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Der Super-Gau in der Kulturpolitik

Die Kommunikation von Seiten des Kulturdepartements der Bündner Regierung war in den letzten elf Tagen alles andere als zielführend. Wir baten Kommunikationsexperte Peter Hartmeier zum Interview.

Ruth
Spitzenpfeil
23.06.17 - 20:14 Uhr
Kultur
Kommunikationsexperte Peter Hartmeier.
Kommunikationsexperte Peter Hartmeier.

In der Angelegenheit Kunz und Kunstmuseum wurde mehr verwirrt als aufgeklärt. Betrachtet man die Verschleierungstaktik, das Hü und Hott sowie die befeuerte Gerüchteküche, so kann von einem eigentlichen Desaster gesprochen werden.

Im Interview mit der Südostschweiz beurteilt der Kommunikationsexperte Peter Hartmeier die Strategie von Regierungsrat Martin Jäger und sagt, wie man es besser machen könnte.

Wie stellt sich die Kommunikationsleistung im Fall des Bündner Kunstmuseums in der letzten Woche für Sie dar?  
Verwirrend und deshalb unprofessionell.  Das Bündner Kunstmuseum ist zusammen mit dem «Festival da Jazz» in St. Moritz und der Therme in Vals ein Botschafter Graubündens. Daraus leitet sich die Kommunikationsstrategie ab. Kultur hat in der Öffentlichkeit einen höheren Stellenwert denn je – insgesamt besuchen in der Schweiz mehr Menschen Kunsthäuser und Museen als Fussballspiele. Die Kommunikation einer solchen Entscheidung muss deshalb immer in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden.

Was sind die gröbsten Fehler, die aus strategischer Sicht begangen wurden?
Wenn eine Führungskraft in einer öffentlich exponierten Organisation entlassen wird  oder eine andere Aufgabe übernimmt, muss dies erklärt werden. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht zu wissen, ob sich die Strategie ändert, welches die grössten Leistungen des bisherigen Amtsinhabers sind und auch allfällige Fehlleistungen. Die Öffentlichkeit akzeptiert in der Regel, wenn Konflikte eingestanden werden. Verschleierungstaktik hingegen löst Gerüchte und Misstrauen aus.

«Es besuchen mehr Menschen Museen als Fussballspiele»

Muss immer alles gesagt werden? Wie kann ein politisch Verantwortlicher allenfalls Persönlichkeitsrechte von Betroffenen schützen?
Die Kommunikation muss selbstverständlich mit den Betroffenen abgesprochen werden. Das sind oft heikle und schwierige Gespräche, weil es auch um objektive Fehlleistungen, strategische Ausrichtungen, Machtkämpfe oder inkompetentes Führungsverhalten gehen kann.  Hier muss zwischen den Persönlichkeitsrechten der Betroffenen und der Reputation des Kunstmuseums abgewogen werden: Die Besucher haben ein Recht darauf zu wissen, warum diese Entscheidung getroffen worden ist. Im «Social Media»-Zeitalter ist eine rücksichtsvolle, aber präzise Kommunikation noch wichtiger geworden: Im Netz werden sonst sofort Gerüchte kolportiert.

Angenommen, es hat einen gravierenden Konflikt zwischen dem Direktor des Kunstmuseums und dem Team gegeben, wie wäre das bessere Vorgehen gewesen?
Konflikte gehören zum Berufsleben – gerade auch in einem profilierten Kulturbetrieb; deshalb rate ich im Zweifelsfall zu Offenheit. Der Glaube, Unangenehmes verschweigen zu können, ist ein Irrglaube.

Was kann Regierungsrat Jäger nun tun, um den Scherbenhaufen zu beseitigen?
Martin Jäger schätze ich als kulturaffine Persönlichkeit ein. Er bringt damit eine wichtige Voraussetzung mit, um selbst zu entscheiden. Er darf keinesfalls Personalentscheidungen einer Beamtin überlassen: Er allein trägt die Verantwortung. Tatsache ist, dass der bisherige Amtsinhaber über ein hohes Ansehen verfügt: Deshalb muss klipp und klar begründet werden, weshalb ein solcher Wechsel stattfindet.

Peter Hartmeier ist früherer Chefredaktor des «Tagesanzeigers» und Partner der Kommunikationsagentur Lemongrass. Er ist Berater des Immobilienunternehmer Remo Stoffel.

Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen.

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