Krankes Haus
Von Pesche Lebrument
Es riecht nicht nach Krankenhaus hier im Spital in Chur. Bin überrascht. Hatte diesen speziellen Geruch noch von früher in Erinnerung. Eines hat sich aber in all diesen Jahren wohl nicht verändert. Zu aller erst wird das Finanzielle geregelt. Das Gerät verschluckt meine Krankenkassenkarte. Frau B. fragt die gespeicherten Daten ab und rückversichert sich bei mir, ob all die Angaben noch stimmen. Nein, ich wohne nicht mehr dort, wo ich aufgewachsen bin. Nein, einen Festnetzanschluss habe ich keinen. Hat den überhaupt noch irgendwer?
Das Klingeln des Tischtelefons, wohl ein Festanschluss, unterbricht die Befragung. «Kann ich Dich zurückrufen, ich habe einen Patienten hier.» Als vermeintlich gesunder Mensch betrat ich das Kantonsspital, um eine Ultraschalluntersuchung zu machen. Jetzt bin ich bereits ein Patient. Fühlt sich irgendwie krank an. Aber das war ja auch zu erwarten. Ich sitze hier in der Patientenaufnahme.
«Sie können sich gleich nebenan melden», sagt Frau B. Ich mache mich auf. Ein riesiger Krankenhausgang. Überall Türen. Ein weiterer Gang durchkreuzt diesen Gang. Wo ist hier nebenan? In Händen halte ich die mir eben ausgehändigte «kreditkartengrosse» Magnetstreifenkarte. Was mag da wohl drauf sein? Meine Krankengeschichte? Bestimmt bin ich jetzt «ein Fall», eine Nummer. Bei der schieren Grösse des Spitals muss man wohl auch gut durchnummerieren, um nicht durcheinander zu geraten. Ich bin mitten im Gesundheitsapparat, im System gelandet.
Eine gütig dreinblickende Dame in weissem Kittel liest die Verlorenheit in meinem Gesicht. Wie eine Mutter ihr Kind, fragt sie mich, was ich denn suche. Sie führt mich durch einen anderen Gang zu meinen Bestimmungsort.
Bauchfrei liege ich auf der Liege. Der Arzt spricht wenig, spricht hochdeutsch.
Er hat sich zwar vorgestellt, doch den Namen habe ich nicht verstanden. Ich kann ihn nicht mal auf seinem Namensschild flüssig ablesen. Weder Vor- noch Nachnamen. Ist das tschechisch, polnisch? Egal, mach mich gesund, Du hast das Wissen dazu.
«Sehen sie hier. Eindeutig.» Eindeutig was? Ich blicke auf den Ultraschallbildschirm.
Ich erkenne nichts. Genauso nichts, wie auf den Baby-Ultraschallbildern, die mir eine überschwänglich schwangere Kollegin kürzlich zeigte.
«Eindeutig ein Bauchnabelbruch. Ihr Arzt hatte Recht. Mit diesem Tuch können sie sich das Gel vom Bauch wischen. Finden sie alleine hinaus?»
Moment. Moment! Was heisst das jetzt? «Das wird Ihnen Ihr Arzt erklären», sagt der Unbekannte, reicht mir die Hand und verschwindet in den Katakomben.
Mist, mein Arzt ist in den Ferien, fällt es mir auf dem Weg nach draussen ein. Da muss ich wohl Dr. Google fragen. Oder besser meinen Bruder. Der musste das auch operieren. Wie lange lag er im Krankenhaus? Zwei Tage, drei?
Ich steige in meinen Wagen. Unterwegs zur Parkschranke schramme ich eine Stahlsäule.
Langgezogene weisse Kratzer schmücken nun meine dunkelblaue Beifahrertüre. Das Hirn rattert: Versicherungsformulare ausfüllen, zum Autodoktor, was für ein Aufwand. Mist. Meine Gedanken erschrecken mich: Der Schaden schmerzt mich mehr als meine bevorstehende Operation. Krank!
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