×

Warum der Freulerpalast auch eine Burg ist

Der Zürcher Historiker Martin Illi hat im Museum des Landes Glarus über Geschichte und Geschichten rund um das Thema Hygiene – nicht nur im Freulerpalast – referiert.

Südostschweiz
13.05.17 - 07:37 Uhr
Kultur
Der Freulerpalast in Näfels.
SASI SUBRAMINIAM

«Machen Sie es sich bequem», forderte Kuratorin Susanne Grieder die Besucherinnen und Besucher des Vortrages. Denn Thema der Museumsjahrs 2017 laute: «Vom Sitzen – historische Stühle aus der Sammlung des Museums.» Bei ihren Rundgängen im Museum und im Depot sei sie auf spannende Sitzgelegenheiten gestossen: bequeme Sessel, Prunkstühle und ganz ausgefallene Möbel, so genannte Nacht- oder Leibstühle. Diese dienten im 19. Jahrhundert als Toiletten.

Weil sie mehr über hygienische Verhältnisse im Palast erfahren wollte, hat sie Martin Illi nach Näfels eingeladen. Der Zürcher ist Spezialist für ein Thema, über das viele nur die Nase rümpfen: Sanitäre Anlagen und Hygiene.

Abtritt neben Festsaal

Der Freulerpalast, so stellte sich heraus, ist hygienetechnisch gesehen sowohl eine Burg als auch ein Schloss. Im Mittelalter liessen viele Burgherren gleich neben prunkvoll ausgestatteten Festsälen auch einen Abtritt bauen: «Für alle sichtbar», betonte Illi. Im Freulerpalast ist der erste Abtritt nicht weit entfernt vom Festsaal eingebaut worden, die Abtritt-Nische ist im Gebäude noch sichtbar. Schon eher französisch inspiriert sind die Nachtstühle im Palast. Solche Stühle sind aus französischen Schlössern bekannt – wo sie allerdings nicht zur Standardeinrichtung gehörten. Illi zitierte aus einem Brief der Liselotte von der Pfalz, Herzogin von Orléans und Schwägerin des Sonnenkönigs Ludwig XIV, in dem sie sich 1694 in höchst unverblümter Sprache über die hygienischen Verhältnisse im Schloss Fontainebleau auslässt. In vielen Schlössern sassen die Bewohner – nicht selten in trauter Runde – auf so genannten Leibstühlen. Dabei handelt es sich um Möbel, die aussahen wie Nachttische. Sie konnten aufgeklappt und zu Sitz-Klos umfunkti-oniert werden.

Illi erzählte auch von moderneren Verhältnissen, so zeigte er, wie die Schiefertafelfabrik in Engi in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts Schiefer als geeignetes Material für Pissoirs vermarktete – und wie die Fabrik von einem gewieften Zürcher Unternehmer aber technisch überrundet wurde.

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu Kultur MEHR