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Benkner Schweinehalter wehrt sich gegen Tierquäler-Vorwürfe

Ein umstrittener Tierschützer veröffentlicht Bilder von einem Benkner Schweinemastbetrieb. Damit will er auf Missstände beim Tierschutz aufmerksam machen. Der Hofbetreiber wehrt sich – er mache mehr als nötig.

Daniel
Graf
Freitag, 13. Dezember 2019, 08:50 Uhr Streitbarer Tierschützer schleicht sich auf Hof

Vor wenigen Tagen flatterte das Quartalsheft des «Vereins gegen Tierfabriken» in Zehntausende Haushalte in den Kantonen Thurgau, Schwyz und St. Gallen. Die Gesamtauflage des Heftchens wird mit 592 000 Exemplaren angegeben, davon 28 000 abonniert. Hinter Heft und Verein steht Erwin Kessler, ein umstrittener Tierschützer, der den Verein bereits 1989 gegründet hatte (siehe Infokasten).

Kessler schleicht sich regelmässig auf Bauernhöfe und Mastbetriebe, um dort vermeintliche Tierschutzverstösse und das «traurige Leben von wehrlosen und bedauernswerten Tieren» zu dokumentieren. Mit diesen Worten beschreibt er in der jüngsten Ausgabe seines Magazins die Schweine des Mastbetriebs Reckwies AG im Benkner Doggen. Auf den Seiten 12 und 13 zeigt er Fotos von einem Dutzend Tieren – einmal schlafend, einmal wach. «So sieht ihr trauriges Leben aus: Liegen auf dem einstreulosen, harten Betonboden. Ein kleiner Auslauf ins Freie mit Betonboden – nicht viel mehr als ein Freiluft-WC», prangert Kessler an.

Auch an den «Alibi-Strohhaufen» stört er sich. Die Tierschutzverordnung schreibe vor, dass sich die Schweine über längere Zeit mit Stroh oder Ähnlichem beschäftigen können müssen. «Rasch haben die Mäster Tricks erfunden, wie diese Vorschrift erfüllt werden kann, ohne dass es Arbeit gibt – und ohne dass die Tiere etwas davon haben», schreibt Kessler dazu: «Einer dieser Tricks sind hoch an der Wand montierte Strohhaufen in so engen Gittermaschen, dass die Tiere nicht an das Stroh herankommen.»

Anderes Bild auf dem Betrieb

Bei einem unangekündigten Augenschein auf dem Hof in Benken am Dienstag zeigt sich ein weniger drastisches Bild. Die Schweine haben zwei verschiedene Auslaufmöglichkeiten: Ein Weg führt hinaus auf Betonplatten – das «Freiluft-WC», wie Kessler es nennt. Auf der anderen Seite des Stalls haben die Schweine einen grosszügigen Auslauf, eine Art Pergola mit Holzboden, im Sommer spenden horizontal wachsende Pflanzen den Schweinen Schatten. Diese bewegen sich frei und haben ausreichend Platz. Dass sie sich im Dreck wälzen, sei völlig normal, erläutert Christoph Steiner, der den Betrieb führt, am Telefon: «Schweine können nicht schwitzen. Wenn es im Sommer heiss wird, suhlen sie sich zur Abkühlung im Schlamm.»

Steiner betont, sein Hof erfülle weit mehr als bloss die gesetzlichen Mindestvorschriften: «Wir haben fast zehn Jahre lang nach den strengeren Vorschriften von IP Suisse produziert.» Als die Auflagen immer strenger und die zusätzlichen Einnahmen immer weniger wurden, hat Steiner entschieden, künftig auf das Label zu verzichten. Den zusätzlichen Platz und den Auslauf habe er den Tieren aber gelassen: «Wir halten hier maximal 1500 Tiere gleichzeitig. In dieser Grössenordnung muss jedes Schwein 0,9 Quadratmeter Platz haben. Bei uns sind es 1,6 Quadratmeter», führt Steiner aus.

Kontrolle just an diesem Tag

Auch den Vorwurf der tierunfreundlichen Strohhaufen will Steiner nicht gelten lassen: «Die Tiere kommen an das Stroh heran, können es fressen und sich damit die Zeit vertreiben. Sonst müssten wir die Strohhaufen ja nicht alle paar Tage wieder auffüllen.» Bei Kontrollgängen würde regelmässig von Hand Stroh in die Boxen der Schweine geworfen.

