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«Die ersten Auftritte waren eine richtige Katastrophe»

Mike Candys aka Michael Kull arbeitet als Produzent und DJ und bringt es auf der Musikstreamingplattform auf knapp eine halbe Million monatliche Hörer. Mit seinem Markenzeichen, der Smiley-Maske, die an einen gelben Astronautenhelm erinnert, steht er hinter Mischpulten in den Clubs dieser Welt.

Südostschweiz
08.03.18 - 04:30 Uhr
Kultur

Da er an diesem Wochenende einen Stopp im Glarnerland einlegt, traf ihn die Südostschweiz zum Interview. Die Frühlingssonne im Gesicht erzählt der heute 46-Jährige ehrlich über die Vor- und Nachteile seines Berufes, den Altersunterschied zu seinen Fans und eine Erinnerung an seinen letzten Auftritt in Glarus.

mit Mike Candys sprach Johanna Burger

Mike, die Antwort auf eine offensichtliche Frage habe ich in keinem deiner bisherigen Interviews gefunden: Wie kamst du zu deinem Künstlernamen, hast du eine besondere Affinität zu Süssigkeiten?

Mike Candys: «Da steckt eigentlich kein Grund dahinter. Der Name ist superspontan entstanden, ohne eine Überlegung. Ich habe lange für andere DJs produziert. Dann, vor etwa fünfzehn Jahren habe ich mit einem DJ zusammengearbeitet. Damals hatte ich wenig Erfahrung mit dieser ganzen Dance-Szene. Früher, bei anderen Produktionen, hatte ich immer Michael Kull. Dieser DJ aber sagte: ‘Nein, du brauchst einen Künstlernamen, das muss cool klingen’. Ich meinte dann, er soll etwas vorschlagen und er sagte: ‘Schreib einfach Mike Candys’. Ich dachte mir, der ist ja aus der Szene, der kommt schon draus. Da habe ich ehrlich nichts überlegt (lacht). Zwei, drei Songs später war ich dann in den Charts und seither ist der Name geblieben.»

Dein Wiedererkennungsmerkmal von dir ist die selbstgebastelte Smiley-Maske, die du bei DJ-Shows auf dem Kopf trägst. Ist das nicht unangenehm? Ich stelle die mir schwer und heiss vor.

«Nein, schwer ist sie nicht, auch nicht wahnsinnig heiss. Sie schränkt natürlich schon ein. Ich trage sie aber nicht während der ganzen Show. Ich kann nicht neunzig Minuten mit dieser Maske rumhüpfen. Da fehlt mir die Interaktion mit den Leuten. Es gibt Auftritte, da hätte ich eigentlich keine Lust, die Maske überhaut anzuziehen. Dann freuen sich die Leute aber doch, wenn ich sie trage. Dann gibt es wieder Momente, wo ich mich echt freue, dass ich die Maske anziehen kann. So sehen die Leute, dass etwas läuft auf der Bühne. Wenn du fünf DJs hast, und die sehen alle mehr oder weniger gleich aus, dann hast du mit der Maske den Moment, wo wieder alle auf die Bühne schauen. Ich habe mich mittlerweile schon so an die Maske gewöhnt – ich hatte schon über tausend Auftritte mit ihr. Sie gehört einfach dazu, da mache ich mir gar keine Gedanken drüber.»

In diesem Jahr ist bereits die Single «Get the F*ck Out» herausgekommen. Folgt bald ein ganzes Album?

«Ein Album kommt nicht, nein. Alben, das ist in der heutigen Zeit mit den Streamingkanälen vorbei. Meine Fans konsumieren Musik über Spotify und Youtube. Deshalb veröffentliche ich eine Single nach der anderen.»

Kommt in dem Fall bald eine weitere Single raus?

«Da kommen zwei. Ich bin gerade in den letzten Zügen damit. Eine wird mit einem deutschen Sänger und auf Deutsch sein und eine mit einem amerikanischen Sänger. Das wird wieder mehr Radio- und weniger Clubmusik sein.»

