×

Aktiviererinnen werden aktiv 

In den letzten Jahren hat sich in Pflegeeinrichtungen die Aktivierung etabliert, wo früher vor allem gebastelt wurde. Gordana Tresch und Melissa Bruhin sind im Kanton Pionierinnen dieses neuen Berufs.

Südostschweiz
15.10.22 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Pionierinnen im Glarnerland: Melissa Bruhin (links) lässt sich zur Aktiviererin ausbilden, Gordana Tresch ist Teamleiterin Aktivierung bei den Alters- und Pflegeheimen Glarus Süd.
Pionierinnen im Glarnerland: Melissa Bruhin (links) lässt sich zur Aktiviererin ausbilden, Gordana Tresch ist Teamleiterin Aktivierung bei den Alters- und Pflegeheimen Glarus Süd.
Bild Swantje Kammerecker

Von Swantje Kammerecker

Melissa Bruhin ist die erste Glarnerin, die 2023 Aktivierung auf der Stufe Höhere Fachschule (HF) angeht. «Aktivierung? Was soll das für ein Beruf sein?» Das sei die häufigste Reaktion, wenn das Gespräch auf ihre Tätigkeit komme, sagt sie. Sehr nüchtern klingt die Beschreibung ihrer Ausbildung auf HF-Stufe: «Aktivierungsfachleute gestalten Angebote für Einzelne und Gruppen in Pflegeeinrichtungen und Heimen für Erwachsene. Als therapeutische Mittel wählen sie musische, gestalterische und andere Aktivitäten, die Körper und Geist stimulieren.»

Seit Anfang Oktober absolviert die junge Frau aus Schwanden ein mehrmonatiges Praktikum bei den Alters- und Pflegeheimen Glarus Süd (APGS). Nach einer Erstausbildung als Detailhandelsfachfrau, zwei Jahren Berufspraxis und einem Jahr Tätigkeit als Pflegehelferin hatte sich ihr Entschluss verdichtet: «Das ist mein Ding», erklärt Bruhin. «Ich bin kreativ und kommunikativ veranlagt. Die Arbeit mit Senioren und für ihr Wohlbefinden wirken zu können, gefällt mir. Auch dass man Schnittstelle zu vielen anderen im Haus ist.»

«Die Arbeit mit Senioren und für ihr Wohlbefinden wirken zu können, gefällt mir.»

Melissa Bruhin, lässt sich zur Aktiviererin ausbilden

In der Schweiz gibt es nur an drei Orten Studiengänge für Aktivierung. Bruhin bewarb sich an der Medi Bern, dem Zentrum für medizinische Bildung, und bestand. Mit dem Abschluss nach drei Jahren könnte sie später sogar selber Nachwuchs ausbilden und so im Kanton Glarus für einen wichtigen Schritt in Richtung Professionalisierung sorgen.

«Das wäre sehr gut, wenn wir hier weiterkämen», meint Gordana Tresch. Die ehemalige Pflegefachfrau hat schon vor 15 Jahren begonnen, modulare Weiterbildungen in Aktivierung zu machen und 2021 den letzten Teil abgeschlossen. Sie baute diesen Bereich bei den APGS auf, leitet nun ein Team von vier Personen und ist begeistert von ihrer Tätigkeit: «Man kann so viel geben und bekommt so viel zurück.» Gerne lädt sie dazu ein, Aktivierungsangebote in den Einrichtungen kennenzulernen.

Gemeinsames Singen …

Ein sonniger Nachmittag in Elm. Kühe trotten bimmelnd durchs Dorf. Im Altersheim, einem charmanten Chalet auf grünen Wiesen, packt Rita Stockmayr ihre Gitarre aus. Die Singstunde wird im Rahmen der Aktivierung zum ersten Mal nach der Coronazeit angeboten. Jeder Platz ist besetzt, beinahe feierlich die Stimmung. Schon beim ersten Lied – «Es Buurebüebli» – wird eifrig mitgesungen. Stockmayr fährt fort mit deutschen Wander- und Bergliedern. «Die kennen wir noch aus der Schule», erklärt sie dazu. «Die ganze Familie hat sie gesungen, immer und immer wieder.»

Für eine italienischsprachige Bewohnerin sind auch zwei Lieder dabei, wobei sich ihr Gesicht aufhellt. Auch das englische «My Bonnie is over the ocean» ist noch einigen bekannt. Ein Wiener Lied aus der Heimat der Singleiterin ist dagegen neu für alle. Es erheitert mit einem humorigen Refrain. Dazwischen entwickeln sich kleine Gespräche, es gibt Kaffee und Kuchen.