Steiner verweist auch auf die regelmässigen unangemeldeten Kontrollen des Veterinäramtes. Just am Dienstagmorgen, einen Tag, nachdem das Magazin des VgT in den Briefkästen lag, wird Steiners Hof kontrolliert: «Wir haben den Bericht zwar gesehen, dass wir heute gerade hier kontrollieren, ist aber Zufall», sagt der Tierschutzbeauftragte vor Ort. Kontrolliert werde der ganze Hof: der Zustand der Tiere, der Platz, den sie haben, das Licht, vorhandenes Trinkwasser und Stroh bis hin zur Belüftung und weiteren Vorschriften. Zu den Ergebnissen der Kontrolle machte das Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen keine Angaben. Hofbetreiber Steiner versichert aber: «Wir machen unser Möglichstes, um den Tieren ein angenehmes Leben zu bescheren. Nur wenn es den Tieren gut geht, geht es uns Haltern und unserem Geschäft auch gut.»

Steiner erläutert bei einem Rundgang über den Hof weitere Zusammenhänge. So würden diverse Neben- und Abfallprodukte aus der Lebensmittelproduktion mit dem Schweinefutter vermengt und so ökologisch sinnvoll wiederverwertet: von Teigresten aus Bäckereien bis hin zu Milchpulver, welches Nahrungsmittelkonzerne aufgrund kleinerer Produktionsfehler nicht mehr verwenden könnten.

Der Mist der Tiere werde teilweise in einer Biogasanlage in Strom umgewertet, der Rest werde als Dünger auf Feldern und Wiesen ausgebracht. Steiner weist aber auch auf zunehmende Schwierigkeiten hin: «Zurzeit haben die Schweine in rund 60 Prozent der Betriebe Auslauf. Immer mehr Menschen stören sich aber an den Geruchsemissionen, was viele Bauern dazu zwingt, auf reine Stallhaltung mit Luftwäschern umzustellen.»

«Läuft überall ähnlich ab»

Tierschützer Kessler räumt am Telefon ein, er habe den Betrieb von Steiner nicht als «speziell schlechtes» Beispiel gewählt: «So wie bei Steiner sieht es auf Hunderten Betrieben im ganzen Land aus.» Das Problem seien meist auch nicht die Betreiber der Höfe, sondern hauptsächlich die Gesetzgebung: «Das fängt mit dem Tierschutzgesetz auf Bundesebene an. Dieses wird von Kantonen und Gemeinden so weit verwässert, dass die Betriebe letztlich kaum mehr Auflagen erfüllen müssen.» Kessler und seine Mitstreiter hätten es aufgegeben, fehlbare Tierhalter anzuzeigen. Die Erfahrungen der letzten 30 Jahre zeigten, dass das schlicht nichts bringe.

Weil die Gesetzgebung so lasch sei, seien Kontrollen des Veterinäramts oft sogar kontraproduktiv: «Da die Mängel meist nur als geringfügig eingestuft werden und keine oder kaum Strafen nach sich ziehen, fühlen die Tierhalter sich darin bestärkt, dass sie die Tiere richtig halten.» Kessler spricht von einem «raffinierten System», in dem letztlich niemand Schuld sei am Tierleid und dafür haftbar gemacht werden könne.

Für Schweinehalter Steiner ist indes klar, wer für die Tierhaltung verantwortlich ist: «Solange der Konsument nicht bereit ist, für das Fleisch mehr zu bezahlen, wird sich daran nichts ändern.» Hier ist er sich sogar mit Kessler einig, der es aber drastischer formuliert: «Nur der Konsument kann etwas gegen das Elend tun: Keine tierischen Produkte kaufen!»

Umstrittener Tierschützer kämpft seit 30 Jahren gegen den Fleischkonsum
«Essen Sie vegan – alles andere ist Tierquälerei.» Mit diesem Satz werden Besucher auf der Homepage von Erwin Kesslers Verein gegen Tierfabriken empfangen. Wer das Quartalsheft liest, merkt schnell: Kessler und seine Mitstreiter scheuen nicht vor einer derben Sprache zurück. Deswegen landete Kessler in den letzten 30 Jahren immer wieder vor Gericht. Der streitbare Tierschützer beklagte Journalisten, Medienhäuser oder Tierhalter. Insbesondere aufgrund seiner Aussagen zur Praxis des Schächtens wurde Kessler die Nähe zu antisemitischen und nationalsozialistischen Kreisen vorgeworfen. Beim Schächten wird ein Tier – in der Regel ohne vorgängige Betäubung – mittels eines Schnitts quer über die Halsunterseite ausgeblutet. Die Praxis ist im Judentum und im Islam verbreitet, da der Verzehr von Blut dort verboten ist. Kessler verurteilte das Schächten wiederholt aufs Schärfste, rechtfertigte sich gegen die Rassismus-Vorwürfe aber stets: Er sei kein Antisemit, er hasse bloss die «Schächt-Juden». Viele Verfahren gewann Kessler, einmal wurde er rechtskräftig verurteilt aufgrund einer Verletzung der Rassismus-Strafnorm. Der Tierschützer prangerte auch die Politiker an, die zu lasche Gesetze machten, die Vollzugsbehörden, welche diese nicht durchsetzten, die Richter, welche die Gesetze im Zweifelsfall stets zugunsten der «Tierquäler» auslegten, und Medien und Journalisten, die sich lediglich auf seine Verurteilungen konzentrieren und Freisprüche oder gewonnene Gerichtsverfahren stets ausblenden würden. 


