Trotz schauriger Prognosen kein Donnerwetter
Das Wetter und ein Stein des Anstosses sind am Rande einer würdig verlaufenden Näfelser Fahrt die Hauptthemen.
Das Wetter und ein Stein des Anstosses sind am Rande einer würdig verlaufenden Näfelser Fahrt die Hauptthemen.
Zum Donnerwetter! Einen Donnerstag, der seinem Namen Ehre macht, prophezeiten die Wetterfrösche. Stattdessen kann die militärische Ehrenformation unter einem Mischmasch aus bewölktem und blauem, aber trockenem Himmel Stellung beziehen: «Aaachtung»!
Dominic Uehli hebt den Taktstock, Peter Stengele schwenkt die Fahne – die Harmoniemusik Glarus stimmt in den Schweizerpsalm ein. Selbst da: kein Wort vom Donnerwetter. Vielmehr vom «Morgenrot». Die Gesichter des Publikums sind da ein Strahlenmeer.
Ab 7.15 Uhr wird gefahren
Es ist 11.29 Uhr. Die Fahrt neigt sich dem Ende zu. Hier in Näfels, vor dem 10,8 Meter hohen Schlachtdenkmal, das vor 130 Jahren nicht aus heimischen Schiefer, sondern aus Tessiner Granit fertiggebaut worden ist.
Rückblende. Nicht ganz bis zum 9. April 1388, als die Glarner gegen eine zehnfache Übermacht dem Lande die Freiheit erkämpften und damit den Bund mit den Eidgenossen festigten. Es reicht ein Blick ein paar Stunden zurück. Bis um 7.15 Uhr.
Trockenes Wetter: Vor dem Zeughaus in Glarus setzt sich die Fahrt im Marschschritt in Bewegung. Gefahren wird auf der Hauptstrasse Richtung Netstal, wo der ordentliche Verkehr jetzt nicht mehr fahren darf. Hier geben jetzt die Tambouren den Takt an, gefolgt von der Harmoniemusik, der militärischen Ehrenformation und den marschtüchtigen Fahrtbesuchern.
Regierung durfte «ausschlafen»
Früher aufstehen als sie mussten da nur noch Tiras, Donna, Dallius und Bettia – nicht Bettiga –, die vier Kutschenpferde. Die Regierung durfte «ausschlafen»: Die Abfahrt ab Rathaus ist erst um 8 Uhr.
Ratsschreiber Hansjörg Dürst ist der Erste, Benjamin Mühlemann der Letzte, allerdings nur im Auf-Platz-Sein. Bettiga schmust in der Zwischenzeit mit Bettia und den anderen Pferdchen. Das «hohe Tier» kann es als ehemaliger Tierarzt nicht lassen. Sein Herz schlägt noch immer auch für die Vierbeiner.
«Jetzt müssen wir aber Gas geben, damit wir rechtzeitig im Schneisingen einfahren», sagt Kutscher Armin Schönenberger. Aber aufgepasst. Die Polizei passt auch auf. Unmissverständlich prangt nämlich auf einem Schild eingangs Glarus seit Urzeiten: «Es darf durch die ganze Stadt höchstens kurzer Trab und wo es angeschlagen ist nur Schritt gefahren werden, bei Franken fünf Busse.»
Es ist kurz vor 9 Uhr. Die Regierung trifft pünktlich und trocken im Schneisingen ein. Ab jetzt geht es auch für die «Obrigkeit» nur noch zu Fuss weiter, erst einmal über das bucklige Wiesland, das bis zur Landsgemeinde noch betreten werden darf, ohne Schaden anzurichten.
Die Harmoniemusik stimmt in den Coburger Kavallerie-Marsch ein, der kantonale Gesangsverein lobt den Herrn, «den mächtigen König», und Landammann Rolf Widmer spricht die EU an. Nicht bevor er allerdings auch seine Mitlandlüüt angesprochen und begrüsst hat (siehe dazu Seite 7).
Spannendster Streckenabschnitt
Der folgende Streckenabschnitt wird von den mitlaufenden Hundertschaften mit Spannung erwartet. Vorbei geht es nämlich am Stein des Anstosses. Jenem Gedenkmal, das ein Landbesitzer mit Material überschüttet hat, um auf seinem Grundstück ein «Fahrtverbot» zu erzwingen. Erzwungen hat Glarus Nord am Mittwoch jedoch, dass das Feld geräumt werden muss, indem Gemeindearbeiter selbst Hand anlegten, mit Bagger und Schaufel – und unter Polizeischutz. «Stell dich quer, dann bist du wer», meint ein Zaungast. Die Fahrt passiert den Stein dann allerdings ohne besonderen Vorkommnisse. Immer noch bei trockenem Wetter.
Prophet hat nichts zu lachen
«Doch, ich bin nervös», meint der Mann im schwarzen Gewand, obwohl er sich gewohnt ist, zu Mitmenschen zu sprechen. Pfarrer Christoph Schneider steht kurz vor seiner ersten Fahrtpredigt. «Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer», beginnt der Geistliche, um geistreich fortzufahren: «Da mein Avatar heute frei hat und ich leider nicht mit künstlicher Intelligenz ausgestattet bin, müssen Sie mit einem Exemplar des Pastors Post Terram Glaroniensis vulgo Hinterländer Pfarrer vorliebnehmen.» Der Geistliche bittet um Verständnis und hat die Lacher auf seiner Seite.
Nicht zum Lachen zumute ist dem anwesenden Propheten, den «Gott» hinters Licht geführt hat. Die Rede ist von Wettergott Petrus, der den Wetterfrosch Felix Blumer mit seinen Prognosen im Regen stehen gelassen hat. Der Meteorologe sagt dazu trocken: «Schau: Dieser Schauer ist vorhin haarscharf am Glarnerland vorbei über Weesen gezogen.»
Wie dem auch sei. Fest steht: Ständeratpräsidentin Karin Keller-Sutter hat bis zum Schluss beide Hände schirmfrei, um Hände zu schütteln. Es schüttete an der diesjährigen Fahrt einfach nicht – zumindest nicht am Vormittag. Am Nachmittag gab es stellenweise leichten Regen, aber auch kein Donnerwetter. Und als ob nichts geschehen wäre, grasen auf der Wiese im Schneisingen wieder die Gämsen.
Die Fahrt passiert den Stein dann allerdings ohne besondere Vorkommnisse. Immer noch bei trockenem Wetter.
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