Die Kühe sind auf der Höhe
Züglete auf der Alp Vorderdurnachtal, in die oberste Etage, die hoch ins Gebirge reicht. Ein Umzug, der im Detail geplant werden muss. Ein Ortswechsel, dem kranke Kühe oder brütende Hennen noch in die Quere kommen können. Der vierte Teil der Alpsommer-Serie.
Züglete auf der Alp Vorderdurnachtal, in die oberste Etage, die hoch ins Gebirge reicht. Ein Umzug, der im Detail geplant werden muss. Ein Ortswechsel, dem kranke Kühe oder brütende Hennen noch in die Quere kommen können. Der vierte Teil der Alpsommer-Serie.
Sie ist gross gewachsen, kräftig, schlank und rank. Schlicht der Traum der Älpler: Ihr Name ist Gaby. Sie anfassen? «Nei, Sie!», sagt Heinz Trachsel. Nur sie sei es, die dies dürfe.
Warm anziehen sollte sich jeder, der Gaby besuchen geht; bei ihr ist es kalt. «Damit er nicht ins Schwitzen gerät.» Mit «er» meint Trachsel den Käse. Und mit dem Anfassen nicht die Leiber, sondern die Laiber. Gaby heisst der Schmierroboter der hiesigen Alpkäser.
Sänntebuur Martin Zimmermann (38) nimmt auf der Alp im Durnachtal Fahrt auf, um hinunter nach Glarus zu fahren – auf Schienenhöhe 471 Meter über Meer. Zusammen mit seinem Knecht Christian Brülisauer und Tochter Anja. Die sechsjährige ist wieder gesund, auch der Jeep ist wieder ganz.
Ihre Ernte muss eingebracht werden, die Milch, die sie zu Käse gebracht haben, bevor es dann auf der Alp in die oberste Etage hinaufgeht. «Bei Gaby sind meine Laiber zur Pflege gut aufgehoben», lacht Martin.
«Das Käsen erkläre ich später»
Kaffee? Der Älpler winkt ab. «Keine Zeit.» Zeit findet hingegen Käsemeister Heinz Trachsel. Der Geschäftsführer der Glarona Käsegenossenschaft befiehlt: «Anziehen – bevor ich euch Gaby vorstelle, die in der Stunde 400 Laiber schafft.» Hygiene hat oberste Priorität. In Vollmontur wird dann eingetaucht, in den Käsekeller, der noch ziemlich leer ist. «Im Herbst sind die Gestelle dann voll. Dann lagern hier 120 000 Kilogramm.» Die meisten Laiber seien auf Glarner Alpen produziert worden. «Wir pflegen hier aber auch Gastkäse», erklärt Trachsel. Nicht nur für den Verzehr in der Schweiz: «Diese 5000 Kilogramm gehen nach Amerika.» Wo sie unter dem Label «Alpatop» verkauft werden.
Vertikalwechsel – von 471 auf 1331 Meter über Meer, wo der Umzug bevorsteht, die Alpauffahrt zum Heustafel. Es ist 6 Uhr früh. Wie verfangen hängen die Nebelbänke an den Steilhängen, Feuchtigkeit durchbricht die Kleiderritzen. Selbst die Munggen verkriechen sich in ihren Löchern. Wohlig warm ist es hingegen in der Alphütte. Auf dem eingeheizten Ofen zwei Holzscheite, zum Trocknen draufgestellt sind Wanderschuhe. Aufbruchstimmung: Die Kühe sind gemolken, die Dickete ist im Chessi. Martin hat keine Zeit, jetzt das Käsen zu erklären. «Das mache ich dann auf dem Heustafel.» Auf diesen freut sich vor allem Anja: «Äntli kei Auto meh.»
Zum selben Zeitpunkt bahnt sich ein Grand Vitara den Weg zur Alp hinauf. Der Suzuki stoppt vor dem Gadä. «Der Tierarzt ist da», meint Rebekka. «Darmena tränt ein Auge.» Das könne verschiedene Ursachen haben, meint der Veterinär. «Ein guter Mensch und Viehdoktor, der gegen Kügelchen nichts einzuwenden hat, sofern sie nützen», rühmt ihn die Älplerin. Und schon ruft Ralph Landerers Handy ihn zum nächsten Alptermin. Der Näfelser Tierarzt macht im Glarnerland vor (fast) keiner Barriere Halt: «Ich besitze die meisten Schlüssel.»
Thomas Hefti und Chrigel Dürst sind aufgefahren, um Martin zu unterstützen, die Kühe auf die oberste Stafel zu treiben. Und früh übt sich: Auch der siebenjährige Marvin hat sich einen Stecken eingesteckt. Im Zickzack gehts dann 600 Höhenmeter aufwärts. 50 Kehren zwingen im Steilgelände zum Richtungswechsel. Schellen geben den Ton an. Und sorgen dafür, dass keine Kuh verloren geht. Den Weg säumt gelber Fingerhut.
«Hansli hat Geschmack gekriegt»
Hüttenherrin Rebekka ist im Längstafel daran, sich für den Umzug zu rüsten. Der am Morgen gemachte Käse muss noch in die Form gebracht werden. Dazu schwatzen kann sie trotzdem: Kalb Hansli sei dann doch noch auf den Geschmack der Muttermilch gekommen. «Und ja – voll herzig: Wir konnten zusehen, wie die Jungvögel ausgeflogen sind. Es waren dann doch Gartenrotschwänzli.»
Von der Schotte müsse sie auch noch mitnehmen, meint Rebekka. Die Säue haben dies zum Fressen gern. Die «armen» Schweine, die ihren inneren Schweinehund schon tags zuvor überwinden mussten, um auf den Heustafel zu kommen. Hundemüde seien sie gewesen, lacht Rebekka, «nach zwei Stunden Marschzeit, ja, mit ihren kurzen Beinchen.» Problemlos hätten es jedoch die Rinder geschafft. Auch Rebekka bekommt, wie Martin, Unterstützung: von Blondschopf Anja, die ihr langes Haar zu einem Zopf zusammengeflochten hat. «Wer noch nicht in den Chinsgi geht, muss halt mithelfen», scherzt Rebekka.
In Kisten verpackt, warten die Hühner auf ihre Abreise. Sie fliegen per Luftpost, mit der Transportseilbahn. «Mit einer Ausnahme», meint Rebekka. «Einem letztjährigen Bibeli, das brütet.» Appenzeller Spitzhauben hätten eben noch einen ausgeprägten Mutterinstinkt. Das letztjährige Bibeli heisst im übrigen Igeli. Rebekka: «Wegen seiner Frisur.» Ums Fressen müsse es sich keine Sorgen machen. «Dafür sorgen wir.»
Am Nachmittag machen sich auch Rebekka und Anja auf zum Aufstieg: mit Geissbock Max, den Eseln Cinzia und Anuschka – und mit der tränenden Kuh Darmena. «Es wird mit ihr schon wieder aufwärtsgehen», zeigt sich Rebekka wie immer optimistisch.
Auf den Längstafel zurückkommen wird die Senntenfamilie Zimmermann erst, wenn über die abgefressenen Alpweiden wieder Gras gewachsen ist.

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