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Hommage an ein musikalisches Lebenswerk

Comeback und Abschied: «Sektion Kuchikäschtli»-Rapper Rennie veröffentlicht am Freitag sein erstes und zugleich letztes Solo-Album «Randnotiz». Hält es, was es verspricht?

15.12.17 - 04:30 Uhr
Kultur
Am Freitag erscheint das erste und zugleich einzige Solo-Album von «Sektion Kuchikäschtli»-Frontmann Rennie.
Am Freitag erscheint das erste und zugleich einzige Solo-Album von «Sektion Kuchikäschtli»-Frontmann Rennie.
PRESSEBILD

Jemand pfeift eine eingängige Melodie. Etwas brutzelt in der Pfanne. Nur das charakteristische Piepen eines Elektroherds durchdringt beim Verstellen der Hitze die Pfeif- und Brutzellaute. Bitte was ist hier los? Plötzlich geht das Pfeifen über ins Intro eines für Rennie so typischen, sphärischen Instrumentals. «It's my turn», singt eine Frauenstimme darüber, in der gleichen Melodie des Pfeifens zu Beginn. Es soll das letzte Mal sein, dass der «Sektion Kuchikästli»-Frontmann aus Igis «an die Reihe kommt». Heute erscheint sein erstes – und nach eigener Aussage zugleich letztes – Solo-Album «Randnotiz».

Eine Zeit der Gehversuche

Der szenische Einstieg, der sich schliesslich beim Blick auf das Album-Cover auflöst, erinnert stark an jenen zur ersten Langspielplatte «Dorfgschichta» von Sektion Kuchikäschtli aus dem Jahr 2002. Damals begann das Album mit Fahrtgeräuschen eines RhB-Zuges und der Durchsage «Nächster Halt, Igis». Es folgten die Geräusche der sich öffnenden Klapptüren sowie jene des Aussteigens und des Sich-auf-den-Heimweg-machens. Letzteres zog sich hinein bis ins erste Instrumental des Albums zum Lied «Kuchikäschtlihiphop». Lange Rede kurzer Sinn: «Randnotiz» versetzt einen mit den ersten Takten zurück in die Zeit um die Jahrtausendwende. In eine Zeit der ersten Gehversuche im Bündner Hiphop.

Der Churer Jakob Felix hatte sich bis dahin als «Spooman» mit seinem Basler Partner «Shape» zusammengetan und ein «dynamisches Duo» gebildet. Auch als Mitbegründer der «AOH Family» machte sich Felix in den frühen Neunzigerjahren schweizweit einen Namen. 1998 schliesslich gründeten Rennie und Jeff als «DJ Stimpee Kutz» die Crew «Sektion Kuchikäschtli». Nach zwei sogenannten Maxis, einer eigenen («Lampafiaber») und als Gast-Act auf jener des Produzenten «M.A.R.C.», erschien 2002 besagtes erstes Album «Dorfgschichta».

Konsequent anders sein

Es folgte zwei Jahre später das Album «Nur so am Rand». Dieses ging in die Geschichte ein. Es wurde als erstes Schweizer Rap-Album mit einer goldenen Schallplatte für (damals) mehr als 20'000 verkaufte Einheiten ausgezeichnet. Mit dem zweiten Album erreichte die Crew aus Igis zugleich ihren grössten kommerziellen Erfolg. Das dritte Studioalbum «Affatanz» erschien schliesslich 2007. Seither ist es ruhig geworden um die Bündner Rapcrew.

«Sektion Kuchikäschtli» war anders. Die Instrumentals immer geprägt von jazzigen, souligen und funkigen Klängen. Eher ruhig, relaxt und sich dadurch oft ähnlich. Ein klarer Stil, der sich wie ein roter Faden durch ihr musikalisches Schaffen zieht. Die Themen aus dem Alltag aufgegriffen, oft politisch, oft ging es um zwischenmenschliche Beziehungen. Meist um gescheiterte. Persönliches Leid fand in der Musik der Crew ebenso Platz, wie das Leid der gesamten Welt. Mit einer gesunden Portion Realismus, mit Ironie, Witz, Zynismus, blühender Fantasie, seiner ihm eigenen Metaphorik und direktem Mundwerk verwandelte Rennie soziale und gesellschaftspolitische Themen in Raptexte, wie kein anderer sie schrieb.

«Realness loht sich en coola Rapper hützutags wohrschinli ufda Zipfel tättowiera.»