Clubmusik legst du aber am Samstag in Glarus auf. Da warst du ja auch schon. Ist dir etwas von Glarus in Erinnerung geblieben?

«Ja, der letzte Auftritt war etwa vor sechs Jahren. Ich weiss noch, an jenem Abend hatte ich mehr als eine Show. Wir waren sowieso schon spät dran und haben uns furchtbar verfahren. Ich hätte um zwei spielen sollen und war erst um halb vier dort. Die Leute haben aber zum Glück gewartet.»

Da hast du treue Fans. Wie stehst du dem ganzen Fan-Hype denn gegenüber?

«Das ist etwas, da wächst du rein. Ich kann mich erinnern, als ich das erste Mal als Hauptact als Mike Candys in Frankreich gebucht war, wusste ich nicht einmal, wie ich die Autogrammkarten unterschreiben sollte. Auf den Karten stand nämlich Mike Candys und ich hatte bisher immer als Michael Kull unterschrieben. Da schrieb ich auf die erste Autogrammkarte dann auch tatsächlich meinen bürgerlichen Namen (lacht). Das war schon seltsam, als ich Leuten, die ich gar nicht kannte, Autogramme geben sollte. Anfangs ist es noch speziell, irgendwann gewöhnst du dich daran. Wenn dich dann Leute auch ohne Maske erkennen und ein Foto machen wollen, das ist schon cool. Da merkt man, dass man Spuren hinterlassen hat.»

Du bist aber noch nicht so lange DJ, sondern arbeitetest lange nur als Produzent. Zur ersten Anfrage, um als DJ aufzulegen sagtest du: ‘Ich kann das nicht und ich will das nicht’.  Wieso hast du dann trotzdem damit begonnen?

«Ich stand schon als Musiker auf grossen Bühnen, mit Band, als Sänger und habe jahrelang andere Bands produziert. Irgendwann hiess es dann: ‘Du bist jetzt DJ’. Ich hatte damals das Gefühl, der DJ sei einfach der, der die Musik laufen lässt. Das war mir irgendwie unwohl. Ich war es mir gewohnt, Instrumente auf der Bühne zu haben und zum Publikum zu sprechen. Deshalb war ich am Anfang nicht total begeistert. Ich ging dann mit anderen DJs mit und dann begann es mich zu faszinieren. Weil ich gemerkt habe, man ist nicht direkt ein Musiker, aber das ganze Drumherum ist gleich. Du wirst angekündigt, du hast deine Fans, du spielst das Programm, das du zusammengestellt hast und das Publikum hat Spass. Es ist ein anderer Weg, aber doch künstlerische Arbeit. Dann begann ich mich da reinzudenken. Anschliessend war es auch eine wirtschaftliche Frage. Plötzlich rief eine Agentur aus Frankreich an und wollte eine Tour mit fast dreissig Auftritten machen. Da wurde mir klar, dass ich auch wirklich Geld verdienen kann damit. Da habe ich zugesagt. Die ersten Auftritte waren eine richtige Katastrophe. Ich wusste echt nicht, was ich dort machen soll. Ich hatte mich zwar vorbereitet, aber ich kannte die Szene nicht. Meine Fans sind sechzehn bis zwanzig Jahre alt. Als ich damit begann, war ich fast achtunddreissig. Da kommst du in den Club und siehst die Sechzehnjährigen rumhüpfen und denkst dir: ‘Was mache ich hier?’. Ich musste wirklich reinwachsen. Es ging bestimmt ein Jahr, bis ich begriffen hatte, was ich auf der Bühne genau mache.»

Dein Publikum ist gut und gerne 25 Jahre jünger als du. Wie schaffst du es, diesen Altersunterschied zu überbrücken?

«Ich frage mich das jeweils auch. Ich meine, ich bin jetzt dann fünfzig und die sechzehn. Eigentlich müsste das Publikum ja denken: ‘Was macht der hier’. Weil ich dann der Älteste im ganzen Club bin, auch älter als die Security. Und trotzdem gibt es Sechzehnjährige, die finden es cool, dass ich da bin. Die tun aber auch nicht so, als wäre ich einer von ihnen. Klar, sie fragen dann schon, wie alt ich bin und erschrecken ein bisschen. Dann kommt dann jeweils: ‘Oh, mein Vater ist so alt wie du’. Aber es geht eigentlich erstaunlich einfach.»

