Naturpflege nach Feierabend am Churer Stadtrand
Einst Standort von 10'000 Maulbeerbäumen, heute ein Einsatzort für Freiwillige: Warum sie im Gebiet «Seidengut» in Chur nach invasiven Pflanzen suchen.
Einst Standort von 10'000 Maulbeerbäumen, heute ein Einsatzort für Freiwillige: Warum sie im Gebiet «Seidengut» in Chur nach invasiven Pflanzen suchen.
Von Cindy Ziegler
Das Areal «Seidengut» ist idyllisch gelegen. Nur wenig Lärm drängt von der Stadt durch die Bäume und doch ist man ganz nah dran. Es ist ein besonderes Gebiet – auch aus Sicht der Biodiversität. Am Donnerstagabend hat sich eine kleine Gruppe zusammengetan. Sie sind für die Natur im Einsatz. Damit das Seidengut ein idyllischer Ort bleibt. Doch zum Einsatz später mehr.
Erst wollen wir in die Geschichte des Churer Seidenguts eintauchen. Eine Geschichte, die viel damit zu tun hat, warum die Freiwilligen an jenem Abend im Gras knien. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde im Churer Sand Seide produziert. Einst standen hier gut 10'000 Maulbeerbäume. Die Blätter dieser Bäume sind die einzige Nahrung für die Seidenraupe. Und diese wiederum ist für die Seidenproduktion essenziell. Im 6. Jahrhundert gelang es zwei Mönchen, Eier des Seidenspinners nach Europa zu schmuggeln. Bereits viele Tausende Jahre vorher soll die Herstellung von Seidenstoffen in China erfunden worden sein. Irgendwann also konnte sich die Seidenindustrie auch hier in Europa ausbreiten. Und in der Mitte des 18. Jahrhunderts eben auch in Graubünden. In Chiavenna gründeten vier reiche Bündner eine Seidenmühle. Und auch Ulysses von Salis pflanzte damals bei seinem Schloss bei Igis 1000 winterfeste Maulbeerbäume. Die Seidenproduktion verbreitete sich in der Folge im Bündner Rheintal bis ins Domleschg. Und auch auf dem Areal «Seidengut» wurden viele Maulbeerbäume gepflanzt.
Lang hielt das Hoch nicht
Lang hielt das Hoch dieses Industriezweigs jedoch nicht. Was danach mit dem Areal gegenüber dem Churer Krematorium passierte, ist nicht ganz klar. Jedenfalls fanden in den frühen 2000er-Jahren erste Entbuschungsaktionen des WWF Graubünden statt. Grössere Flächen wurden wieder freigelegt und die Trockenmauern neu aufgebaut. 2016 kaufte die Stadt Chur die Parzelle. Auch sie investierte in die 12'000 Quadratmeter grosse Fläche, sanierte die Trockenmauern und pflanzte neue Maulbeerbäume. Aus einer Medienmitteilung von damals geht hervor, dass die Stadt die grosse kulturelle Bedeutung und den hohen Biodiversitätswert des Gebietes kennt und schätzt. Es wird als ein Mosaik aus Trockenrasen, Fromentalwiesen, Hecken, Obstbäumen, Wald und Trockenmauern beschrieben.
Eingeschleppt und problematisch
Was also hat das nun mit dem Einsatz der Freiwilligen am Donnerstagabend im April 2025 zu tun? Die Männer und Frauen haben den Neophyten den Kampf angesagt. Den invasiven Neophyten, um genau zu sein. Als Neophyten werden alle Pflanzen bezeichnet, die bei uns nicht heimisch sind. Seit etwa fünfhundert Jahren werden sie durch den Menschen – über den globalisierten Handel und die weltweit gestiegene Mobilität – absichtlich aus anderen Kontinenten eingeführt oder unabsichtlich eingeschleppt. Invasiv und problematisch werden die Pflanzen dann, wenn sie sich stark ausbreiten, Schäden verursachen und einheimische Pflanzen verdrängen. Laut dem Kanton Graubünden gibt es in der Schweiz mindestens 800 gebietsfremde Arten, 107 davon gelten als invasiv. In Graubünden sind 58 dieser Arten nachgewiesen. Wie die Seidenproduktion sind auch diese Pflanzen irgendwann nach Graubünden gekommen und haben sich hier ausgebreitet.
