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Warten, bis die Rakete startet: So putzen Bündner Schulkinder heute ihre Zähne

Von sauberen Zähnen und einem besonderen Drachen: Christina Sinatra zeigt im Kindergarten Zizers spielerisch die richtige Zahnputztechnik.

Bündner Woche
01.03.25 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
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Vorbildlich: Instruktorin Christina Sinatra zeigt den Kindern, wie es geht.
Cindy Ziegler

Von Cindy Ziegler

«Wer weiss noch, wo wir beginnen?», fragt Christina Sinatra in die Runde. Sie hält eine überdimensional grosse Zahnbürste in der einen und ein riesiges Gebiss in der anderen Hand. Blitzschnell schnellen viele kleine Kinderhände in die Höhe. Es ist ein Dienstagmorgen im Kindergarten in Zizers. Und die Zahnputztante, wie sie früher meist genannt wurde, ist zu Besuch. Dass diese abwertende Bezeichnung nicht gerechtfertigt und die Instruktion von Christina Sinatra alles andere als tantenhaft ist, wissen die Kinder schon. «Wir beginnen oben rechts», ruft ein Junge etwas zu laut, während das Mädchen neben ihm den Finger auf den Mund legt und ihn zu Stille ermahnt. Die Schulzahnpflege-Instruktorin nickt bestätigend und beginnt mit der Pflege des grossen Gebisses.

Interessiert: Die Kindergärtlerinnen und Kindergärtler lauschen gespannt den Erklärungen der «Zahnfee».

«Luag, i han a Zahnlugga»

Sie startet bei der Kaufläche der Backenzähne. Schritt für Schritt, Zahn für Zahn. Die Kinder schauen interessiert zu und warten etwas ungeduldig auf die Rakete. Auf den Moment, wenn die Zahnbürste zum Schluss um 180 Grad gedreht werden muss, um dann – wie eine Rakete – zu starten, damit die Innenfläche der Zähne geputzt werden kann. Die Kinder kreischen, als sie selber zu diesem Schritt kommen. Vorher aber haben sie, im Kreis sitzend, gründlich alle anderen Beisserchen geputzt. «Luag, i han a Zahnlugga», sagt ein Junge und zeigt stolz auf die Lücke, wo wohl noch vor Kurzem ein Zahn wackelte.

Motiviert: Die Kinder beim gemeinsamen Zähneputzen im Kindergarten.

Eine wichtige Prophylaxe

Die Schulzahnpflege gibt es schon sehr lange. Seit über 50 Jahren ist sie ein kantonales Anliegen und gehört vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse zum Bildungsauftrag der Schulen. Zweimal im Jahr kommen Instruktorinnen oder Instruktoren mit einem zahnmedizinischen Hintergrund in die Klassen, viermal im Jahr sind die Lehrpersonen angehalten, mit den Kindern die Zähne zu putzen, und einmal im Jahr geht es zur Kontrolle zum Schulzahnarzt respektive zur Schulzahnärztin. Eine wichtige Prophylaxe, wie Karin Züger, Leiterin der Schulzahnpflege im Kanton Graubünden sagt. Sie sitzt auf einem der kleinen Stühle und schaut den Kids interessiert zu.

«In den 60er-Jahren hatten die Kinder sehr kaputte Zähne. Professor Thomas Marthaler aus Zürich hatte damals die Idee und führte ein Prophylaxe-Experiment durch. Und stellte dabei fest, dass je früher die Kinder zu einer guten Mundhygiene angeleitet werden, desto gesünder sind die Zähne im Kindesalter und später im Erwachsenenalter», erklärt sie. Und weist auf den Zusammenhang von einer guten Mundgesundheit und der allgemeinen Gesundheit hin. «Es ist wichtig, dass wir unseren Zähnen Sorge tragen.»

Zurück zu den Kindern. Sie spucken den restlichen Schaum der Zahnpasta in die mit Tiermotiven geschmückten Becher. Und dann landet das Zahnbürstali wie eine Rakete im Becher. Christina Sinatra legt derweil das Gebiss zur Seite und holt einen kleinen blauen Plüschdrachen hervor. Das Wesen trägt in seiner Beuteltasche eine Zahnbürste und platziert sich auf dem Teppich, der fast dieselbe Farbe wie seine Haut hat. Die Kinder setzen sich in einen Halbkreis um die Instruktorin und sie beginnt zu erzählen. Die Geschichte von Kai Zabuli, dem Zahnputzdrachen. Und Niki, die so gar nicht gerne Zähne putzt und am liebsten Kuchen zum Frühstück isst.

Spielerisch: Zauberdrache Zabuli.

Kauflächen, Aussenflächen, Innenflächen

Die Kindergärtlerinnen und Kindergärtler lauschen der Geschichte gespannt, verziehen unisono die Gesichter, als es um die bösen Kariesbakterien geht, und lachen gemeinsam, als der Zauberdrache Zabuli mit Niki durch einen Mund fliegt. Nach der Geschichte wird wiederholt. Kauflächen, Aussenflächen, Innenflächen. Kauflächen, Aussenflächen, Innenflächen. Kauflächen, Aussenflächen, Innenflächen. Mit kleinen Auf- und Ab-Bewegungen, von Rot nach Weiss. Zähneputzen nach Kai. Diese Reihenfolge können sich die Kinder merken.

Die Mundhygiene der Kinder sei sehr unterschiedlich, berichten die beiden Frauen der Schulzahnpflege nach dem Besuch. Das hänge vor allem von der sozio-ökonomischen Schicht ab, aus der die Jungen und Mädchen kommen. Die Schulzahnpflege helfe diesbezüglich dabei, eine Chancengleichheit zu schaffen. Der Zusammenhang von Ernährung, Mundgesundheit und allgemeiner Gesundheit ist erwiesen und sollte allen Kindern gleichermassen aufgezeigt werden.

Das führt zu weiteren Fragen. Müssen Milchzähne anders gepflegt werden als normale Zähne? «Ja. Milchzähne sind anfälliger für Karies, da sie über eine dünnere Schmelzschicht verfügen. Bei ihnen sollte nur mit einer Kinderzahnpasta mit einem tieferen Fluorid-Gehalt geputzt werden», antwortet Karin Züger. Was ist von elektrischen Zahnbürsten zu halten? «Die liegen voll im Trend. Wir empfehlen bei Kindern dennoch, auch manuell Zähneputzen zu lernen. Weil das eine motorische Meisterleistung ist, sollten die Eltern ihren Schützlingen bis etwa ins neunte Lebensjahr die Zähne nachputzen», führt Christina Sinatra aus. Alles klar. Und welche Tipps gibt es, wenn Kinder das Zähneputzen verweigern? Die beiden Frauen überlegen kurz. «Das Zähneputzen sollte in Rituale eingebunden werden. Mit Geschichten und Liedern spielerisch. Und es hilft, wenn Eltern auch diesbezüglich ein Vorbild sind und mitputzen», meinen die beiden.

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