×

Mit Drohnen gegen Hightech-Waffen

Hochpräzis, effzient, günstig, schwer zu bekämpfen und nur schwer rechtzeitig zu entdecken: Drohnen haben den Krieg verändert. In der Ukraine, im Iran – und für alle Zukunft.

Südostschweiz
03.04.26 - 14:26 Uhr
Mitte März irgendwo in der Ukraine: Eine Drohnenpilotin steuert ihre Waffe.
Mitte März irgendwo in der Ukraine: Eine Drohnenpilotin steuert ihre Waffe.
Bild: Maria Senovilla / Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

von Viktor Schewtschuk

Rheinmetall-Chef Papperger hat mit seinen Äusserungen über ukrainische Drohnen und deren Hersteller viele Ukrainer verärgert. Papperger verglich die Drohnenproduktion mit dem Spielen mit Lego und bestritt jeglichen technologischen Durchbruch bei Drohnen. Die Arroganz mancher Analysten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Westen scheint unheilbar zu sein. Sie wollen nicht aus den Lehren des Krieges Russlands gegen die Ukraine und den Westen lernen. Oder aus den Nato-Manövern in diesem Jahr in der Nähe von Portugal oder im letzten Jahr in Estland. In beiden Fällen erfüllten ukrainische Drohnenpiloten ihre Missionen. Die Nato-Kollegen bemerkten nicht einmal, wie und wann sie von kleinen Teams ukrainischer Drohnenpiloten besiegt wurden.

Warum haben sich Drohnen im Kampf als wirksames Mittel erwiesen? Erstens sind sie hochpräzise Waffen. Die Bediener können Drohnen dazu bringen, ein Ziel zu verfolgen und während dieser Verfolgung Anpassungen vorzunehmen. Dies ist besonders nützlich bei beweglichen Zielen.

Zweitens sind sie effizient im Munitionsverbrauch. Sowjetische Militärhandbücher sehen 300 bis 450 Artilleriegeschosse des Kalibers 152 mm vor, um die Stellungen eines Infanteriezugs auf offenem Feld zu unterdrücken. Stellen Sie sich vor, eine Haubitze feuert fast ununterbrochen den ganzen Tag, um 20 bis 30 Prozent eines Zuges zu vernichten. Bei der Verteidigung von Debalzewe im Jahr 2015 feuerte eine ukrainische Haubitzenmannschaft 500 Schüsse innert eines Tages ab. 

Im Jahr 2025 wurden nur 4 Prozent der russischen und 19 Prozent der ukrainischen Verluste durch Kugeln aus Schusswaffen verursacht.

Drittens sind Drohnen billiger als Artillerie- oder Panzermunition. Und sie sind weitaus billiger als Haubitzen oder Panzer, die für Drohnen relativ leichte Ziele darstellen. Kürzlich fielen zwei moderne russische Helikopter ukrainischen Drohnen zum Opfer. Eine gute Artilleriebesatzung verbraucht 5 bis 10 Granaten im Wert von jeweils 2000 bis 4000 Euro, um ein statisches Ziel zu treffen. Ist die Kanone alt und ihr Lauf abgenutzt, fällt das Ergebnis noch schlechter aus. Ein gutes Drohnenteam setzt zwei bis drei 500-Euro-Drohnen ein, um ein Ziel zu treffen.

Es ist klar, dass die konventionelle Kriegsführung im Stil des 20. Jahrhunderts mit der Artillerie als Kriegsgöttin nicht mehr tragfähig ist. Nach Berechnungen des ukrainischen Generalstabs hätte die Ukraine im Jahr 2023 bis zu zwei Dutzend Millionen Granaten sowie weitere Ressourcen im Wert von 400 Milliarden Dollar benötigt, um ihr Territorium zurückzuerobern. Keine Kriegspartei war in der Lage, eine Munitionsindustrie dieser Grössenordnung aufzubauen und wirtschaftlich rentabel zu machen.

Viertens können Drohnen im Vergleich zu den Vorbereitungen, die für grosse Maschinen nötig sind, schnell ihren Einsatz beginnen. Drohnen und ihre Bediener lassen sich im Gelände leichter verbergen. Drohneneinheiten benötigen kein erhöhtes Gelände mit direkter Sicht, wie es für Scharfschützen oder die meisten Panzerabwehrwaffen erforderlich ist.

Fünftens sind Drohnen für mittlere und grosse Reichweiten im Vergleich zu Raketen oder Jets klein und langsam. Dadurch strahlen sie weniger Wärme ab. Ältere Radarsysteme haben Mühe, langsame Ziele zu erfassen. Die geringere Geschwindigkeit ermöglicht es auch, tiefer zu fliegen, um sich vor Radarsystemen zu verbergen, -wobei die Unebenheiten des Geländes und die Rundung des Planeten genutzt werden, um sich auf grösseren Entfernungen hinter dem Horizont zu verstecken. Auch können Drohnenkörper aus Holz, Kunststoff oder anderen Verbundwerkstoffen bestehen, die sich gut zur Tarnung eignen.

Ukrainische Drohnen haben 1000 Kilometer von der Ukraine entfernt 40 Prozent der russischen Ölexportkapazitäten «sanktioniert».

Im März haben ukrainische Drohnen Russlands Öl- und Gasindustrie nahe Putins Heimatstadt St. Petersburg fünf Mal innert zehn Tagen angegriffen. So wurden 1000 Kilometer von der Ukraine entfernt 40 Prozent der russischen Ölexportkapazitäten «sanktioniert». 

Natürlich haben Drohnen auch ihre eigenen Nachteile. Als kleine Fluggeräte sind sie von den Wetterbedingungen abhängig. Glasfaserdrohnen sind dies nicht, aber sie sind langsamer und durch die Kabellänge eingeschränkt. Drohnen transportieren weniger Sprengstoff als Raketen und legen in derselben Zeit kürzere Strecken zurück. Drohnen reagieren empfindlich auf Mittel der elektronischen Kriegsführung.

Psychologisch gesehen wirken Artilleriefeuer oder Mehrfachraketenwerfer auf den Feind bedrückender als Drohnen. Artillerie ist wetterunabhängig und schnell einsetzbar, wenn sie von vorbereiteten Stellungen aus operiert. Es wird ein wesentlicher Fortschritt sein, wenn Rheinmetall mit der Serienproduktion selbstfahrender Artillerie beginnt, die präzises Schiessen während der Fahrt ermöglicht.

Heute werden Landdrohnen in grossem Umfang für Logistik, Evakuierung, das Auslegen von Minen und das Räumen von Minenfeldern eingesetzt, und sie werden bald ein wichtiges Mittel zur Feuerunterstützung sein. Es waren die ukrainischen Seedrohnen, die die russische Flotte zum Rückzug von der Krim an den Rand des Schwarzen Meeres zwangen.

Im Jahr 2025 wurden nur 4 Prozent der russischen und 19 Prozent der ukrainischen Verluste durch Kugeln aus Schusswaffen verursacht.

Drohnen erwiesen sich als wichtiges Mittel im asymmetrischen Kampf gegen teure High-End-Waffen. Aber Drohnen als Waffe für Arme abzutun, ist kurzsichtig. Man kann den Feind aus der Luft in Stücke bomben. Aber man kann eine grosse Nation nicht allein mit Fernbombardements in die Knie zwingen. Die Ukraine und der Iran zeigen dies deutlich.

Um den endgültigen Sieg zu erringen, braucht man Bodenoperationen. Und Bodenoperationen sind das Tor, durch das die moderne Drohnenkriegsführung in grossem Stil Einzug hält. 

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
prolitteris