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Haus: «Ich will Friedensstifterin und Brückenbauerin sein»

Integration geht auch durch den Magen. Über 20 Jahre lang hat Ina Haus für Flüchtlinge aus aller Welt gearbeitet, im Durchgangszentrum Rain in Ennenda und in den zwei «Gasthäusern», die sie gegründet hat.

Fridolin
Rast
07.01.18 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Ina Haus tanzt zum Abschied aus dem Berufsleben mit Menschen aus aller Welt.
Ina Haus tanzt zum Abschied aus dem Berufsleben mit Menschen aus aller Welt.
SASI SUBRAMANIAM

Das Schönste kommt zum Schluss. «Jetzt möchte ich die Länder bereisen und die Kulturen kennenlernen, aus denen die Flüchtlinge gekommen sind», sagt Ina Haus aus Mitlödi. Denn: «Die Leidenschaft ist noch wach.»

Ende Dezember ist sie nach fast 21 Jahren verabschiedet worden, in denen sie immer im Durchgangszentrum Rain in Ennenda gearbeitet hatte.

Den Abschied aber feierte sie im Gasthaus «Gaswärch» in Glarus wie auch in der «Blauen Baracke» in Näfels. Den Mittagstisch dort hat sie schon 2002 gegründet. «Die Gasthäuser haben sich zu einer festen Institution und Begegnungsstätte zwischen Flüchtlingen und Einheimischen entwickelt», blickt sie zurück.

Das Hesse-Zitat ist ihr irgendwie bekannt vorgekommen, das Andreas Zehnder in seiner Abschiedsrede benutzte, Leiter Soziales beim Kanton und die letzten zwei Jahre ihr Chef: «Fühle mit allem Leid der Welt, aber richte deine Kräfte nicht dorthin, wo du machtlos bist, sondern zum Nächsten, dem du helfen, den du lieben und erfreuen kannst.» Ja, Ina Haus hatte es 1999 selber in den Jahresbericht geschrieben – «und immer danach gelebt».

Während des Kosovokriegs war es besonders hart

Sie hat vieles getan und viele begleitet in den über 20 Jahren im Durchgangszentrum Rain und in den Aussenstellen für Asylbewerber in den Gemeinden. Zuerst kamen nur junge Männer, erst später auch Frauen, was die Situation im Rain völlig verändert habe. Aus Bosnien, ein paar aus Serbien. Albaner, auch solche, bei denen die Regeln des Zentrums erst einmal gegen rohes Machotum durchgesetzt werden mussten. Das habe sie viel Kraft gekostet, sagt Ina Haus, aber «man kann doch als Flüchtling nicht einfach eine Anspruchshaltung hervorkehren».

Die Zeit des Kosovokrieges 1999 beschreibt sie als ganz harte Zeit für sich: «Meine Aufgabe war, bis zu 39 Kinder zu betreuen und wöchentlich ein- oder zweimal zusammenzuführen.» Hier hat sie von ihrer Ausbildung als Religionslehrerin profitieren können. Hat mit den Kindern Lieder gesungen und Verse geschmiedet, um ihnen die deutsche Sprache nahezubringen. Hat mit ihnen Ausflüge unternommen und auch noch eine Praktikantin ausbilden können, die sie in ihrer Arbeit unterstützt hat.

«Letztlich gibt es nur einen Gott, egal, wie wir ihn nennen»

Hilflos fühlt sie sich nur, wenn sie sieht, dass die Religion missbraucht wird. Dabei gehe es immer um Macht und nicht um Gott, sagt sie. Selber hat sie lange auch die Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit geführt bei der Glarner evangelisch-reformierten Landeskirche. Hat damals etwa eine Weihnachtsfeier organisiert, in der Menschen jeder Glaubensrichtung ihre Inhalte darstellen konnten. Und sie ist überzeugt: «Letztlich gibt es nur einen Gott, ob wir ihn nun Christus, Allah oder Buddha nennen.»

Jetzt möchte ich die Länder bereisen und die Kulturen kennenlernen, aus denen die Flüchtlinge gekommen sind.

