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Das ist zwar Kunst, kam aber weg

Am Samstag ist die Venus im Bahnhof Glarus in Brand geraten. Als sich der Bildhauer ansehen will, was von seinem Werk noch zu retten wäre, ist es schon zu spät: Der Muldenservice war schneller.

Ueli
Weber
31.01.18 - 04:30 Uhr
Kultur
Erschaffen in der Toskana: Raffael Benazzi verpasst seiner Venus den letzten Anstrich.
Erschaffen in der Toskana: Raffael Benazzi verpasst seiner Venus den letzten Anstrich.
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Die Venus war Raffael Benazzis grösstes Werk. Auch im wörtlichen Sinne. Mit einer Motorsäge schnitt der Bildhauer einst ihre Rundungen aus einem riesigen Tropenholzstamm. Zwei Tonnen brachte seine vollendete Venus auf die Waage, vier Meter ragte sie in die Höhe. Ihre Ausmasse stellten am Samstag die Feuerwehr vor Probleme, als sie die Holzskulptur im Bahnhof Glarus löschen sollte. Eben weil sie zwei Tonnen schwer war und vier Meter gross und nicht aufhören wollte, zu qualmen. Also machten sich auch die Feuerwehrleute mit der Motorsäge hinter die Frau. Ihre Einzelteile warfen sie anschliessend in eine Mulde.

Was danach passiert ist, bleibt für Benazzi «ein Mysterium», wie er sagt. Der Bildhauer ist 84 Jahre alt und lebt mittlerweile in Stäfa. Eine Freundin rief ihn am Wochenende an, um vom Schicksal seines Werkes zu berichten. Als er Anfang Woche ansehen wollte, was aus seiner Venus wurde, war es schon zu spät. Am Montagvormittag hatte der Muldenservice den Rest der Venus bereits geschreddert. «Die Versicherung und ich hatten keine Chance, die Überreste anzuschauen», sagt Benazzi. «Das ist sehr schade. Ich bin sicher, dass ich etwas damit hätte machen können.»

Benazzi rief mehrmals bei der Feuerwehr und der Polizei an. Doch niemand konnte ihm sagen, weshalb seine Skulptur so schnell entsorgt wurde. So genau weiss das auch Kaspar Marti nicht. Er ist der Präsident des Kunstvereins, welcher die Skulptur besass. «Offenbar gab es da einige unklare Anweisungen», sagt Marti. Und der Muldenservice tat, was er eben tut, wenn er eine volle Mulde hat.

Benazzi bietet Ersatz an

Der Kunstverein suchte zuletzt einen neuen Standort für die Venus. Weil der Bahnhof umgebaut wird, hätte sie ein neues Zuhause gebraucht. Jetzt muss der Kunstverein schauen, wie viel Geld er von der Versicherung erhält. Und was er mit diesem Geld macht. Die Polizei bezifferte den Schaden an der Skulptur mit 40 000 Franken. So hoch dürfte die Skulptur auch etwa versichert sein. Der Ennendaner Kunstkenner Peter Jenny schätzt den eigentlichen Marktwert gar auf 80 000 bis 100 000 Franken. Er sagt: «Die Zerstörung der Venus ist vor allem ein grosser Verlust für die Kunstmöblierung der Stadt Glarus.»

Benazzi stellt Ersatz in Aussicht: Seine Skulpturen füllen eine ganze Fabrikhalle. «Wenn sie wollen, dürfen sie sich etwas aussuchen. Den Preis würde ich anpassen», sagt Benazzi. «Ich bekomme lieber etwas weniger Geld und sie steht bei euch, als dass ich mehr bekomme und sie steht weisswo in der Welt.»

Verdächtiger streitet Brandstiftung ab

Die Polizei geht davon aus, dass die Venus angezündet wurde. 
Am Sonntagabend verhaftete 
sie beim Bahnhof Glarus einen Verdächtigen. Der 25-jährige Mann streitet die Brandstiftung 
jedoch ab. Wie Polizeisprecher Daniel Menzi sagt, ist er wieder 
auf freiem Fuss. Die Kantonspolizei ermittelt weiter.

Ueli Weber ist stellvertretender Redaktionsleiter der «Glarner Nachrichten». Er hat die Diplomausbildung Journalismus am MAZ absolviert und berichtet seit über zehn Jahren über das Glarnerland.

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