Rennie, Rapper

Dabei war er sich seiner selbst immer bewusst. Grössenwahnsinnig wurde Rennie nicht. Dass er nie den Status der Topverkäufer im internationalen Hiphop erreichen würde, war ihm von vornherein klar. Er schaffte es immer, sich glaubhaft daran zu erfreuen, was ihm das Leben bereithielt. Und es auch zu Papier zu bringen:

Und 2017? Zehn Jahre später hat sich daran nichts geändert. Zum einen wohl, weil nicht alle Texte auf «Randnotiz» aktuellen Datums sind. Dem Letzten wird das wohl beim «EM 2008»-Skit klar. Dennoch: Rennie ist auch solo immer noch Rennie. Gleicher Stil, gleiche Musik, gleiche Themen, das gleiche lose Mundwerk. Rap verlasse man nicht einfach so nach einer Nacht, wie Hotelzimmer, rappt der Igiser. Und Rap brauche zurzeit einen guten Freund, «also grundsätzlich mi». 

Musik als Ursprung einer kommerziellen Kettenreaktion

Damit stösst Rennie, wie es sich in der Szene gehört, die Diskussion um «Realness» erneut an. Im Song «Alles eifach» setzt er sich unter anderem mit dem wirtschafltichen Aspekt der Musikbranche auseinander. Er fantasiert gewohnt ironisch, wie sein musikalisches Comeback gar die Konjunktur positiv beeinflussen wird. «Noch dem Release do, stigt im Land bald d'Kaufkraft.» Wie? Ganz einfach: Der Song sei so positiv, dass er die Arbeitsleistung der Hörer steigere. Statt dass diese mit einem Dauerfrust zur Arbeit kommen, sorgen sie laut Rennie freudig für «ökonomisches Surplus». Eine begeisterte Frau leiste beispielsweise bald Überstunden für ein Louis-Vuitton-Täschchen. Und dieses müssten dann auch gleich all ihre Bekannten und Freundinnen haben. Eine kommerzielle Kettenraktion also, ausgelöst durch seine Musik. «Geg mi isch jeda Wirtschaftsmagnat en Pappkamerad». Dass Rennie damit die Konsumkultur kritisiert, dürfte klar sein. Wer ihn beim Wort nimmt, hat ihn (meistens) falsch verstanden.

Für mehr Schein als Sein in der Rapmusik hat der Igiser wenig übrig. «Iahr hend en Doktortitel? Schön, i han a Plattavertrag.» Bis ihn Jeff darauf aufmerksam macht, dass er doch gar keinen solchen habe. Das sei ihm schon klar, entgegnet Rennie. Nur habe das vom Reimen her halt gerade am besten gepasst. «Alles easy, oder?» Was denn mit «Realness» sei, fragt Jeff zurück. «Realness?», so Rennie lachend. «Realness loht sich en coola Rapper hützutags wohrschinli ufda Zipfel tättowiera.» 

Eine geniale Hommage

Dass sein Stil zu rappen in der Hochblüte des düsteren Trap, der elektronischen, der konsumgeprägten und oft inhaltsarmen Pop-Musik «outdated» ist, ist Rennie völlig klar («Find mi ab damit»). Beinahe trotzig widmen sich seine Texte auch auf «Randnotiz» immer wieder Zwischenmenschlichem («Wenn i stör» und «BFF»). Es gelingt dem Bündner, all jene ein letztes Mal von vergangenen Tagen des Schweizer Hiphops träumen zu lassen, die sich diese Zeit sehnlichst zurückwünschen. Immer wieder lässt er kleine Referenzen an frühere Werke aus der eigenen Feder einfliessen.

Und bald wird klar, dass es Rennie mit dem Abschied von der Musik dieses Mal ernst sein dürfte. «Sägi nei, chasch druf goh, dass es Nei isch. (...) Und wennd as Jo ghöra wittsch, bis ruhig beleidigt.» Nicht zuletzt symbolisiert das auch der Soulgesang am Ende von «Nei». Rennie wird bewusst, dass es für ihn Zeit wird, zu gehen: «I guess you don't want me no more.»

Wie ernst es Rennie mit dem Ende ist, zeigt zuletzt der Titelsong «Randnotiz», der wie auf «Nur so am Rand» den Abschluss des Albums bildet. Er steht als Instrumental-Medley für Rennies geniale Hommage an sein musikalisches Lebenswerk. Ein Lebenswerk, das in der Chronik der schweizerischen Musikgeschichte – von Anfang bis Ende völlig bewusst und als solche vorgesehen – nur eine «Randnotiz» bleiben wird.

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