Ein paar Steinzeit-Nomaden machen noch keine Stadt
Ist Chur wirklich die älteste Stadt der Schweiz? Wir haben anlässlich des Jubiläums des Archäologischen Dienstes von Graubünden nachgefragt, ob das wirklich stimmt.
Ist Chur wirklich die älteste Stadt der Schweiz? Wir haben anlässlich des Jubiläums des Archäologischen Dienstes von Graubünden nachgefragt, ob das wirklich stimmt.
Die städtischen Tourismuswerber haben den Slogan schon ziemlich lange im Programm: Chur sei die älteste Stadt der Schweiz, heisst es auf Broschüren und Websites. Doch stimmt das überhaupt und worauf fusst diese Aussage? Heute wird im Rhätischen Museum in Chur die Ausstellung «Il Fund» eröffnet, mit der man die 50 Jahre feiert, seitdem der Archäologische Dienst den Bündner Boden aufgräbt und viel Spannendes zur Geschichte des Kantons zutage gefördert hat. Auch in Chur gab es in diesen Jahren immer wieder wichtige Funde, wie in der sehr abwechslungs- und lehrreichen Präsentation zu sehen ist, die noch bis zum 25. Februar dauert.
Für uns war die Medienorientierung im Museum die Gelegenheit nun endlich aus berufenem Munde zu erfahren, was es mit der ältesten Stadt der Schweiz auf sich hat.
«Von solchen Superlativen halt ich gar nichts»
Thomas Reitmaier, seit 2012 Bündner Kantonsarchäologe verzieht das Gesicht, wenn man ihn darauf anspricht. Von solchen Superlativen halte er gar nichts. Zwar sei es tatsächlich so, dass die ältesten in der Ausstellung des Archäologischen Dienstes gezeigten Funde aus der späten Altsteinzeit stammen und in Chur gemacht wurden, nämlich hinter dem früheren «Hotel Marsöl». Sie wurden entdeckt, als man dort eine Tiefgarage baute. Es handelt sich um Steinwerkzeuge und um unzählige Abfallsplitter, die von der Bearbeitung der Steine zeugen.
Die gefundenen Geräte sind unter anderem aus Radiolarit und Silex (Feuerstein), die aber hier gar nicht vorkommen. Man schloss also, dass es sich um Jäger und Sammler gehandelt haben muss, die aus der Gegend des heutigen Vorarlberg hierher gelangt sind, als sich am Ende der letzten Eiszeit die Gletscher langsam aus dem Rheintal zurückzogen. Reitmaier will aber lediglich von «Begehungsspuren» sprechen, die man gefunden habe. Ein paar steinzeitliche Nomaden, die sich hier für eine gewisse Zeit niedergelassen hätten, machten für ihn noch keine Stadt.
Stadtbegriff im Mittelalter entstanden
Gar nicht gut findet es der Archäologe, wenn Chur Tourismus diesen Werbespruch nimmt und dann dazu ein Bild der heutigen Altstadt zeigt, die ja erst nach dem Brand von 1464 entstanden ist. «Das ist doppelt falsch», sagt Reitmaier.
Andrea Kauer, die Direktorin des Rhätischen Museums will nicht ganz so hart urteilen. Es handle sich um eine Begriffsunschärfe. Man könne wohl tatsächlich sagen, dass es am Ort des heutigen Welschdörfli eine sehr lange durchgehende Siedlungsgeschichte seit den Römern gegeben habe, die sicher eine der älteren der Schweiz sei.
Als Historikerin muss sie aber auch zu bedenken geben, dass der Stadtbegriff erst im Mittelalter entstanden ist. Ernsthaft von einer Stadt sprechen, könne man in der Frühgeschichte wohl kaum.
Worauf sich aber Reitmaier und Kauer schliesslich einigen können, ist diese doch sehr abgespeckte Aussage: Es gibt keine Stadt in der Schweiz, in der man ältere Funde gemacht hat. Leider klingt das halt nicht so gut wie: Chur, die älteste Stadt der Schweiz.
Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen.
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