«Typisch für eine Trockenwiese wie diese hier wären Wiesensalbei und Margeriten. Wir finden aber leider auch viel Berufkraut und Kanadische Goldruten», erklärt Mischa Waibel, WWF-Einsatzleiter, den Männern und Frauen, die sich heute hier ehrenamtlich engagieren. Der Einsatz ist Teil einer neu aufgegleisten Veranstaltungsreihe des WWF Graubündens. Die Einsätze zur Bekämpfung der Neophyten am Feierabend im Seidengut, auf dem Schotsch und im Rossboden finden wöchentlich jeweils donnerstags nach Feierabend von 17.30 bis 19.30 Uhr statt. «Die Idee dahinter ist, dass sich mehr Leute Zeit für einen solchen Einsatz nehmen können. Vor der eigenen Haustüre und nach einem langen Tag im Büro», sagt Mischa Waibel, während er mit dem Unkrautstecher in der Hand ein kleines Pflänzchen mitsamt Wurzeln aus dem Boden hebt. «Einjähriges Berufkraut. Wobei einjährig irreführend ist. Würde ich diese Pflanze nicht ausheben, würde sie grösser und grösser werden, versamen und sich rasch auf der gesamten Wiese ausbreiten.»
In einem regelmässigen Rhythmus
Erst vor rund einer Woche seien sie schon durch das Gebiet gegangen und hätten invasive Neophyten wie das Berufkraut und die Goldrute entfernt. Sieben Tage später und schon spriessen zahlreiche neue Exemplare dieser Pflanzen Richtung wolkenbehangener Himmel. «Es ist wichtig, dass wir das in einem regelmässigen Rhythmus machen», erklärt der Einsatzleiter, obwohl das angesichts der sich immer weiterfüllenden Abfallsäcke eigentlich klar ist.
Aus Einzelpflanzen entstehen schnell dichte Bestände
Etwas weiter unten ruft ein Junge dem Einsatzleiter zu. «Hier hat es ein ganzes Nest!», schreit er. Ein Blick über die Schulter des Jungen und tatsächlich: Die Pflanzen haben etwa zwei Quadratmeter der Wiese grossflächig eingenommen. «Die haben wir das letzte Mal wohl übersehen, so gross wie die schon sind», sagt seine Mutter. Gemeinsam mit einer weiteren Freiwilligen rupfen sie alle Exemplare aus, die sie finden. In einem Merkblatt der kantonalen Fachstelle Neobiota steht über das Einjährige Berufkraut: «Das Einjährige Berufkraut ist ein invasiver Neophyt, der sich stark ausbreitet. Aus Einzelpflanzen entstehen schnell dichte Bestände.»
Daneben hat eine Freiwillige ein Exemplar der Kanadischen Goldrute entdeckt. Sie ist erkennbar an den langen Blättern und dem Stängel, der sich von Violett ins Grüne entwickelt. Trotzdem braucht es ein bisschen Übung und ein gutes Auge, um Schädliches von Nützlichem zu unterscheiden. «Ich bin schon ein paar Mal dabei gewesen, mittlerweile habe ich das recht gut im Griff», beschwichtigt die Frau und lacht. Die Stimmung ist gut, die Arbeit geht nicht aus.
Blöd gesagt: Man könnte diese neuen Pflanzen ja auch einfach wachsen und die Natur walten lassen. Sie kommen ja sowieso. Das lässt sich kaum – oder nur mit sehr, sehr viel Aufwand – verhindern. Mischa Waibel nickt und schüttelt dann den Kopf. Er könne diese Überlegungen nachvollziehen. Und trotzdem fände er es wichtig, wo möglich invasive Neophyten einzudämmen. Denn sie würden oft Ökosystemen, die ohnehin schon massiv unter Druck stehen, noch mehr schaden. «Wir haben die Pflanzen hierher gebracht. Dann ist es doch auch unsere Aufgabe, die Natur wieder von ihnen zu befreien?», fragt er rhetorisch.
Die Freiwilligen, die noch immer mit dem Kopf ganz nah am Boden unterwegs sind, würden das wohl bejahen, hätten sie die Frage gehört. Sie nämlich sind konzentriert auf der Suche. Und auch die Schreibende entdeckt plötzlich Neophyten, wo sie vorher keine sah. Kurzerhand werden sie ausgestochen und eingetütet, während der Wiesensalbei daneben betörend riecht und stehen bleiben darf.
Weitere Informationen zum wöchentlichen Einsatz und zu weiteren Möglichkeiten, sich für die Natur einzusetzen, unter www.wwf-suedost.ch/das-koennen-sie-tun.
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