Es gibt mehrere Lösungsansätze

Fleischkonsum ohne Tierleid ist eine Illusion. Alternativen könnten uns das moralische Dilemma aber bald abnehmen. 

Ein Kommentar von Daniel Graf, Dienstchef

Der Konsum von tierischen Produkten ist ein kontroverses Thema. Während für Menschen wie Erwin Kessler schon das Trinken von Milch unweigerlich mit Tierquälerei verbunden ist, behaupten andere, Fleisch sei für die menschliche Ernährung unverzichtbar. Und überhaupt sei der Mensch schon immer ein Fleischfresser gewesen und werde das immer bleiben.

Klar ist: Kein Tier stirbt gerne, um dem Menschen als Nahrung zu dienen. Ich ernähre mich nicht vegetarisch. Beim Essen von Fleisch bin ich mir aber bewusst, dass ein Tier dafür gelitten hat und sterben musste. Die Mär vom glücklichen Schwein, das über die grüne Wiese rennt und dann nichts ahnend und deshalb glückselig den Gang zur Metzgerei antritt, ist nichts weiter als das: eine Mär.

Bloss: Die Landwirtschaft hat sich zu weit von den Konsumenten entfernt. Beim Kauf der zarten Fleischröllchen für das weihnachtliche Fondue Chinoise denkt niemand gerne an Bilder von unglücklichen, weil eingezwängten Rindern und Schweinen oder an Kälber, die nach 22 Wochen geschlachtet werden, obwohl ihre natürliche Lebenserwartung bei 20 Jahren liegen würde. Das wäre ein Ansatzpunkt: Die Konsumenten sollten besser darüber aufgeklärt werden, wie Tiere gehalten und geschlachtet werden, bevor sie auf dem Teller landen. Ungeschönt und dem Druck der Fleischproduzenten zum Trotz, am besten bereits in der Schule. Dann kann jeder selber entscheiden, ob er damit leben kann, dass für seine Ernährung Tiere sterben.

Ich habe noch eine andere Hoffnung. Kürzlich bestellte ich einen Vegi-Burger von «Beyond Meat». Die US-Firma stellt vegane Fleischersatzprodukte her. Hauptzutaten: Erbsen, Randen, Kartoffeln und pflanzliche Öle. Der Geschmack des «Fleischs», die Konsistenz, das triefende Fett – alles hat gepasst. Ich bin mir nicht sicher, ob ein «richtiger» Burger mich im Blindtest mehr überzeugt hätte.

Knackpunkt: Der Burger kostete zwei Franken mehr als die tierische Alternative. Das war es mir allemal wert. Und bedenkt man, dass «Beyond
Meat» den besten Börsengang eines US-Unternehmens seit dem Jahr 2000 hingelegt und bereits Verträge mit Fast-Food-Riesen wie Burger King und Mc Donalds unter Dach und Fach hat, darf man hoffen, dass die fleischlosen Burger bald für jedermann erschwinglich und überall erhältlich sein werden. Das wäre auch gut für die Umwelt: Die Produktion eines Beyond Burgers verbraucht 99 Prozent weniger Wasser, 93 Prozent weniger Landfläche, stösst 90 Prozent weniger Treibhausgase aus und verbraucht 46 Prozent weniger Energie als ein herkömmlicher Rindfleischburger. 

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Das war kein "nicht angekündigter Besuch" dieser Schweinefabrik durch den Reporter. Der Schweinemäster war durch die in der Region in alle Briefkästen verteilte Zeitschrift mit dem Bericht des VgT vorgewarnt und musste mit Besuch rechnen. Es verwundert, dass der Journalist das, was er im herausgeputzten und mit viel Stroh besucherfreundliche hergerichteten Betrieb antraf, als aussagekräftig erachtete, als ob damit die heimlichen Aufnahmen des VgT, die ganz andere Verhältnisse zeigen, widerlegt werden könnte. Der Journalist als bekennender Fleischesser musste das wohl auch zur Beruhigung seines eigenen Gewissens so drehen.