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Ab jetzt haben die Kühe das Sagen

Alpsommer im Vorderdurnachtal, zum Zweiten: Ab jetzt gehts den Kühen an die Euter. Die Sänntäfamilie Zimmermann ist «ausgebucht». Von Rebekka und Martin müssen nebst den 100 Rindern und Kühen, neun Schweinen, zwei Eseln, einem Hund und Hühnern auch noch die Kinder Marvin und Anja umsorgt werden.

Martin
Meier
10.06.17 - 15:40 Uhr
Leben & Freizeit
Wir waren zu Besuch auf der Alp.
Wir waren zu Besuch auf der Alp.
SASI SUBRAMANIAM

Rebekka (38) soll recht behalten: Das Älplerleben ist nichts für Weicheier. Über Nacht hat es angeschneit, hinunter auf 1600 Meter. «Da musste ich die Kühe im Stall halten», erzählt Martin (38).

Es ist saukalt. Die Schweine kommen später. «Heute kommt das Gros des Rindviehs», verrät Martin. Rebekka soll abermals recht behalten: Leika kläfft wieder, um gleich den Schwanz einzuziehen und sich auf den Rücken zu legen. Wieder will sie gestreichelt werden. Die Älplerin prophezeit: «Und das nächste Mal bellt sie wieder.»

Blau blüht auf der Alp der Enzian nicht mehr, dafür violett das Knabenkraut, bevor die Feuerlilien aus den Wiesen hervorzüngeln und der Türkenbund herausragt. Herausragend zeigt sich am wolkenlosen Himmel der schneebedeckte Hausstock. Willkommen im Alpsommer des Durnachtals.

Geissbock Max spürt den Bergfrühling und krault sich am Fels, Cinzia schmust mit Anuschka. Was für zwei Esel. Was für Schnuggel sind auch die Babymurmeli, die hier oben, hier hinten, verspielt herumtollen, unter dem Pfeifen ihrer Eltern.

Die Kühe sind los

«Wann kommt das Vieh endlich?», fragt Martin erwartungsvoll. Er höre ein deutliches «Charrä», antwortet ihm Marvin (7). «Und ich ein Huhn gackern», ergänzt Anja (6). Beschürzt ist Rebekka derweil daran, die Käsetücher auszuwaschen. Frauenarbeit? Martin: «Wir beide müssen beides tun. Vor allem müssen wir beides können.»

Untätig waren die Älpler seit dem ersten Besuch der «Südostschweiz» nicht. Beschäftigung finden sie im Unkrautstechen. Zudem muss noch gepfählt werden. «Wenigstens bis auf 2200 Meter hinauf.» Darüber liege noch zu viel Schnee. Am Schluss ist die Alp auf einer Länge von 27 Kilometern eingezäunt. 100 Hektaren werden bewirtschaftet, die Fläche von 200 Fussballfeldern.

Geflickt werden müssen ausserdem die Wasserfassung und das Chäs-Chessi. Martin zückt sein Handy: «Hier, unsere Fotos.» Der Älpler fasst die Arbeiten zusammen: «Da Blumen, da Pfosten, wieder Blumen, hier machen wir Pause – und da, da ist noch eine Schlange.» «Die Kreuzotter war richtig giftig», erzählt Rebekka. «Sie ist nicht davongeschlichen, sie hat gefaucht.» Gefaucht? «Ja – und zwar nicht einmal, sondern gleich zweimal.»

«Die kann mich nicht fressen»

Angst? «Warum sollte ich auch Angst haben?», meint Martin. «Eine Schlange kann mich nicht fressen. Warum soll sie dann erst zubeissen?» Dann macht der Älpler den andern Angst: «Besser wäre es schon, man würde sich, bevor man zu uns auf Besuch kommt, kurz in einem Terrarium akklimatisieren.» Martin lacht, auch, weil gerade die Gäste kommen – angekarrt im Viehtransporter, aus Rüti, Ennenda, gar aus Reichenburg. Man müsse hier die engen Kurven schon ganz genau ausfahren können, meint der Schwyzer Jungbauer Franz Kistler. Um gleich klarzustellen: «Jung bin ich dann nicht mehr.» Seine Mutter Anna Maria verrät seine Schnapszahl: «33». Für Franz das Stichwort: «Ja – häsch denn en Gügs?», fragt er Martin.

Aber auch Kaffee hat Rebekka. Dazu gibts Selbstgekästes, Jahrgang 2016. Mit dem Laib posiert die Älplerin fürs Foto, als ob sie dies schon immer getan hätte. «Ich habe es eben schon einmal getan», verrät sie. «Für die ‘Coopzeitung’.» Einzig beim Kuchen geht die Alpherrin fremd. Es gibt Tiroler Cake. «Man nehme 125 Gramm Butter, 200 Gramm Zucker, gemahlene Haselnüsse», beginnt Rebekka, um dann das Ganze abzukürzen: «Man nehme einfach das Betty-Bossi-Buch.»

Der Blick reicht vom reich gedeckten Alptisch übers Linth-Tal nach Braunwald. Von dort drüben hört man die Kirchenglocken klingen. «Das Schönste am Ort aber ist, dass man von dort aus direkt auf unsere Alp sieht», witzelt Martin.

«Dankit Gott – gniessid d Ruhä.»

Marvin redet wie ein Grosser und erzählt, was er später, als Grosser, einmal werden möchte: «Puur oder Heli-Pilot.» Anja: «Und ich Chindsgi-Lehrerin.» Ihr Vater meint dazu: «Die heiratet doch einen Bauern. Wenn du einmal in dem Beruf bist, lebst du auch mit dem und kommst von ihm nicht mehr los.» Mit dem meint Martin das Landwirtschaften.

«Hier oben ist es einfach herrlich», schwärmt der mit der Schnapszahl, Tal-Bauer Franz. «Für uns ist es hier wie in den Ferien.» Rebekka: «Allerdings nicht für Weicheier.» Von nun an heisst es für die Älpler nämlich früh aufstehen, um vier Uhr morgens, und abends spät ins Bett gehen. Bis von drüben, aus Braunwald, wieder die Kirchenglocken den Tag einläuten. Oder aus dem Radio der «Gloggä-Jodel» der Nidwaldner Wiesenberger ertönt. «Bimmm-bammm. Chilegloggä leytid hit, teilid Freid und Leid diär mit. Riäft dur ds Tal und über d Fluä, dankit Gott und gniessid d Ruhä.»

In diese Ruhe will die «Südostschweiz» bald wieder eintauchen, um, so Gott will, über einen Überraschungsgast zu berichten.

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