Für all diese Auftritte reist du extrem viel.  Wie gehst du mit Erschöpfung um?

«Gar nicht (lacht). Ein, zwei Mal im Jahr komme ich an einen Punkt, wo ich denke, ich muss die Notbremse ziehen – und mache es dann doch nicht. Jetzt im Winter ist es eh entspannt. Zwei Wochen Asien, dann Südamerika und so weiter. Aber ich habe nicht jeden Tag volles Programm. Im Sommer ist das anders, da ist es richtig brutal. Da bin ich während etwa zwei Monaten jeden Tag in einem anderen Land. Immer Party bis am Morgen um fünf. Zwei, drei Stunden schlafen, zum Flughafen, sich bereit und wieder Party machen. Und das dann jeden Tag. Da gibt es jedes Jahr den Moment, wo ich sage: ‘Jetzt höre ich auf mit dem Scheiss, ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr’. Dann geht es ein paar Wochen und einige gute Shows und ich denke nicht mehr ans Aufhören. Ich weiss jetzt schon, dass ich in diesem Sommer spätestens im August meinen Manager anrufen werde, um ihm zu sagen, er soll alle Termine streichen. Einige meiner Kollegen erlitten bereits ein Burnout und die warnen mich immer, ich solle aufpassen. Das habe ich auch im Hinterkopf, aber so richtig zu Herzen nehme ich mir es eben doch nicht.

Und wenn du einfach mal eine Show absagen würdest?

Natürlich habe ich die Option, Shows abzusagen, aber wenn du zweimal im gleichen Club sagst: ‘Mike ist müde, wir kommen nicht’, wirst du da nie mehr gebucht. Das ist es, was meinen Job von einem normalen Angestelltenjob unterscheidet. Da kannst du mal den Chef anrufen und sagen, du bist krank. Ich kann das nicht, ich bekomme da Riesenprobleme. Da musst du einfach durch. Mit all dem Stress habe ich meine Körper zum Glück auch besser kennengelernt und bin wirklich erstaunt, wie viel ich aushalte. Denn ich lebe echt nicht gesund, ich esse nicht gesund, ich mache nur alle Schaltjahre Sport – gut, ich nehme keine Drogen, trinke aber Alkohol. Trotzdem habe ich gemerkt, auch wenn ich nicht geschlafen habe und fast auf allen Vieren auf die Bühne krieche, nach zwanzig Minuten ist alles gut. Wenn du dann nachher von der Bühne gehst, klappst du natürlich fast zusammen. Dieses Adrenalin ist eine Wunderdroge. Du bist nicht mehr müde, du bist positiv, das ist krass, richtig krass.

Du nimmst also keine Drogen, bist aber trotzdem süchtig - nach Adrenalin?

«Ja, klar. Es ist das ganze Drumherum, es ist nicht nur das Auf-der-Bühne-Stehen. Ich habe maximal zwei Wochenenden pro Jahr, an denen ich keinen Auftritt habe. An jenen Wochenenden bin ich zu Hause und merke, dass mir etwas fehlt. Ich frage mich dann, was das ist. Ist es das Auf-der-Bühne-Stehen und den Knopf zu drücken? Nein, das ist es nicht, schon auch, aber nicht nur. Dazu gehört packen, in den Flieger einsteigen, sich ein Bild vom neuen Club machen, in ein Hotel einchecken, mit den Fans sprechen, die Show und etwas trinken. Ich verstehe jeden Künstler, der ein Problem hat, wenn er mit all dem aufhört. Ich hätte auch eines. Ja, das Ganze macht schon süchtig. Ich weiss noch nicht, wie ich davon wieder wegkomme. Irgendwann ist es dann einfach vorbei, aber jetzt will ich noch nicht aufhören.

