×

Kanalreinigung mit Hochdruck: «Una-uffa und Oba-aba»

Wieso Bündner Kanalreinigungsfachleute Kraft und Fingerspitzengefühl gleichermassen brauchen

Bündner Woche
28.04.25 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Saubermacher: Michel Lehmann spritzt den Rand des Schachtes ab – hier aber noch mit geringem Druck. Später geht es dann «volle Kraft» voraus mit 80 bis 100 Bar die Leitung hinab.
Saubermacher: Michel Lehmann spritzt den Rand des Schachtes ab – hier aber noch mit geringem Druck. Später geht es dann «volle Kraft» voraus mit 80 bis 100 Bar die Leitung hinab.
Lara Buchli

von Andri Dürst

Es ist eine beschauliche Morgenszene im kleinen Dorf Masein oberhalb von Thusis: Ziegen geniessen die ersten Sonnenstrahlen, Hühner gackern fröhlich herum, Schulkinder spazieren plaudernd Richtung Schulhaus und eine ältere Frau wartet auf das nächste Postauto. Hier, an der Oberfläche, nimmt alles seinen gewohnten Gang. Doch nur wenige Meter unter uns schaut es weniger beschaulich aus. In der Abwasserleitung der Gemeinde haben sich Schlamm, Laub, Dreck und teilweise sogar A4-grosse Schieferplatten aus Kalk angesammelt. Es ist daher wieder mal Zeit für eine gründliche Kanalreinigung. Dölf Keller, der Gemeindearbeiter von Masein, hat deshalb Profis bestellt. Und da kommen sie auch schon: Mit einem grossen, orangen Lastwagen fährt ein Trupp der Firma LAO-Kanalprofis die Strasse hoch, dahinter ein weisser Kastenwagen. In der Kurve neben dem Schulhaus steigen die Fahrzeuginsassen aus und begrüssen Dölf Keller. Auf einem Terrassentisch des Dorfcafés breitet er die Katasterpläne aus. Es wird beraten, wo die Reinigung gestartet werden soll, wo welche Schächte sind und wo es Hindernisse gibt. Die Kanalreiniger wissen schnell, wo sie beginnen müssen. Dann geht es auch schon los. Roli Meier, der älteste des dreiköpfigen Reinigungsteams, fährt den Lastwagen zum nächsten Hydranten. Dann schliesst er einen Schlauch daran an und füllt so den grossen Tank des Lastwagens. «Unser Auftrag ist es, die Leitung hier im Dorf zu spülen und Videoaufnahmen davon zu erstellen.» Sind die Kanalarbeiter nun gleichzeitig auch Kameraleute? Ja, das sind sie, sofern sie einen entsprechenden Kurs besucht haben. Dazu später mehr.

Mit Hochdruck gegen den Schmutz

Michel Lehmann, der ebenfalls im Lastwagen mitfuhr, erklärt kurz die Funktionen des Lastwagens. «Mit diesem Fahrzeug können wir spülen oder saugen. Letzteres ist zum Beispiel bei Güllenkästen oder Ölabscheidern notwendig. Heute aber spülen wir, deshalb füllen wir zuerst den Tank mit Wasser. Danach erzeugen wir Hochdruck von maximal 200 Bar. Die Leitungen reinigen wir aber meist mit 80 bis 100 Bar.» Während die letzten Liter des kühlen Nass in den Tank fliessen, erklärt Dölf Keller den dreien, wo sie ihre Fahrzeuge als Nächstes abstellen können. Man merkt: Die Kanalreiniger müssen sich schnell an die Gegebenheiten vor Ort anpassen und Lösungen finden. Der Lastwagen fährt nun hinauf zum Restaurant Bergmühle und dort dann in den Hinterhof. Der weisse Kastenwagen folgt ihm. Gefahren wird er von Gian-Marco Jeger. Er wird später die Videoaufnahmen koordinieren. Diese dienen zur millimetergenauen Prüfung von Rohren, Leitungen und Kanälen und machen auf Risse, Frakturen, Verschmutzungen und Ablagerungen aufmerksam, gegen die vorgegangen werden kann. Vorbeugen ist besser als heilen, heisst es ja bekanntlich.

