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Grünenthal in Mitlödi feiert

Seit 25 Jahren stellt Grünenthal das Schmerzmittel Tramadol in Mitlödi her. Nun feiert die Firma diese Erfolgsgeschichte, verbunden mit viel Lob fürs Glarnerland.

Fridolin
Rast
30.06.18 - 04:30 Uhr
Ereignisse
Kontrollierte Präzision: Sonia Steinmann überprüft im Labor die Qualität von Rohstoffen, Zwischen- und Endprodukten.
Kontrollierte Präzision: Sonia Steinmann überprüft im Labor die Qualität von Rohstoffen, Zwischen- und Endprodukten.
SASI SUBRAMANIAM

«Explosionsgefahr.» Sie ist der Grund, warum die Produktionshalle der Proto Chemicals in Mitlödi nicht ohne Weiteres besichtigt werden kann. So führt Dominique Huser, Leiter Arbeitssicherheit und Gesundheit bei der Grünenthal-Tochterfirma, in die frühere Mess- und Regelwarte. Durch grosse Fenster sind die Reaktoren und Dutzende Leitungen sichtbar. Darin werden Medikamente hergestellt, rund um die Uhr, nur unterbrochen durch eine bis zwei Wartungspausen pro Jahr. Im Jahr 2000 ist die Halle und damit die Produktionskapazität verdoppelt worden, so Huser. Äusseres Zeichen des Erfolgs von Tramadol, das seit 25 Jahren in Mitlödi hergestellt und darum nun gefeiert wird.

Als Patron mit Mitlödi verbunden

Gefeiert hat die ganze Belegschaft am Donnerstag. Die Besitzerfamilie selbst ist mit Michael und Michaela Wirtz sowie Sohn Sebastian vertreten, die Firmenspitze aus Deutschland und der Schweiz ist da. Und viel Glarner Prominenz. Patron Michael Wirtz blickt nicht nur mit grosser Freude darauf zurück, wie sich das Werk in Mitlödi in den letzten 25 Jahren entwickelt hat. «Ich erinnere mich, wie mich mein Vater Hermann Wirtz vor über 60 Jahren aus dem Institut Montana am Zugerberg abholte für die Fahrt nach Mitlödi.» Da liefen damals erste Gehversuche in einem ehemaligen, umgebauten Pferdestall.

Seit der Eröffnung der Produktion 1993 habe sich Mitlödi zu einem enorm wichtigen Standort der Grünenthal entwickelt, freut sich Wirtz. Damals hätten die Schweizer Mannschaft wie das Stammhaus im deutschen Aachen echte Pionierarbeit geleistet: «Und die Hoffnungen in den Standort Mitlödi und die Schweiz haben sich mehr als erfüllt.» Mitlödi minimiere als zweites Standbein das Risiko eines Produktionsausfalls. Das Werk sei modern, liefere hohe Qualität, die Bedingungen seien an keinem anderen europäischen Ort so ideal wie hier. Wobei er die politische und soziale Stabilität ebenso betont wie die ausgezeichnete Qualifikation der Arbeitskräfte, aber auch eine innovationsfördernde Gesetzgebung.

Big Heidis Anti-Schmerz-Rezept

Die Reaktoren sind eine Art grosse Kochtöpfe mit Doppelmantel. Sie können zwar nicht nach Koch-, aber nach Steuerrezept bis minus 15 Grad Celsius gekühlt oder bis 140 Grad geheizt werden. Eine unter ihnen ist «Big Heidi», die laut CEO Dieter Peters «vermutlich bekannteste Maschine von Grünenthal insgesamt».

Hier wird beispielsweise destilliert, erklärt Huser: «Es ist nicht nur Chemie, wir nutzen auch viel Physik, etwa Kochen, Kühlen, Kristallisieren, Zentrifugieren und Filtern.» Die Proto Chemicals stellt noch einen weiteren Wirkstoff her, und im gleichen Haus sind Marketing und Vertrieb der Konzernmutter für die Schweiz zu Hause.

Für Volkswirtschaftsdirektorin Marianne Lienhard steht das Tramadol aus Mitlödi, das sich in der Schmerztherapie bewährt habe, im Mittelpunkt des Erfolgs in der Schweiz. Hier habe die Firma Investitionen im mehrstelligen Millionenbereich gemacht und biete interessante Arbeitsplätze. «Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg mit schlagkräftigen Produkten», sagt Lienhard.

Tramadol bleibt wichtig

Nach «Amazing Grace», gespielt vom Alphorntrio Tödifirn, folgt eine illustre Gesprächsrunde. Landammann Andrea Bettiga, der ab 1989 medizinischer Leiter der Grünenthal Schweiz war, erinnert daran, wie die Firma mit der Schmerztherapie ausserhalb der Klinik «eine Revolution» ausgelöst habe.

Schlüssel zum Weltmarkt war die Zulassung in den USA, wie sich Patron Michael Wirtz erinnert: «Ein Verfahren, das Mitlödi glänzend bestanden hat.» Der Beginn eines grossen Erfolgs, grosse Pharmafirmen kauften inzwischen ihren ganzen Tramadol-Bedarf in Mitlödi ein. «Und auch Indien und China liefern nicht in die Schweiz, sondern bestellen hier.» Und obwohl das Patent von 1977 seit Längerem abgelaufen ist, Tramadol werde auch in Jahren noch wichtig sein für Grünenthal.

Und für die Praxis, wie Professor Christoph Konrad, Schmerz- und Anästhesieforscher am Luzerner Kantonsspital, betont: «Es hat das Behandlungsspektrum für Schmerztherapien wesentlich erweitert.» Als sicheres, niederschwellig verwendbares und gesetzlich nicht als Betäubungsmittel klassiertes Medikament, so Konrad.

Die Innovation geht weiter

Im Labor erklärt die

stellvertretende Leiterin Sonia Steinmann ihre Arbeit: Jede Lieferung, jedes Zwischenprodukt und jede Charge, die abgefüllt wird, kontrolliert sie auf ihre Qualität. Erst dann kommt der Stoff ins Rohstofflager oder in den nächsten Produktionsschritt. Selbst das Industrieabwasser wird in Tanks gesammelt und im Labor getestet, bevor es in die Kanalisation darf.

Vom Tramadol habe man hier inzwischen 50 Tonnen produziert. In 50-Kilo-Trommeln gerechnet ein Turm von Mitlödi x-mal bis zum Vrenelisgärtli hinauf. Grünenthal-CEO Gabriel Baertschi zeigt sich sehr stolz, dass «mit den über 50 Millionen Packungen bereits unvorstellbar viele Patienten von Schmerzlinderung aus Mitlödi profitiert haben».

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