So habe der Glaube vereint und nicht getrennt: «Wir haben Frieden geschaffen im Kleinen, und das macht Frieden möglich im Grossen.» Nicht ohne dass Ina Haus auch dazu ein Lied gedichtet hätte. Ein Lied auch für den Frieden zwischen Weltanschauungen. Wie in einer grossen Familie hat sie sich gefühlt damals in der Flüchtlingsunterkunft in Rüti. Auch der Gemeindepräsident war dabei am Fest. «Und auch er hat sich für die Asylsuchenden engagiert.»

Ja, sie habe immer Friedensstifterin und Brückenbauerin sein wollen, sagt Ina Haus. Dass in den Jahren, bevor der Kanton den Betrieb der Flüchtlingszentren selbst übernahm, nicht alles Gold war, was die humanitäre Organisation SRK glänzen lassen wollte, lässt sie nur durchblicken. «Viele sind gekommen und gegangen.»

Und warum ist sie geblieben? Weil sie sich für die Flüchtlinge, die vertriebenen und in der Schweiz angeschwemmten Menschen einsetzen wollte. Dass sie auch eine Ausbildung als Mediatorin hat, habe ihr sehr geholfen, erklärt Ina Haus.

«Ich habe mein Herz geöffnet für die Mitmenschen»

Sie sei ja nur zufällig Christin, evangelisch-lutherisch, in Zwickau geboren. «Tief drin» hat sie die Ökumene, «ein Haus für alle Religionen». Aufgewachsen ist sie also in der ehemaligen DDR. Es hat sie auch für ihre Arbeit geprägt, dass sie nach der Wende samt Familie in die Schweiz übergesiedelt ist. Hat ihr als Migrantin gegenüber Migranten geholfen, zu Toleranz bereit zu sein und zu Respekt dem Fremden gegenüber. Und doch war vieles anders.

«Ich habe mein Herz geöffnet und das manchmal zu sehr und zulasten der Familie.» Sich abzugrenzen, habe sie erst lernen müssen, denn es galt zuerst das Kollektiv. In ihrer Heimat konnte sie zwar Ökonomie studieren, doch ihr Wunschfach Medizin blieb ihr versperrt. Auch, weil man ihr ins Maturazeugnis schrieb, sie habe «keine marxistisch-leninistische Gesinnung». Doch aus dem «Arbeiter- und Bauernstaat» hat sie auch Respekt vor Arbeitern und Bauern mitgebracht, die zum Glück im Glarnerland noch geachtet seien.

Und: Sie ist sich bewusst, mit der friedlichen Revolution einen historischen Moment miterlebt zu haben. Auch wenn sie sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems einen eigenständigen Weg in die Zukunft wünschte und nicht den Kapitalismus, der die DDR verschluckt habe.

Wurzeln geschlagen und ein neues Feld gefunden

Sie habe aus allem das Maximum herausgeholt, zieht Ina Haus Bilanz. Wenn auch nicht beim Lohn für ihre Arbeit, und man spürt hier für einmal Nachdenklichkeit. Erst der Kanton habe sie wirklich fair bezahlt für ihr Arbeitspensum, sagt sie.

Nach einem Skiunfall hat sie die Grenzen der Schulmedizin erlebt und dadurch die Naturheilkunde und die Homöopathie für sich entdeckt. Und nicht nur ein bisschen. Sechs Jahre lang ist sie für ihr Studium nach München gependelt. Hat inzwischen die kantonale Praxisbewilligung und erklärt: «Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden.»

Sie ist im Glarnerland heimisch geworden und möchte nirgends sonst leben: «Ich habe hier Wurzeln geschlagen.» Diese möchte sie weiter festigen, sich tiefer mit der hiesigen Natur und Naturheilkunde auseinandersetzen und ihr Wissen weitergeben, sagt Ina Haus. Und: «Vielleicht verarbeite ich meine Erfahrungen als Friedensstifterin und Brückenbauerin auch in einem Buch.» Sie würde damit «tiefe Einblicke in meine 21 Jahre im Asyl- und Flüchtlingsbereich und die Geschichten dahinter geben», erklärt sie.

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