Mediation hinterlässt Irritation
So hat man sich die neutrale Vermittlung in Sachen Kunstmuseum nicht vorgestellt. Die Unterstützer von Stephan Kunz als Direktor fühlen sich in die Defensive gedrängt. Der Kunstverein wählt einen anderen Weg.
So hat man sich die neutrale Vermittlung in Sachen Kunstmuseum nicht vorgestellt. Die Unterstützer von Stephan Kunz als Direktor fühlen sich in die Defensive gedrängt. Der Kunstverein wählt einen anderen Weg.
Es ist eine Operation am offenen Herzen, die derzeit im Bündner Kunstmuseum durchgeführt wird. Die von Departementschef Martin Jäger veranlasste Mediation mit dem Ziel, im Konflikt um die Führung der zentralen Bündner Kulturinstitution eine Lösung zu finden, ist seit gut einer Woche im Gange. Gleichzeitig muss das Haus weiter ohne Direktor funktionieren. Man werde vorurteilsfrei mit allen Beteiligten und Betroffenen reden, hatte es im Vorfeld von Jäger und dem von ihm als neutralem Vermittler beigezogenen Hans Hatz geheissen. Der Jurist und langjährige Bankpräsident sollte für den Kulturminister die verfahrene Lage analysieren und dabei auch externe Anspruchsgruppen in die Lösungsfindung mit einbeziehen.
Inzwischen haben diese als Konsultativgespräche bezeichneten Treffen stattgefunden. Doch sie verliefen offenbar ganz anders als erwartet. Recherchen der «Südostschweiz» lassen darauf schliessen, dass man von einer vertrauensvollen Atmosphäre und Verständigung weit entfernt war.
Geballte Amtsmacht
Wer angehört werden sollte, war von Jäger festgelegt worden: Vertreter des Kunstvereins, der Stiftung Bündner Kunstsammlung, des Künstlerverbandes Visarte und des Aktionskomitees BKM, welches unter anderem die Demonstration für den abgesetzten Museumsdirektor Stephan Kunz durchgeführt hatte. Als es konkret wurde und bei diesen Gruppen die Einladung eintraf, gab es den ersten Dämpfer. Man würde nicht einem einzelnen Mediator gegenübersitzen, sondern der geballten Amtsmacht der Kulturbehörde. Wie Visarte und das Aktionskomitee bestätigen, sah man sich konfrontiert nicht nur mit Hatz, sondern auch mit Jäger selbst sowie der von vielen als eigentliche Strippenzieherin in dem Konflikt verdächtigten Leiterin des Amtes für Kultur, Barbara Gabrielli, sowie der für die Kommunikation zuständigen Departementssekretärin Andrea Stadler.
Der Liedermacher Linard Bardill, der wichtigste Akteur des Aktionskomitees BKM, hat jetzt angedeutet, wie die Begegnung am Montag ablief. So habe einzig Jäger geredet; die anderen inklusive Hatz seien passiv geblieben. Der Regierungsrat habe ausführlich seinen bekannten Standpunkt dargelegt. Allerdings habe er eingestanden, schlecht beraten gewesen zu sein. Bardill bezeichnete das Gespräch als fair, sprach aber auch von emotionalen Momenten auf seiner Seite. Dies sei von den Amtsträgern eher ungerührt aufgenommen worden.
Gabriellis Kontrolle
Die kritische Kulturlobby gab sich an dem Tag quasi die Klinke in die Hand. Denn nur wenige Minuten nach dem Aktionskomitee BKM waren die Vertreter von Visarte Graubünden an der Reihe. Der Berufsverband für bildende Künstler war vertreten durch die Co-Präsidenten Dominik Zehnder und Lukas Bardill. Letzterer hat mit dem Liedermacher Linard Bardill nur den Nachnamen gemeinsam, ist aber nicht verwandt. Visarte hatte sich gut vorbereitet und stellte auf der Gegenseite durchaus ein aktives Zuhören fest. Man habe viel zur Sprache bringen können, so etwa auch die Kernforderung, dass die künstlerische Leitung des Museums zwingend die hierarchisch oberste Position einnehmen müsse. Eine Lösung, bei der die Administration über der Kunst stehe, sei inakzeptabel.
Allerdings sei man in der Argumentation schnell in die Defensive geraten, weil von den Amtsvertretern die verlangte Aufklärung abermals nicht erfolgt sei. Man wisse nach wie vor nicht, was genau im Kunstmuseum vorgefallen war, das so gravierend gewesen sein soll, dass man Kunz absetzen musste. «Die entscheidenden Informationen wurden uns weiterhin verweigert. So fehlte uns die Grundlage für einen fruchtbaren Dialog», sagt Bardill. Es sei dann auch geschehen, dass die Regierungsseite ihren Informationsvorsprung in beinahe rechthaberischer Manier gegen die Unterstützer von Kunz verwendete und deren positive Einschätzung zu widerlegen suchte.
Interessanterweise beteiligte sich Amtsleiterin Gabrielli diesmal an der Diskussion und habe deutlich gemacht, wie stark sie ihre Kontrollfunktion in Bezug auf den Direktor des Kunstmuseums wahrgenommen hat. Es scheint nun Gewissheit, was schon von anderer Seite kolportiert worden war: Gabrielli hatte immer wieder unzählige administrative Aufgaben von Kunz eingefordert, welche dieser kaum ohne Vernachlässigung seiner künstlerischen Führung hatte leisten können. Doch laut Visarte sei auch bei diesen Aussagen nie klar geworden, was genau Gabrielli von Kunz gewollt habe. «Zurück bleibt ein schales Gefühl», sagt Bardill. «Wir haben keine Ahnung, ob wir mit unseren Argumenten überhaupt ernst genommen wurden.»
Kunstverein will Antworten
Nicht eingelassen auf die sogenannten Konsultationsgespräche hat sich der Bündner Kunstverein. Man habe die Einladung zwar auch bekommen, habe aber im Vorstand beschlossen, eine andere Strategie zu verfolgen, sagt Vizepräsidentin Alda Conrad. Der Grund für diese Absage ist, dass sich der Kunstverein in dem Prozess ganz und gar nicht als externe Anspruchsgruppe sieht. Der Kunstverein sei ein vertraglich verpflichteter Hauptakteur beim Kunstmuseum. Man hat sich stattdessen schriftlich beim Departementschef gemeldet und die längst überfälligen Erklärungen nochmals mit Nachdruck gefordert. Weitere Schritte sollen in Kürze folgen.
Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen.
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