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Ich bin kein Helikopter-Pilot, aber eine Räuberleiter schon

Uhr
Oliver
Fischer

Beginnt das Chaos jeden Tag von vorn, sagen wir: Herzlich Willkommen im Familienleben. Unser Alltag reiht verrückte, bunte, profane und ab und zu unfassbar perfekte Momente aneinander. Das Leben als Mama oder Papa ist eine aufregende Reise, auf die wir Euch nun mitnehmen. Ganz nach dem Motto: Unser Alltag ist ihre Kindheit.

«Heutzutage sind viele Kinder für die Eltern ein Projekt, über das sie sich selber verwirklichen» - Diesen Satz habe ich heute in einem Interview der NZZ mit der emeritierten Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften, Margrit Stamm, gelesen. In dem Gespräch ging es vor allem um das Schulsystem, elterliche Einflussnahme in den Schulen und Chancenungleichheit. Mit einem viereinhalb Jahre alten Kind sind wir von Schulunterricht, Nachhilfestunden und Diskussionen über Noten, Schulübertritte und Karriereaussichten zum Glück noch einigermassen weit weg. Der Satz vom «Kind als Projekt zur Selbstverwirklichung» ist aber hängengeblieben.

Denn von solchen – meine Güte was für ein Begriff – «Projektkindern» hört man doch immer mal wieder. Zum Beispiel, wenn Paare als letzten Versuch, ihre eigentlich längst gescheiterte Beziehung mit einem grossen gemeinsamen Projekt, das zusammenkittet, retten wollen – einem «Projektkind». Natürlich geht das dann in den meisten Fällen schief, die Beziehung scheitert, einfach etwas später, doch noch. Das Kind hat «seinen Zweck», zusammenzukitten nicht erfüllt – viel schlimmer, jetzt kettet es zusammen. Und leidtragend ist am Ende vor allem es, das Kind.

Dann gibt es die berühmt-berüchtigten Helikopter-Eltern, die über jeden noch so kleinen Schritt ihres Sprosses wachen, um ja das absolut Bestmögliche rauszuholen. Besonders berüchtigt sind da – vor allem angelsächsischen Raum – die Soccer-Mums. In der Schweiz könnte man da auch die Tennis-Eltern, Eiskunstlauf-Mütter oder Eishockey-Väter erwähnen. Selbst in ihren sportlichen – oder alternativ musischen – Ambitionen gescheitert, soll jetzt wenigstens das Kind den früher verpassten Erfolg nachholen. Wie oft das wohl tatsächlich klappt? Ich stelle mir vor, dass sich wohl nicht wenige dieser Kinder spätestens in der Pubertät mit ziemlicher Kraft gegen den Helikopter über ihren Köpfen zur Wehr setzen werden.

An einem ganz anderen Ort auf der «Fragwürdige-Eltern-Skala» befindet man sich, wenn man sich für eine Kind UND eine berufliche Karriere entscheidet – RABENELTERN – hört man die Empörten gleich schreien. «Wozu hat man Kinder, wenn man sie bei der erstbesten Gelegenheit in fremde Obhut abschiebt, um sich SEINEM EIGENEN Leben zu widmen, SEINE Karriere voranzutreiben und SICH SELBST zu verwirklichen?» Wobei man da schon sagen muss, als Mann und Vater bekommt man diesen Vorwurf kaum (nie) zu hören, als Frau und Mutter dafür umso öfter und heftiger. Das wäre dann wohl so in etwa das Gegenteil vom «Projektkind».

Nun, wir gehören mit unserem Kind zu beiden Kategorien ein bisschen – aber in moderatem Ausmass, darf ich doch anfügen. Wir haben uns sehr bewusst für ein Kind entschieden, wir waren uns aber auch von vorn herein einig, dass wir beide auch mit einem Kind arbeiten wollen. Genauso einig waren wir uns, dass wir in etwa gleich viel arbeiten wollen und uns Haushalt, Familie und Erziehung gleichberechtigt aufteilen werden. Das hiess unter anderem, dass unser Kind ab dem Alter von sechs Monaten drei Tage pro Woche in eine Krippe ging und wir zu je 80 Prozent arbeiteten.

Wir tun das immer noch, mal arbeitete ich zwischen durch Vollzeit, phasenweise meine Frau. Und stellt Euch vor: Wir lieben unser Kind trotzdem und widmen ihm den Grossteil unserer Nicht-Arbeitszeit – mal zusammen, mal einzeln, so dass der andere sich auch noch selbst irgendwo verwirklichen kann. Das ist manchmal anstrengend, manchmal sind wir nach langen Tagen bei der Arbeit gestresst, manchmal ungeduldig, klar. Das bekommen wir dann gegenseitig von einander ab und manchmal verlieren wir mit dem Kind die Geduld. Aber nie, NIE, fühlt sich das Kind abgeschoben.

Und auf der anderen Seite, wollen wir natürlich nur das Beste für unser Kind und natürlich haben wir auch gewisse Vorstellungen, welchen Weg es dann einmal beschreiten möge. Schliesslich haben wir beide eine Matura gemacht, haben beide studiert und arbeiten wir heute beide mehr mit unserem Hirn als den Händen. Aber eigentlich sind wir uns sehr wohl darüber im Klaren und einig, dass unser Kind vor allem ein selbstbewusster, selbstreflektierter und selbstbestimmter Mensch werden soll. Und das lernt es nicht, in dem wir ihm alle Hindernisse aus dem Weg räumen, auf die es stossen wird – aber eine Räuberleiter machen, das darf und soll sehr wohl mal drin liegen.

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