Hoher Geburtstag: Was das Berghaus Sulzfluh in 150 Jahren alles erlebt hat
Eines der wohl ältesten Berggasthäuser Graubündens feiert Geburtstag – zu Besuch im Berghaus Sulzfluh in St. Antönien, wo man noch immer (fast) wie zu früheren Zeiten logieren kann.
Eines der wohl ältesten Berggasthäuser Graubündens feiert Geburtstag – zu Besuch im Berghaus Sulzfluh in St. Antönien, wo man noch immer (fast) wie zu früheren Zeiten logieren kann.
Von Andri Dürst
«Das alte Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt …», beginnt ein bekannter Schlager von Bruce Low. Wir reisen aber nicht nach Rocky Docky, sondern ins Prättigau. Genauer gesagt nach St. Antönien, das – gemäss einem Werbespruch – hinter dem Mond links liegt. Von dort geht es noch weiter nach hinten (ja, das geht tatsächlich!) zum Weiler Partnun. Wer sich die Berge nicht gewohnt ist, könnte ab der Kulisse wohl ins Staunen geraten. Mächtig thront die Rätikon-Kette im Hintergrund. Darunter ein dreiteiliges Gebäude, das genau gleich heisst wie der bekannteste Gipfel der Gegend: das Berghaus Sulzfluh. Während die Hausteile links und rechts neueren Datums sind, merkt man dem Mittelteil sein Alter an. Die kleinen Holzschindeln an der Fassade dürften schon viele Stürme miterlebt haben. Denn schon 150 Jahre gibt es dieses Gebäude.
Ein Haus mit Geschichte – und Geschichten
Durch die Eingangstür betritt man sogleich die Gaststube. Dort treffen wir auf Simona Tarnutzer, die Gastgeberin, und auf Ernst Flütsch, den Besitzer und früheren Wirt. Zuerst dürfen wir einen Rundgang im Haus machen. Die erste Überraschung erfolgt bereits am Anfang: Wo man in der Gaststube einen Schrank vermutet, befindet sich ein unterirdisches Getränkelager. Schön kühl, auch im Sommer. So funktionierte Lagerhaltung vor 150 Jahren.
Wir gehen weiter und betreten den rechten Anbau, der 2002 erbaut wurde. Auf verschiedenen Etagen sind helle und gepflegte Schlafräumlichkeiten in verschiedenen Grössen untergebracht. Wir wechseln im zweiten Stock wieder in den historischen Teil, wo wir ebenfalls Einblick in die verschiedenen Zimmer erhalten. Hier ist die Welt aber eine andere als im Neubau: Der Boden knarrt, die Räume sind weniger lichtdurchflutet, dafür umso heimeliger. Über eine schmale, steile Treppe erreichen wir den obersten Stock. Ein Zweierzimmer, das direkt unter dem Giebel gebaut ist, befindet sich hier. «Am Anfang sagten wir den Gästen jeweils, dass wir sie im Estrich unterbringen. Jemand sagte mir dann aber, dass ich dieses Zimmer in ‹Adlerhorst› umbenennen solle, das töne viel besser», erzählt Ernst Flütsch mit breitem Grinsen. «Das Zimmer ist immer noch sehr beliebt», stellt derweil Simona Tarnutzer fest. «Auch wenn es nicht wirklich gut isoliert ist», ergänzt sie. «Ja, das ist so. Einmal behauptete ein Wintergast sogar, es habe ihm durch eine Ritze auf den Kopf geschneit», meint Ernst Flütsch lachend.
Garantiert keinen Schneefall gibt es im Neubau auf der linken Seite. Dieser wurde um das alte Waschhaus herum gebaut. Dieses ist nun in die neuen Räumlichkeiten integriert und beherbergt eine Sauna. Heisse Temperaturen gibt es auch im Hot Pot, der sich vor dem Haus befindet. «Ich sah diesen Badetopf Anfang der 2000er-Jahre auf einer Gewerbeausstellung und dachte sofort, dass das etwas für mein Berghaus sein könnte. Ich kaufte das Teil und war weitum der Erste, der so etwas hatte», blickt Ernst Flütsch zurück. Er könnte viele Geschichten zum Haus erzählen. Nicht nur aus «seiner» Zeit in der «Sulzfluh», die 1983 begann. Auch aus den Anfangsjahren weiss er viel zu berichten.
