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Der lange Weg zurück mit Long Covid

Der lange Weg zurück mit Long Covid

In ihrem Beruf hat sich Edith Schwitter (53) um Covid-Patienten gekümmert. Sie wurde dadurch selbst eine – und leidet noch immer.

Fabio
Wyss
vor 1 Woche in
Aus dem Leben
Licht und Schatten: Nach einer Covid-Infektion hat sich das Leben von Edith Schwitter abrupt verändert.
BILD FABIO WYSS

Ihre Schritte sind etwas kurz. Sonst sieht man nicht viel. Ohnehin die Sonne stimmt Edith Schwitter fröhlich. So ein Spaziergang wie jener in Weesen gehört zu den Höhepunkten in ihrem aktuellen Leben. Eine halbe Stunde schafft sie, manchmal etwas mehr. «Pausen sind das A und O», sagt die Long-Covid-Betroffene und hält im Schatten kurz inne.

An guten Tagen liegt ein zweiter Spaziergang drin. An schlechten reicht es der 53-jährigen Glarnerin nicht einmal, um mit ihren zwei Hunden Gassi zu gehen. Gerade sie, die ein Bewegungsmensch ist: Bergsteigen, Biken, Ski fahren – vieles mehr hat sie früher gemacht. Nun beschäftigt sie anderes: wiederkehrende Atembeschwerden, monatelange Fieberschübe, Belastungsintoleranz. Auch das chronische Fatigue-Syndrom hindert sie, ein halbwegs normales Leben zu führen.

Seit letztem Dezemberarbeitsunfähig

Viele Covid-19-Erkrankte klagen über diese anhaltende Erschöpfung – und zwar noch lange Zeit nach der Infektion. Bei Schwitter geht das schon seit einem Dreivierteljahr so – seit ihrer Coronaerkrankung letzten Dezember. Long Covid macht die Pflegefachfrau zu 100 Prozent arbeitsunfähig.

Nach einer leichten Besserung ihres Gesundheitszustandes unternahm Schwitter im Juni auf Anraten ihres Arztes einen Arbeitsversuch. Sie selber fühlte sich noch nicht so weit. Zwar wollte sie wieder zurück an ihren Arbeitsplatz in einem Akutspital, aber erst wenn sich ihr Zustand weiter stabilisiert hat: «Ich liebe meinen Beruf.» Sie könne sich nicht vorstellen, wie Leute freiwillig arbeitslos sein wollen.

Doch nun ist sie das – unfreiwillig. Der dreiwöchige Versuch scheiterte. Obschon sie nur leichte Arbeit verrichtete, reagierte sie mit Fieberschüben. All ihre Beschwerden wurden wieder deutlich stärker. «Wenn ich an einem Tag zu viel mache, büsse ich dafür die nächsten Tage.» Der Arbeitsversuch im Juni habe sie in ihrer Genesung weit zurückgeworfen. Danach hat ihr der Arbeitgeber während des Arbeitsversuchs wegen der Long-Covid-Problematik gekündigt. Neben stärkeren Symptomen plagen sie nun auch noch finanzielle Sorgen.

Wegen Long Covid bei der IV

Mittlerweile musste sich Schwitter notgedrungen bei der IV-Stelle melden – sie hofft, bald einen neuen Arbeitsversuch zu starten. Seit diesem Sommer machen sich im Kanton St. Gallen vermehrt Long-Covid-Fälle auf der IV-Stelle bemerkbar. Peter Ringeisen von der SVA St. Gallen kann aber vorerst entwarnen: «Zu einer massiven Erhöhung aller Anmeldungen auf der IV-Stelle führt Long Covid derzeit nicht.» Mittlerweile sind 36 Anmeldungen eingegangen (siehe Box). Eine Prognose, wie sich das weiterentwickelt, ist laut Ringeisen schwierig.

Klar ist: Die Anmeldung zur IV bedeutet für viele Betroffene einen riesigen Schritt. Das bestätigt eine Anfrage beim Schweizer Verein Long Covid. Vizepräsidentin Florence Isler weiss: «Die meisten haben sich noch nicht bei der IV gemeldet.» Sie brächten diesen Schritt nicht übers Herz.

Das IV-Gesuch für einen erneuten Arbeitseinstieg von Edith Schwitter ist in Bearbeitung. Ihr Beispiel zeigt: Die Rückkehr in den Beruf gestaltet sich kompliziert. Die Wiedereingliederung ist nicht nur Schwitters oberstes Ziel, sondern auch das der IV: «Der Rentenbezug ist das letzte Mittel», sagt Ringeisen.

Auch Schwitter will unbedingt zurück in ihren Pflegeberuf. Selbstverständlich ist das nicht. Denn bei ihrer Berufsausübung im Spital hat sie sich angesteckt: «In der zweiten Welle gab es so viele Patienten. Immer mehr Negativgetestete wurden plötzlich positiv.» So erwischte das Virus auch sie. Covid-19 löste bei ihr unter anderem eine Blutvergiftung aus, sie musste notfallmässig zwei Wochen ins Spital.

