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Realität oder Fiktion?

Im vollen Saal im «Schützenhaus» Glarus spielen die acht Schauspielerinnen so gut, dass ein Zwischenfall das Publikum rätseln lässt, was zum Stück gehört und was nicht.

Südostschweiz
31.10.16 - 15:40 Uhr
Kultur

von Alexandra Greeff

Unser Präsident Niklaus Seliner schmollt, weil nur Frauen mitspielen. Deshalb können wir nun auch den Rest, also die Begrüssung selber machen», wurde das Publikum von einem weiblichen Vorstandsmitglied mit Augenzwinkern begrüsst. Im Gegensatz zum Präsidenten habe aber immerhin die Gemeinde Glarus keine Angst vor Frauenpower. Sie habe jedenfalls das Tagespatronat übernommen. «Jawohl!», hörte man daraufhin eine laute und bestimmte Stimme aus dem Publikum, die wahrscheinlich einem Mitglied des Gemeinderates gehörte, und alle lachten.

Alle, das heisst ein ausverkauftes «Schützenhaus» in Glarus. Und alle wollten sie sehen: die acht Frauen, die wegen einer echten Leiche im Bett und acht «Leichen im eigenen Keller» aneinandergeraten. Es sind die Frauen der Kriminalkomödie «8 Frauen», die vom französischen Schriftsteller, Regisseur und Schauspieler Robert Thomas geschrieben wurde und in der Filmversion von François Ozon (2002) die Herzen von über 2,1 Millionen Kinobesuchern eroberte.

«Sie stecken nämlich schon mitten im Krimi»

Dass das Theater Glarus mit «8 Frauen» ein Theaterstück auswählte, in dem ausschliesslich Frauenrollen vorkommen, wurde angeblich nicht von allen goutiert. Sodann wurde das Publikum in die verschneite und abgeschiedene Landschaft, in der auch das Theaterstück spielt, entführt: «Sind alle Notausgänge geschlossen? Kann niemand fliehen? Die Handys können Sie auch ausschalten und vergessen, sie funktionieren sowieso nicht. Und haben Sie Ihren Nachbarn genauer angeschaut? Nein? Dann bleibt nur zu hoffen, dass er kein Mörder ist. Sie stecken nämlich schon mitten im Krimi.»

Wahrheit ist harmloser als erwartet – und doch brutal

Abgeschiedenheit und vergebliche Fluchtversuche spielen im Stück tatsächlich eine wichtige Rolle. Die acht Frauen sind grossenteils miteinander verwandt und treffen sich in einer verschneiten Villa auf dem Land, um die Weihnachtstage miteinander zu verbringen.

Es sind dies: Gaby (Angela Galli), die sich vor dem Älterwerden fürchtet und viel Wert auf Wohlstand und finanzielle Absicherung legt, Susanne (Sara Hegner), die für die Weihnachtsfeier extra aus England angereist ist, die vorwitzige und schlaue Catherine (Rina Lampietti), die im besten Pubertätsalter ist und liebend gerne Krimis liest, die neurotische Augustine (Daniela Kamm), Mamy (Wilma Hauser), die die Gastfreundlichkeit ihres Schwiegersohns schamlos ausnutzt und immer mal wieder heimlich zur Flasche greift, Pierrette (Isabella Beccarelli), die das Leben in vollen Zügen geniesst und mit ihrem Liebesleben Entsetzen auslöst, das Dienstmädchen Louise (Laura Diener) und die gutmütige und beleibte Köchin Madame Chanel (Imelda Stucki).

Anstatt einer trauten Weihnachtsfeier entwickelt sich aber ein Krimi: Der einzige Mann im Haus, Marcel, wird tot im Bett vorgefunden, in seinem Rücken steckt ein Brieöffner. Alle Versuche, die Polizei zu erreichen oder zu fliehen, sind aber zum Scheitern verurteilt: Das Gartentor ist verriegelt, das Kabel des Telefons durchgeschnitten, ebenso kann das Auto nicht benutzt werden. Wer ist der Mörder? Oder die Mörderin?

Eines wird bald klar: Der Mörder muss noch im Hause sein: Also ist er eine Sie! Und da es viele Gründe gibt, einen Mann umzubringen, haben alle acht Frauen ein eigenes Tatmotiv. Sie versuchen von sich abzulenken, klagen sich gegenseitig an, suchen nach einem Alibi, verstricken sich in Lügen. Letztlich kommt aber doch die ganze Wahrheit ans Licht – harmloser als erwartet und doch brutal durch ihre Ungeschminktheit.

Viel Mut bewiesen die Schauspielerinnen bei den Gesangseinlagen, wenn sie ihre Gefühle und Gedanken in Form von Liedern zum Ausdruck brachten. Die Nervosität der Schauspielerinnen war dabei zu spüren, wurde aber sehr gut gemeistert.

Frauencharaktere gewinnen sofort Sympathie des Publikums

Mit der Aufführung des Theaterstücks «8 Frauen» unter der Regie von Susanna Rosati und Rita Schnyder ist es dem Theater Glarus einmal mehr gelungen, anspruchsvolles Volkstheater im Glarnerland zu zeigen. Die verschiedenen Frauencharaktere wurden gekonnt und überzeugend umgesetzt und gewannen sofort die Sympathie des Publikums.

Das Publikum konnte so gut in den erzählten Krimi eintauchen und über die Unverfrorenheit und Schlagfertigkeit der Frauen lachen, dass ein echter Vorfall im Publikum für Verwirrung sorgte: Ein Mann stand mitten während der Aufführung auf, bewegte sich in Richtung Notausgang und fiel zu Boden. Gehörte das zum Theaterstück? Leider nein. Wenigstens war die Türe nicht verschlossen, und die nötigen Helferinnen und Helfer waren bald zur Stelle.

Das Theaterstück «8 Frauen», gespielt vom Theater Glarus, wird bis zum 19. November noch 10-mal aufgeführt.

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