Wie gestaltet sich der Schaffensprozess in deinem Studio? Bist du auch jemand, der sich in der Nacht Melodien aufs Smartphone aufnimmt und am nächsten Morgen damit ins Studio geht?

«Ja, das mache ich auch. Aber ganz ehrlich, aus diesen Melodien ist noch nie etwas Gescheites geworden (lacht). In der Nacht habe ich jeweils das Gefühl ‘das ist es’. Und am anderen Tag denke ich ‘was ist das für ein Scheiss’. Aber sonst ist es völlig unterschiedlich. Es gibt Tage, da gehe ich ins Studio und nehme mir beispielsweise vor, heute mache ich einen Sommersong. Entweder komme ich dann in einen Flow und merke nach ein paar Stunden, dass das gut kommt. Oder ich spiele nach einer Stunde, dass das, was ich gerade spiele gar nicht zu meiner ursprünglichen Idee passt und dann mache ich am Schluss etwas ganz anderes. Zum Teil muss ich mich fast zwingen, drei Tage an einem Song zu arbeiten, auch wenn ich nicht in der Stimmung bin.»

Da höre ich jetzt raus, dass dir das Produzieren von Liedern mehr am Herzen liegt, als das Auflegen in Clubs, stimmt das?

«Nein, nein (lacht). Das wirkt jetzt vielleicht ein bisschen so. Ich habe zwei strenge Clubnächte hinter mir und bin etwas müde. Nein, es geht Hand in Hand. Immer, wenn ich im Club bin, denke ich, dass ich noch etwas Besseres machen möchte, um die Leute zu animieren und dass ich ins Studio gehen möchte, um etwas zu machen, damit meine Show noch besser wird. Wenn ich im Studio bin, kann ich es fast nicht erwarten, dass wieder Wochenende ist, um zu präsentieren, was ich gemacht habe. Klar, ich habe mir auch schon überlegt, dass ich irgendwann mit dem Touren aufhören muss. Es ist sehr anstrengend. Ich habe mir einige Male überlegt, wie es wäre, wenn ich jetzt nur noch im Studio wäre, aber momentan würde mich das nicht glücklich machen. Ich könnte im Moment beides nicht aufgeben.»

Gibt es bei all deinen Auftritten einen, der dir als bester bis heute in Erinnerung geblieben ist?

«Da gibt es nicht eine. Ich hatte so viele gute Partys. Es gibt immer wieder eine, die man richtig krass findet. Vor allem im Sommer und an Festivals. Da gibt es schon Momente, wo du auf der Bühne stehst, ins Publikum schaust und dir denkst: ‘Mehr geht im Leben eigentlich nicht’. Nicht, weil du jetzt der Star bist, sondern wegen deinem Gefühl. Du bist da oben, die Leute haben Spass, du hast Spass und hast bestenfalls noch deine Freunde bei dir. Da stimmt einfach alles. Das gibt es aber mehrmals jedes Jahr – zum Glück.»

Du hast früher klassische Musik gespielt, warst dann in einer Rock-Band und produzierst jetzt Techno und House, welche Musikrichtung hörst du dir heute gerne an?

«Ich höre gar nicht viel Musik. Es kommt sehr auf meine Laune drauf an, dass ich überhaupt Musik höre. Wenn ich Musik höre, dann sehr gezielt. Dann höre ich entweder einen alten Pop-Rock-Song, der mich damals berührt hat oder ich höre klassische oder Filmmusik. Beispielsweise wenn ich wieder in den Gefühlszustand kommen will, in dem ich war, als ich einen bestimmten Film geschaut habe. Aber auch dann höre ich nur zwei, drei Songs, nicht den ganzen Soundtrack. Hintergrundmusik macht mich nervös. Ich kann zum Beispiel nicht zu Hause aufräumen, wenn im Hintergrund Musik läuft. Meine Hintergrundberieselung sind Dokumentationen oder Diskussionen. Es darf zwar nicht still sein im Haus, aber ich kann da keine Musik hören.»

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