben zu erwecken gibt eine künstlerische Befriedigung.
Und was folgt für Sie nun als Nächstes?
Das weiss ich noch nicht. Es laufen aber bereits einige Gespräche. Und ich hoffe, dass ich wieder mal ein Projekt als Regisseur erhalte.
Wird «That Christmas» dabei ein Türöffner sein?
Das wird er. Vor diesem Film war ich einfach ein Animationsmensch und musste mich gewissermassen neu vermarkten.
Und einige Leute werden sich gefragt haben, kann Otto das?
Genau. Jetzt zweifelt niemand mehr, ob ich Regie führen kann. Vieles wird dadurch einfacher. Wenn ich ein Projekt präsentiere, werde ich ernst genommen. Es gilt nun ein Projekt zu finden, das ich spannend finde und zu mir passt. Das sind in der Regel tiefgründigere Geschichten.
Ist dabei ausgeschlossen, dass Sie mal Regie führen in einem Realfilm mit echten Schauspielern?
Nein. Das schliesse ich nicht aus. Aber meine Leidenschaft, mein Zuhause, ist die Animation. Aber ich würde mir das schon schwer überlegen, wenn jemand kommt und sagt: Hey, ich will, dass du ein Remake machst von der «Unendlichen Geschichte». Zuerst würde ich trotzdem fragen: Darf ich es in Animation machen? Es ist einfach eine Liebesbeziehung und meine Expertise.
Auf Ihrer Bucket-List steht ein Realfilm also nicht?
Nein. Aber es wäre ein Fehler zu sagen, dass ich das nie machen werde. Ich habe in meiner Karriere immer Neues erlebt und meinen Horizont nie eingeschränkt. So passiert ganz viel Spannendes. Nun muss ich mich aber erst mal etwas erholen von «That Christmas».
Schaut man bei der Familie Otto in Los Angeles dazu einen Film zu Weihnachten?
Auf jeden Fall. Wobei ein ziemliches Programm vor mir liegt. Als Mitglied der Oskar-Akademie habe ich eine brutal lange Liste von Filmen, die ich anschauen und bewerten werde. Aber ich will schon, dass wir Zeit für einen alten Disney-Film finden.
Von wie alten Filmen reden Sie da?
Mein Lieblingsanimationsfilm ist nach wie vor «Das Dschungelbuch». Wenn King Louie auftaucht oder der Bär Balu «The Bare Necessities» singt, bin ich zurück in meiner Kindheit. Gut möglich, dass ich den wieder einmal reinziehe.
Zur PersonOhne Simon Otto (51) würden Hollywood-Filme wie «Der Prinz von Ägypten», «Kung Fu Panda» und vor allem die dreiteilige Filmreihe «Drachenzähmen leicht gemacht» ganz anders daherkommen. Der Animator gestaltete die Figuren. Als Animationschef bei Dreamworks erhielt er dank «seinen» Drachen eine Oscarnomination. Der Gommiswaldner absolvierte ursprünglich eine Banklehre. Seine ersten Figuren für Publikum zeichnete er in der «Südostschweiz» Mitte der Neunziger. Otto ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt seit bald drei Jahrzehnten in Los Angeles. (wyf)
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