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Der Run auf Christbäume hat bereits begonnen

Oh du frühe Weihnachtszeit: Das Geschäft mit den Christbäumen beginnt für die Förster der Ortsgemeinde Rapperswil-Jona lange, bevor die ersten Schneeflocken fallen.

03.11.18 - 04:33 Uhr
Leben & Freizeit
Christbaum-Spezialisten: Urs Fuchs und Urs Ziegler hegen und pflegen mehrere tausend Christbäume
Christbaum-Spezialisten: Urs Fuchs und Urs Ziegler hegen und pflegen mehrere tausend Christbäume
Ramona Nock

Es gibt Menschen, die haben eine genaue Vorstellung davon, wie ein perfekter Weihnachtsbaum auszusehen hat. Gross, aber nicht überragend, ausladend, aber keinesfalls struppig, schlank, aber nicht mager. Der perfekte Christbaum, gibt es ihn?

Urs Ziegler winkt ab, ein verschmitztes Lachen im Gesicht. Sein Blick schweift über die Christbaumplantage im Joner Wald: Nordmannstannen, Rottannen, Weiss-, Blau- und Silbertannen, ein paar wenige Exoten wie Korktannen. Die Geschmäcker, sagt der Forstwart, seien so vielfältig und verschieden wie die Bäume. Und wenn einer es wissen muss, dann er.

Den Wunschbaum reservieren

Seit mehr als 40 Jahren sind Christbäume Zieglers Spezialgebiet bei der Ortsgemeinde Rapperswil-Jona. 33 000 Bäume in allen Grössen und Formen stehen im Joner Wald, doch was dieses Jahr «en vogue» ist, wohin der Trend geht, das lasse sich kaum voraussagen. Klar ist indes: Gefragt sind die Nadelbäume bereits dann, wenn Weihnachten noch in weiter Ferne scheint. Denn während manch einer noch dem Spätsommer nachtrauert, flattern bei der Ortsgemeinde schon im Oktober die ersten Bestellungen für Christbäume ins Haus. «Noch keine Hundert» zwar, schätzt Revierförster Urs Fuchs, doch auf zwanzig, dreissig Bestellungen käme er durchaus.

Zweite Chance für Verschmähte

Es sind Vertreter von Altersheimen, der Stadt oder Kirchgemeinden, die sich für die Vorweihnachtszeit ganz bestimmte Christbäume wünschen – grosse vor allem. In Rapperswil-Jona ist eine mächtige Tanne für den Platz vor dem Bürgerspital vorbestellt, ebenso eine beim Schloss am Herrenberg. Und es gibt Privatpersonen, die das Thema «Christbäume» auf ihrer Checkliste frühzeitig abhaken wollen und darum ihren Wunschbaum schon im Herbst vorbestellen – inklusive Lieferung und Abholservice für später.

Auf Streifzügen durch ihre Christbaumplantage trifft man Fuchs und Ziegler dieser Tage regelmässig. Gezielt suchen sie jene Bäume heraus, die sie heuer «freigeben» wollen. Sie werden mit einem blauen Band um die Spitze markiert. «Hier, dort, da drüben». Die beiden Forstspezialisten kennen die Plantage wie ihre eigene Hosentasche. Sie stoppen vor einem Baum, der ein wenig unregelmässig gewachsen ist. «Ihm geben wir noch ein Jahr Zeit», sagt Fuchs. Manchmal komme ein Baum bis zum nächsten Jahr wieder «in Form», wachse an den entscheidenden Stellen nach oder biege sich selber zurecht. Hin und wieder müssen die Forstwarte jedoch ein wenig nachhelfen, um dem klassischen «Musterbaum» so nahe wie möglich zu kommen. Mit einer Spezialzange werden die Astkränze dort abgeklemmt, wo sie nicht weiter wachsen sollen. Andere Tannen sind derart ausser Form, dass nur ihre Zweige verkauft werden können – zum Beispiel für Adventskränze. Und wieder andere, vorwiegend empfindliche Jungbäume, haben dieses Jahr so fest unter der Trockenheit gelitten, dass ihre Nadeln dürr, die Zweige vekümmert sind. Sie werden zerhäckselt und später als natürlicher Dünger auf dem Boden verteilt.

Zehn Jahre bis zum Christbaum

Damit es im Joner Wald genug Christbäume für die Bevölkerung gibt, pflanzt das Forstteam jedes Jahr im März Setzlinge. Überall dort, wo im Vorjahr ein Christbaum gefällt wurde, darf ein Jungbaum heranwachsen. Die zwei- bis vierjährigen Setzlinge sind zwanzig bis dreissig Zentimeter gross. Bis daraus ein «pfannenfertiger» Christbaum entsteht, dauert es rund zehn Jahre. «Wir setzen immer ein wenig mehr Setzlinge, als wir eigentlich brauchen», sagt Urs Fuchs. Dies garantiere, dass auch nach Hitzeperioden oder starken Unwettern am Schluss genügend schöne Tannen übrig seien. Bis zu 1000 Christbäume verkauft die Ortsgemeinde jeweils allein an ihrem Verkaufssamstag, der Mitte Dezember vor dem Forsthaus stattfindet.

Damit jeder an Heiligabend zu seinem perfekten Christbaum kommt, gibt es laut Urs Fuchs übrigens einen einfachen Trick: Wer sich schwer damit tut, sich für einen Baum zu entscheiden, sollte sich gar nicht erst auf eine grosse Auswahl einlassen. Wer den Baum vorbestelle, gerate weniger in Versuchung, nach dem ultimativ Schönsten Ausschau zu halten. «Je mehr Vergleiche, desto wählerischer wird man», weiss Fuchs. Und er weiss auch, dass ein Christbaum zuweilen einen kleinen Familienzwist auslösen kann. Dass ein Familienvater den gekauften Baum zurückbrachte, weil die Frau daheim nicht zufrieden war mit seiner Wahl, das alles hat er schon erlebt. «Wir zeigen uns aber kulant», sagt er schmunzelnd. Schliesslich solle an Heiligabend keiner streiten müssen – schon gar nicht wegen eines Christbaums.

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