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Das Pilgern nach Rom ist auch Beten mit den Füssen

Südostschweiz
02.06.16 - 14:43 Uhr
Zeitung

Von Esther Rüthemann

Wir tragen ein Anliegen im Herzen. Wir pilgern für eine «Kirche mit* den Frauen» nach Rom. Dafür, dass in Zukunft Frauen und Männer miteinander über die Rolle der Frau und alle Belange der Kirche reden und gemeinsam, im Dialog, geschwisterlich und auf Augenhöhe über die Zukunft der Kirche nachdenken und entscheiden.

Wir gehen mit offenen Herzen, einer grossen Liebe darin und mit viel Freude. Das Pilgern ist anstrengend und fordert uns heraus. Denn wir gehen nicht alleine. Wir sind acht Frauen und ein Mann, die sich diese zwei Monate nehmen können und stellvertretend für viele auf dem Weg sind. Es ist kein Selbsterfahrungsprojekt, sondern ein Dienst an der Kirche im Ganzen.  

Eine Stunde schweigend

Jeden Morgen starten wir im Kreis am jeweiligen Treffpunkt, die Rucksäcke bereits geschultert. Wir singen ein Lied, beten und stellen uns im Kreuzzeichen unter den Segen Gottes. So gehen wir in den Tag hinein. Wir pilgern zwei, drei Stunden, machen dann eine grössere Pause und einen Impuls. Das heisst, wir breiten, wo immer wir sind, unseren Läufer aus und versammeln uns um ihn.

 

Der Läufer ist ein Tuch aus 150-jährigem Leinen, das im Kloster Eschenbach LU gewoben wurde. Schwester Ruth Nussbaumer hat es für uns mit dem Christusmonogramm, mit den Namen des Kernteams und mit vielen Daten, die für das Projekt wichtig sind, bestickt. Viel leerer Platz ist ebenfalls darauf, für all das, was noch dazukommt, was sich entwickelt, wovon wir noch nichts wissen. Eine Taube symbolisiert den Anfang des Pilgerns und erinnert uns stets neu an die heilige Geistkraft. 

Mit diesem Läufer wurden während des Startgottesdienstes die Anliegen der Anwesenden gesammelt. Die Schwestern vom Kloster Fahr sind mit dem Tuch durch den Mittelgang der Kathedrale von St. Gallen geschritten und haben all die Bitten der Mitfeiernden eingesammelt. Diese Zettel tragen wir physisch – in einem Sack – mit nach Rom. Jeden Tag trägt sie jemand anderer.

 

Sehr Unterschiedliches tragen wir mit: die Bitte um Gesundheit, für die Kinder und Enkel, für die Kirche vor Ort, für Bischof und Papst, für die Gesellschaft und die Flüchtlinge, für einen guten Ehemann, für Glück und Erfolg… Mit all den Menschen, die sich uns anvertraut haben, verbinden wir uns täglich, wenn wir die Anliegen in unsere Mitte stellen, wenn wir beten, singen. So sind wir gemeinsam nach Rom unterwegs. 

Nach dem Impuls gehen wir eine Stunde im Schweigen. Diese Stunde gehört zur wertvollsten Zeit des ganzen Tages. Alle, auch die, die sich nicht gewohnt sind, so unterwegs zu sein, sind ganz berührt ob der Dichte und Intensität des Miteinanders. Sie spüren etwas von der Kraft des Gebets und vom Getragensein. Immer wieder tauchen in den Gedanken Menschen aus nah und fern auf und sind mit dabei. Immer wieder steigen Fragen und manchmal auch Antworten auf. Immer wieder bringt diese Stunde Klärung und Entscheidung. Immer wieder geniessen wir dieses stille Miteinander, das Platz bietet, um ganz bei sich zu sein und für andere zu gehen.

Lachen, plaudern, beten

Die meiste Zeit des Tages aber lachen und plaudern wir, erzählen uns aus dem Leben, geniessen einen feinen Kaffee und machen Rast unter den Pinien. Wir verarzten unsere Füsse, waschen Wäsche und erwarten freudig das Essen mit dem Glas Wein dazu. Und doch ist unser ganzes Unterwegssein Gebet, denn Pilgern ist Beten mit den Füssen – in unserem Fall für eine «Kirche mit* den Frauen».

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