Inspektion: Die Entwässerungstechnologen der LAO-Kanalprofis schauen sich zu Beginn alle Schächte an, um zu wissen, wo sie starten müssen.
Inspektion: Die Entwässerungstechnologen der LAO-Kanalprofis schauen sich zu Beginn alle Schächte an, um zu wissen, wo sie starten müssen.
Lara Buchli

Im Hinterhof sind gleich vier verschiedene Schachtdeckel zu finden. Die ersten drei sind aber nicht die Objekte der Begierde. Meteorleitung, Ölabscheider und Hofsammler. Gearbeitet werden soll nun ausschliesslich am linken der vier «Dolendeckel». Unter ihm befindet sich einer der Anfangspunkte der dörflichen Abwasserleitung. Gian-Marco Jeger löst mit viel Kraft die Schrauben, mit denen der Deckel befestigt ist. Michel Lehmann hebt ihn anschliessend mithilfe eines Pickels aus der Verankerung. Roli Meier bereitet derweil den Schlauch vor. «Welche Düse möchtest du haben?», ruft er. «Super 12», gibt Michel Lehmann zur Antwort und beginnt kurz darauf mit dem Abspritzen des Schachtdeckels, der von Moos überzogen ist. Dann wird der Schacht grob gereinigt, ehe es mit der eigentlichen Kanalreinigung losgeht. «Mehr Schlauch!», heisst es schon bald vom kräftigen Mann, und Roli Meier tut, was ihm geheissen. Doch schon nach kurzer Zeit ist Schluss – der Schlauch steckt fest. Alles Hantieren nützt nichts, irgendwo gibt es ein Hindernis, an dem der Schlauch nicht vorbeikommt. Nun ist wieder der Einsatz von Gian-Marco Jeger gefragt: Er bereitet den Fahrwagen, der an ein ferngesteuertes Spielzeugauto erinnert, vor. An diesem ist eine Kamera montiert, die mittels Kabel mit dem Kastenwagen verbunden ist. Dort drin ist ein kleiner Arbeitsplatz eingerichtet. Verschiedene Bildschirme und Knöpfe dienen dem Operateur zur Steuerung. Und dann geht es auch schon los. Gian-Marco Jeger lässt den Fahrwagen durch die Leitung fahren und erstellt die gewünschten Aufnahmen. Doch nach ein paar Metern ist auch für ihn Schluss: Der Fahrwagen kommt nicht mehr weiter. Zurück auf Feld eins. Nun kommt eine Handkamera zum Einsatz, die Michel Lehmann vorsichtig ins Rohr einführt. 

Konzentriert: Gian-Marco Jeger bewegt mittels Joystick...
Konzentriert: Gian-Marco Jeger bewegt mittels Joystick...
Lara Buchli
...den Fahrwagen mit Kamera vorsichtig durch die Leitung.
...den Fahrwagen mit Kamera vorsichtig durch die Leitung.
Lara Buchli

Während er und Gian-Marco Jeger mit viel Fingerspitzengefühl die neuen Aufnahmen machen, erklärt Roli Meier, was der Lastwagen noch alles kann. Er zeigt auf die verschiedenen Schläuche und Düsen, die den Kanalreinigern zur Verfügung stehen. Je nach Rohrdurchmesser, Material und Verschmutzung kommen andere Aufsätze zum Einsatz. Gereinigt wird ausschliesslich mit Hochdruck: Putzmittel oder gar Chemikalien werden nicht verwendet.