«Senioren kommen heute meist später und weniger gut ‚zwäg’ ins Heim.»

Gordana Tresch , leitet ein Aktivierungsteam

Die Praktikantin hat einen Block auf den Knien. Sie notiert sich den Ablauf der Aktivierungsstunde und – nützlich für Stockmayr – welche Lieder gut angekommen sind. Denn das Singen wird in Elm, Linthal und Schwanden, also allen Heimen in Glarus Süd, ab jetzt regelmässig angeboten; einmal im Monat und im Wechsel mit anderen Aktivitäten. Die können sehr vielfältig sein, wie Aktivierungsleiterin Gordana Tresch erklärt: Handwerkliches und Kreatives, kochen und backen, Gedächtnistraining, Bewegung.

… gemeinsames Spielen …

Noch nicht im Programm, aber interessant wären auch Klang- oder Licht-Therapien, meinen Tresch und Bruhin. Solche Angebote seien auch für Menschen mit stärkeren Einschränkungen geeignet, wenn die Aktivierung mehr rezeptiv, also empfangend sei. «Senioren kommen heute meist später und weniger gut ‘zwäg’ ins Heim», erzählt Tresch. «Eine Aktivierung wie früher im Sinn von ‘Beschäftigung’ passt da nicht mehr. Es geht vor allem darum, zu motivieren, am Leben teilzunehmen und in einen Austausch mit der Umwelt zu kommen.»

Ein gutes Beispiel dafür ist der Spielnachmittag, wie Tresch sagt. «Es war Coronazeit, wir begannen zu zweit, waren dann zu dritt, und die Gruppe wurde immer grösser. Bis heute boomt das Angebot geradezu, und besonders schön ist: Immer mehr Bewohnende lernten von anderen, wie zum Beispiel ‘Rummikub’ geht.» Nun spielten die meisten selbstständig. «Und wir vom Aktivierungsteam kümmern uns um jene, die dabei Unterstützung benötigen.»

Überhaupt sei nach den coronabedingten Einschränkungen ein vermehrtes Bedürfnis nach gemeinsamen Aktivitäten festzustellen. So stossen etwa Angebote wie die Bewegungsstunde – Turnen im Sitzen – und Gedächtnistraining auf reges Interesse und konnten seit dem Mai an allen drei Standorten in Glarus Süd auf- beziehungsweise ausgebaut werden.

… und sich allein beschäftigen

Aber was ist mit Menschen, die nicht gerne eine Gruppe besuchen und dennoch Anregung suchen? «Da finden wir jeweils eine individuelle Lösung», erklärt Tresch. Sie führt im Alterszentrum Schwanden durch einige Räume: In einer ehemaligen kleinen Küche wurde ein Atelier eingerichtet für Herrn B.*, der trotz seiner geringen Sehkraft täglich oft stundenlang beim Klang von klassischer Musik mit Farben und Karton arbeitet. Derzeit gestaltet er eine Winterdekoration für die Cafeteria.

In der Bibliothek geniesst Frau G.* die Ruhe, konzentriert über ein Puzzle gebeugt. Weitere Räume werden gerade im Rahmen einer Umstrukturierung neu eingerichtet. Und schliesslich ist die Aktivierung auch mobil: «Auf meinem Wagen habe ich eine ganze Ausstattung, mit der ich zu den Leuten komme. In der Coronazeit zeigte sich, wie wertvoll das ist. Seither versuchen wir vermehrt, dort zu sein, wo sich die Menschen gerade aufhalten. Dann ist die Hemmschwelle geringer, und sie müssen nicht zu einer bestimmten Zeit an einen Ort kommen», so Tresch.

Letzte Woche sorgte ein mobiler Backofen bei den Bewohnenden in Schwanden für duftende Sinneseindrücke. In welche Richtung sich die Aktivierung weiterentwickeln soll, wird ganz praktisch jeden Mittwoch beim Team-Rapport angeschaut. Für die Praktikantin Bruhin ist es eine Fülle von Eindrücken, die sie mitnimmt. Schon jetzt hat sie einen wichtigen Platz im Team und freut sich darauf, im Studium noch mehr zu erfahren und – vielleicht auch im Glarnerland – etwas davon zurückzugeben.

* Diese Namen werden bewusst nicht genannt

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu Leben & Freizeit MEHR