Viel Einschränkung,wenig Verständnis

Noch immer verkompliziert Corona Schwitters Alltag. Ein Grosseinkauf liegt nicht drin. Die Mutter zweier Kinder verteilt ihre Besorgungen auf mehrere kleinere Einkäufe. Für einzelne Tätigkeiten braucht sie eine Haushaltshilfe. Neben solchen Einschränkungen erschweren Reaktionen von Aussenstehenden ihre Krankheit. «Für viele vom Pflegepersonal und für mich als Direktbetroffene sind Leute, die das Virus kleinreden oder sich lautstark gegen die Impfung wehren, ein Hohn», sagt sie.

Und insbesondere das Verständnis für Long Covid sei an einem sehr kleinen Ort. «Von nichts kommt nichts», raten ihr die Leute – oder: «Probier einfach mal wieder aufs Fahrrad zu steigen, und das wird schon gehen.» Sie hat das schon x-mal probiert. Wenn sie auf ihrem E-Bike die volle Unterstützung einschaltet, schafft sie noch maximal 20 Minuten, bevor eine starke Erschöpfung eintritt. «Vor der Krankheit hatte ich ein normales Bike.»

Auch ein Arzt sagte Schwitter schon, dass er sich langsam nerve, weil so viele immer alles Long Covid zuschreiben. «Dabei gibt es für das Krankheitsbild eindeutige Studien und klare medizinische Erklärungen. Es handelt sich eindeutig nicht um eine psychische Erkrankung», sagt Schwitter. Das bestätigt die St. Galler IV-Stelle: «Long Covid ist medizinisch klar belegbar. Beeinträchtigungen des Nervensystems oder organische Einschränkungen führen zu eindeutigen Diagnosen», erläutert Ringeisen.

Weniger klar ist, wie lange Long Covid dauert. Diese Ungewissheit nagt an Schwitter: «Bin ich jemals wieder die aktive Mutter, kann all meine Sportarten und meinen Beruf in diesem Masse ausüben wie früher?» Den Kopf in den Sand steckt Schwitter aber nicht. Sie bleibt ein Bewegungsmensch. Spaziergänge wie jener in Weesen seien darum enorm wichtig. «Ich musste die letzten Monate so viel Zeit in meinen eigenen vier Wänden verbringen.» Zu Hause wiederum blickt Schwitter oft aus ihrem Fenster hoch zum Glärnischgletscher. «Ich sage mir oft: Da nach oben zu den Bergen willst du wieder hin.»

Long Covid: Hohe Dunkelziffer – viel Konfliktpotenzial
Schweizweit haben sich bis Ende Juli rund 1000 Menschen mit Langzeitfolgen von Covid-19 bei der IV angemeldet. Bei der St. Galler Sozialversicherungsanstalt (SVA) sind bislang 36 Anmeldungen wegen Long Covid eingegangen. Dabei handelt es sich bei knapp drei Viertel der Fälle um Frauen. Zehn der Antragsstellenden sind unter 45 Jahre alt.
Peter Ringeisen von der St. Galler IV-Stelle sagt auf Anfrage: «Da viele Fälle erst eintrafen, sind sie in der Regel noch offen. Darum kann die SVA nicht sagen, ob dereinst IV-Renten gesprochen werden.» Der Rentenbezug sei das letzte Mittel. «In erster Linie versuchen wir, die Personen in den Arbeitsprozess wiedereinzugliedern. Das kann mittels Berufswechsel oder einer Ausbildung sein», sagt Ringeisen. Das Prozedere unterscheide sich nicht von anderen Krankheiten: Ist die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt, wird die IV aktiv.
Da sich erst allmählich Long Covid auf der IV bemerkbar macht, können auch Fachleute die Folgen für Versicherungen noch nicht abschätzen: «Beschäftigen wird uns Long Covid aber sicher noch länger», sagte Oliver Hümbelin, Professor im Bereich Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule, jüngst dem «Tages Anzeiger». Auch der Anteil Long-Covid-Betroffener schwankt je nach Studie zwischen 1 und 20 Prozent aller Erkrankten. «Rund 10 bis 15 Prozent der Fälle könnten eine realistische Schätzung sein», sagt Roland Martin, Professor für Neurologie am Universitätsspital Zürich. Zum Vergleich: Im Kanton St. Gallen wurden bislang über 50 000 Ansteckungen registriert. Die tatsächliche Zahl Infizierter dürfte noch höher liegen, weil besonders in der ersten Welle nur schwere Fälle getestet wurden.
Der Uzner Hausarzt Clemens Niemann hat bereits einige Long-Covid-Patienten betreut. «Wie viele langfristig anhaltende Schäden oder Leistungseinbussen behalten werden, kann ich noch nicht sagen.» Bei einigen werde es plötzlich besser. Andere bräuchten viel Geduld. Erste Rehakliniken haben sich laut Niemann mit sinnvollen Therapieangeboten auf die neue Krankheit eingestellt. Es gebe auch gute Ansätze der Komplementärmedizin, die die Genesung fördern, sagt der Präsident des Hausarztvereins Linthgebiet.
Niemann ist aber überzeugt: «Long Covid birgt für den Einzelnen wie auch für die Versicherungen noch reichlich Zündstoff und Konfliktpotenzial.» Nicht umsonst schliessen sich Betroffene zusammen und spezialisieren sich Juristen für die Thematik (siehe Hinweis unten).

Brauchen Sie Hilfe in Fragen um  Long Covid? Folgende Internetseiten kümmern sich um juristische und gesundheitliche Fragen rund um  Long Covid: www.covid-langzeitfolgen.ch, www.altea-network.com (wyf)

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