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Wenn Rechnungen sich stapeln: Zwei Jahrzehnte Schuldenberatung im Glarnerland

Trendy Sneakers da, ein neues Handyabo hier und eine Markensonnenbrille dort: Die Verlockungen lauern überall. Rasch gerät dabei in Vergessenheit,
dass Geld für die meisten Menschen eine begrenzte Ressource bleibt. Wenn Rechnungen liegen bleiben und Mahnungen sich stapeln, hilft die Schuldenberatung Glarnerland, wieder Ordnung in die eigenen Finanzen zu bringen.

Leben & Freizeit
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28.04.26 - 04:30 Uhr

Roger Rohr, Leiter der Budget- und Schuldenberatung Glarnerland, lehnt sich zurück und sagt: «Viele kommen erst, wenn die Situation bereits eskaliert ist.» Nicht selten bringen Ratsuchende ganze Taschen ungeöffneter Briefe mit: Mahnungen, Betreibungsandrohungen, Steuerrechnungen. Zuerst gilt es, Ordnung zu schaffen. Rohr spricht von einer «ganzheitlichen Bestandesaufnahme»: Dabei geht es nicht nur um offene Rechnungen, sondern auch um die familiäre, soziale und gesundheitliche Situation sowie um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Wie sind die Schulden entstanden? Wie wurde bisher mit Geld umgegangen? Erst wenn dieses Gesamtbild vorliegt, lässt sich entscheiden, welcher Weg realistisch ist.

Die weiteren Schritte hängen von der Situation ab: Manche Menschen leben vorerst mit ihren Schulden und versuchen, ihre Lage zu stabilisieren. In anderen Fällen wird eine Schuldensanierung angestrebt. Dann verhandelt die Schuldenberatung mit Gläubigern über Rückzahlungen oder Nachlasslösungen. Voraussetzung dafür ist jedoch ein Budgetüberschuss. «Ohne einen kleinen finanziellen Spielraum lässt sich eine Sanierung nicht umsetzen», sagt Rohr. Wenn keine andere Lösung mehr möglich ist, bleibt als letzter Schritt der Privatkonkurs.

Hinter jedem Klienten steht eine persönliche Geschichte. Arbeitslosigkeit, Krankheit oder eine Trennung können eine finanzielle Schieflage auslösen. Rohr beobachtet aber auch gesellschaftliche Veränderungen. Konsumangebote wie «Buy now, pay later» oder jederzeit verfügbare Onlinekäufe verleiten dazu, Ausgaben zu tätigen, ohne die langfristigen Folgen zu bedenken.

Die Summen können beträchtlich sein. Der Mittelwert der Schulden von Menschen, die 2024 eine Schuldenberatungsstelle aufgesucht haben, lag bei rund 60 000 Franken. Bei den Glarner Ratsuchenden bewegen sich die Beträge meist zwischen 20 000 und 200 000 Franken. Besonders häufig betreffen Schulden heute Krankenkassenprämien oder Steuern. Etwa 60 Prozent der Menschen, die eine Schuldenberatung aufsuchen, haben offene Rechnungen bei ihrer Krankenkasse. «Viele junge Erwachsene werden kurz nach der Volljährigkeit erstmals mit solchen Verpflichtungen konfrontiert», sagt Rohr. Wer keinen Überblick über seine Finanzen hat, gerät schnell in Rückstand.

Prävention statt Schulden

Gemäss dem Bundesamt für Statistik lebten 2021 in der Schweiz 11,5 Prozent der Bevölkerung in einem Haushalt mit Zahlungsrückständen, wenn auch Krankenkassenprämien und Steuern mitgezählt werden. Auch im Glarnerland melden sich vermehrt junge Menschen, die den Einstieg ins eigenständige Finanzleben unterschätzt haben.

Ein wichtiger Teil der Arbeit ist deshalb Prävention. Mitarbeitende der Schuldenberatung besuchen zum Beispiel das Brückenangebot – das 10. Schuljahr – an der Berufsschule in Ziegelbrücke. Dort sprechen sie über Budgetplanung, Steuern und Krankenkassenprämien. Ziel ist es, Grundlagen zu vermitteln, bevor Schulden entstehen. «Eigentlich wünschen wir uns mehr Anfragen für eine Budgetberatung», sagt Rohr. Wer früh eine Übersicht über Einnahmen und Ausgaben erstellt, könne viele finanzielle Schwierigkeiten vermeiden. Oft erfolgt der Kontakt erst, wenn sich bereits Schulden angehäuft haben.

Die Schuldenberatung arbeitet eng mit anderen Stellen zusammen. Verschiedene Amtsstellen, soziale Institutionen oder Gerichte verweisen Ratsuchende an die Fachstelle. In manchen Fällen vermittelt die Beratung weiter, etwa an soziale Dienste oder rechtliche Beratungen. Die Fachstelle hilft dann, die passende Unterstützung zu finden und die Situation zu ordnen.

Im kleinen Kanton Glarus spielt zudem ein besonderer Faktor eine Rolle: die Nähe. «Hier kennt man sich», sagt Rohr. Für manche Betroffene ist das eine zusätzliche Hürde. Die Scham ist gross, und der Schritt zur Beratung wird oft lange hinausgeschoben. Gleichzeitig schafft die regionale Verankerung Vertrauen. Diskretion ist zentral. Was in den Gesprächen besprochen wird, bleibt vertraulich.

Fachstelle seit 20 Jahren – 180 Hilfesuchende in 2025

Träger der Schuldenberatung ist der gemeinnützige Verein Schuldenberatung Glarnerland. Unterstützt wird er von der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Glarus, der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Glarus, vom Lotteriefonds des Kantons Glarus sowie von Stiftungen, Mitgliedern und privaten Spendern. Diese Finanzierung ermöglicht es, Beratungen anzubieten und Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten. Denn Schulden belasten nicht nur das Portemonnaie, sondern oft auch die Gesundheit. Damit die Schuldenberatung Glarnerland diese Arbeit auch künftig leisten kann, bleibt sie auf Mitglieder und Spenden angewiesen. Die Nachfrage zeigt, wie gross der Bedarf ist: Im vergangenen Jahr wurden 180 Hilfesuchende betreut.

Heute feiert die Schuldenberatung Glarnerland, die zu einer wichtigen Anlaufstelle im Kanton geworden ist, ihr 20-jähriges Bestehen. Sie vermittelt zwischen Schuldnern und Gläubigern, hilft beim Ordnen von Finanzen, leitet stabilisierende Massnahmen ein und sucht gemeinsam mit den Betroffenen nach realistischen Lösungen.

Roger Rohr formuliert es schlicht: «Schulden sind selten nur eine Zahl. Dahinter steht immer ein Mensch und seine Geschichte.»

 

Schuldenberatung Glarnerland

Mühleareal 27, 8762 Schwanden

Telefon 055 644 14 44 

www.sbgl.ch, [email protected]

IBAN CH27 0077 3000 5006 7415 4 

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