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Der Graubünda-Song: Potenzial für Herzschmerz oder Ohrenkrebs

Liebe Bündner, Euer Heimatlied ist gewöhnungsbedürftig und kann die Volksseele spalten: Man liebt es oder man hasst es. Wird «Du bisch dr geilscht Kanton vor Welt» in der Disco gespielt, muss man auch als Nicht-Graubündnerin (zwangsläufig) mitsingen und tanzen. Und auf die Betäubung der Gehörgänge durchs nächste hochprozentige Partygetränk hoffen.

11.01.18 - 04:30 Uhr
Kultur
«Du bisch dr geilst Kanton vor Welt»
«Du bisch dr geilst Kanton vor Welt»
SCREENSHOT

Die Verbundenheit zur Heimat könnte nicht besser vermittelt werden als durch auditive oder gustatorische Genüsse. Sei es ein herzhaftes Essen aus der Heimat oder ein tiefgreifendes Lied. Maluns und Capuns, die ich ob ihrer ähnlichen Schreibweise bisher auf Papier nur schwer unterscheiden kann und hoffentlich mehr früher als später verkosten darf, sind solche Kostbarkeiten in eurer Region. Bei mir daheim wären es die Innviertler Knödel oder das Bratl (Fotos gibts auf Anfrage), die jedem Innviertler nach einem langen Aufenthalt im Ausland von der Mama oder Oma aufgetischt werden. 

Wird die Identität bei Euch besungen, dröhnt sofort «Du bisch dr geilscht Kanton vor Welt» (Achtung! Legasthenie-Alarm) aus Lautsprechern und Mündern. Noch bin ich mir nicht sicher, ob es ein Genuss oder eine Qual für die Ohren sein soll. Das Lied traf mich beim ersten Ausgeh-Abend - nein, eigentlich war es schon Nacht - mit voller Wucht. Mit gleicher Intensität wurde ich zum Mitschunkeln und Singen motiviert.

«Du bisch dr geilscht Kanton vor Welt, bisch mini Heimat und alles, was zählt, in da Bündner Berga bini nia allei, Graubünda do bin i dahei» ist schmalzig, süss und hat das Zeug zum Heilmittel gegen Heimweh. Aber leider, liebe Bündner, nur wenig Genuss für die/meine Ohren.

Nach der durchtanzten Nacht habe ich mir, immer noch etwas verdattert, vom Songtext das Video angesehen. Und konnte mich kaum halten. Vor Lachen. Pseudorapper und Grauviecher, dazu Käsefondue und kitschige Sonnenaufgang-Bilder machen leider noch keinen grossartigen Heimathit aus. 

 

Wer es noch nicht kennt: Das Graubündner-Lied von DJ Mico feat. Sandy & MC Tiramisu. 

Um die Freundschaft mit allen Anhängern von «Du bisch dr geilscht Kanton vor Welt» nun wiederherzustellen, sei Euch hier auch eine Persiflage von unserem Hitgaranten und selbsternannten Volks-Rock'n'Rollers Andreas Gabalier serviert. Der 33-jährige Kärntner geistert mit seinen Hits zwar ständig durch die Charts. Der Klassiker «I sing a Liad für Di» tut aber mittlerweile schon in den Ohren weh und «Hulapalu» verursacht Brechreiz.

Um Herrn Gabaliers Künste nicht gänzlich durch den Fleischwolf zu ziehen, sei Euch mit «Amoi seg ma uns wieder» ein wahrlich tiefgründiges Lied ans Herz gelegt. Mit dieser Aufnahme wollte der Sänger seinem Vater und seiner Schwester, die sich beide das Leben nahmen, gedenken. 

Der traurige Hintergrund von «Amoi seg’ ma uns wieder» (Einmal sehen wir uns wieder): 2007 nahm sich Andreas Gabaliers Vater das Leben. Nur zwei Jahre später auch seine kleine Schwester, damals 19 Jahre alt. 

Und schliesslich widme ich euch noch einen Klassiker, der sich in meiner Heimat Oberösterreich in den vergangenen Jahren zum Must-Have auf jedem Festl, jeder Party, jeder Feierlichkeit entpuppt hat: «Brenna tuats guat» von Hubert von Goisern, ein Altmeister der oberösterreichischen Mundart, der mit «Weit, weit weg» 1992 in Öschterreich Berühmtheit erlangte. Wer es schafft, den saloppen Text über Geld und Gier, frei und ohne Schummelhilfe zu singen, ist in Oberösterreich der König auf jeder Festivität. 

Das Lied ist in Mundart (oberösterreichisch) verfasst. Ein Übersetzungsversuch: «Jeder weiss, dass Geld nicht auf der Wiese wächst. Und essen kann man es auch nicht, aber es brennt gut. Aber heizen tun wir mit Weizen, mit Rüben und Mais. Wenn wir noch lange so weiterheizen, brennt der Hut.»

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