Derweil sind Gian-Marco Jeger und Michel Lehmann auf das Problem gestossen: Eine zu enge Kurve verunmöglichte dem Fahrwagen die Durchfahrt. Die gute Nachricht: Die Leitung ist weder beschädigt noch verstopft. Grünes Licht, um den Abschnitt nun vom nächsten Schacht aus zu reinigen. Erneut kurven die beiden Fahrzeuge weiter. Neben einem Wohnhaus geht es wieder los. Michel Lehmann entfernt den «Dolendeckel» und führt den gelben Schlauch ein. Dann öffnet Roli Meier den Wasserhahn, und die Hochdruckreinigung startet. «Grundsätzlich ist es immer am besten, wenn wir die Leitungen von unten nach oben reinigen können. Das ist am effektivsten, den so werden die Ablagerungen am besten gelöst und können gleich abfliessen. Je nach Gegebenheit müssen wir aber da und dort auch mal von oben nach unten reinigen.» Das wird auch hier in Masein wenig später der Fall sein. Denn der nächste Schachtdeckel befindet sich mitten auf der Hauptstrasse. Dölf Keller möchte den Autoverkehr nicht behindern und bittet die Kanalreiniger, an diesem Schacht keine längeren Arbeiten durchzuführen.

Ein Job mit viel Abwechslung

Während Michel Lehmann den Schlauch mit viel Kraft Meter um Meter in den Schacht führt, sprechen wir ein wenig über die Tätigkeit der drei. Roli Meier war einst Gemeindearbeiter, hatte schon immer ein Faible für Maschinen und Lastwagen. So stiess er zu den LAO-Kanalprofis. An seiner Tätigkeit schätzt er die Vielseitigkeit. «Geht nicht, gibts nicht, ist unser Motto», meint er schmunzelnd. Gian-Marco Jeger wiederum kommt aus der Druckereibranche, hat sich beim Team der Kanalreiniger aber auch gut eingelebt. «Am Anfang hatte ich tatsächlich etwas Mühe mit dem Geruch, den die Leitungen teilweise absondern. Besonders bei Fettabscheidern ist das sehr eklig. Aber man gewöhnt sich daran.» Und wenn man den Job korrekt ausführe, werde man auch nicht dreckig. Michel Lehmann hingegen absolvierte seine Lehre in der Branche. «Entwässerungstechnologe EFZ», lautet die genaue Bezeichnung. Ursprünglich begann er eine Lehre als Zimmermann, die er aber wegen einer Verletzung abbrechen musste. Sein aktueller Beruf scheint ihm nun aber auch gut zu gefallen. «Wir haben ein tolles Team, das ist ebenfalls wichtig.» Worin sich alle einig sind: Jemand müsse diesen Job ja machen. Denn werden Abwasserleitungen nicht regelmässig gereinigt, drohen Verstopfungen und im schlimmsten Fall Überschwemmungen, die schnell einmal die Umwelt bedrohen können. Deshalb sollten nicht nur Gemeinden, sondern auch Private gut zu ihren Leitungen schauen. Und nicht erst dann die Kanalprofis rufen, wenn es zu spät ist.

www.laokanalprofis.ch

Abwasser ist nicht gleich Abwasser

Oft erscheint es bequem, einen Eimer mit schmutzigem Putzwasser in den nächstbesten «Dolendeckel» reinzuschütten. Doch das sollte man besser nicht tun. Denn viele Schweizer Gemeinden setzen inzwischen auf eine getrennte Kanalisation, mit der Abwasser und Sauberwasser getrennt abgeleitet wird. Auf www.energie-umwelt.ch heisst es dazu: «Damit bei Regen das Niederschlagswasser nicht in Massen in die Kläranlagen gelangt – was die Wasserreinigung erschwert oder sogar komplett verhindert – schreibt das Schweizerische Gewässerschutzgesetz getrennte Kanalnetze für Abwasser und Regenwasser vor. Diese doppelte Kanalisation wird Trennsystem genannt, im Gegensatz zum Mischsystem für verschmutztes und nicht verschmutztes Abwasser.» Während das Schmutzwasser einer ARA zugeführt wird, leitet man das Niederschlagswasser über einen sogenannten Meteorwasserkanal in den nächsten Bach oder See. Wer nun also sein Putzwasser in eine solche Leitung gibt, verschmutzt so die Umwelt und gefährdet wegen der Chemikalien Flora und Fauna.

Alleskönner: Der Lastwagen kann die unterschiedlichsten Arbeiten ausführen.
Alleskönner: Der Lastwagen kann die unterschiedlichsten Arbeiten ausführen.
Lara Buchli
Inhalt von buew logo
Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Mehr zu Leben & Freizeit MEHR