Hütten-Feeling und moderne Annehmlichkeiten
Setzen wir uns also mit dem Hausbesitzer an den Tisch und tauchen in die Geschichte ein. Wir versetzen uns in eine Zeit, in der der Alpentourismus und damit das Bergsteigen seinen Anfang nimmt. «1865 wurden das Matterhorn und der Piz Buin erstmals bestiegen», weiss Ernst Flütsch. Kein Wunder, macht diese Entwicklung auch vor St. Antönien nicht halt. 1875 wurde sodann das Berghaus Sulzfluh errichtet. «Finanziert wurde der Bau vom damaligen Regierungsrat Peter Salzgeber aus Luzein.» Lange Zeit wurde die «Sulzfluh» als Hotel bezeichnet. «Das war anfänglich auch wirklich so, beispielsweise konnte man seine Schuhe über Nacht putzen lassen. Und es gab einen Portier, der einem mit dem Gepäck half.» Diese Zeiten sind aber längst vorbei, im Haus trifft heute Hütten-Feeling auf moderne Annehmlichkeiten. Zu Gast sind auch ausschliesslich Bergsteiger und Skitourenläuferinnen. «Etwas anderes kann man hier hinten auch nicht machen», stellt Ernst Flütsch klar.
Das war früher nicht anders, abgesehen von einem Punkt: der Schmuggelei. Die Grenze zu Österreich ist nur wenige Kilometer entfernt und wurde in früheren Jahren oft für den illegalen Transport von Waren wie etwa Kaffee, Seidenstrümpfe und Saccharin genutzt. «Die ‹Sulzfluh› war aber – soviel ich weiss – nie Umschlagplatz für Schmuggler. Ganz im Gegensatz dazu das ‹Alpenrösli›, das sich weiter hinten im Tal, direkt am Wanderweg, befindet.» Ernst Flütsch erzählt weiter: Von den Grenzwächtern, die einst in St. Antönien im Einsatz standen. Von den Schmugglern, die jeweils ihre Tanzschuhe dabei hatten und mit ihren flotten Schritten den einheimischen Damen den Kopf verdrehten. Vom Schmuggler-Thöny, dessen Nachfahren er heute noch kennt.
Doch zurück zur Geschichte des Hauses. Diese hat Ernst Flütsch in einem ansehnlichen Flyer zusammengefasst, den er für das Jubiläumsfest vom 12. Juni produzieren liess. Wir lesen die Chronik gespannt durch und betrachten die historischen Bilder. Uns nimmt nun aber die persönliche Geschichte des langjährigen Wirts Wunder. Wie kam er eigentlich zur «Sulzfluh»? Er stamme aus einer Bauernfamilie aus St. Antönien, beginnt er zu erzählen. Die Lehre absolvierte er als Koch. «Hier in Partnun haben wir jeweils geheuet. Die damalige ‹Sulzfluh›-Wirtin Evali Walser hatte im Haus einen kleinen Laden integriert, an dem wir uns jeweils eingedeckt haben. Das Leben hier hinten faszinierte mich, und ich beschloss 1983, zurück zu meinen Wurzeln zu kommen.» So übernahmen er und seine Lebenspartnerin Käthi Meier das auf 1763 Metern über Meer gelegene Haus.
Der Wandel macht auch im Hochgebirge nicht Halt
Zurück ging es auch technisch: Während Ernst Flütsch zuvor schon in verschiedenen Häusern gekocht hatte, musste er im Berghaus Sulzfluh mit einfacheren Mitteln zurechtkommen. Holz- statt Gasherd. «Chäsgatschäder» und «Prättigauer Chnödli» statt Filet Wellington und Crevettencocktail. «In ein altes Haus mit einem alten Kochherd gehören einfach auch alte Speisen», lautet seine Schlussfolgerung. Auch wenn dies im ersten Moment einfach klingt, war es schwieriger als gedacht. «Touristinnen und Touristen fanden unsere Menüs fast immer super. Die Einheimischen hingegen waren sehr kritisch, da sie die Rezepte ihrer Mütter gewohnt waren und ich halt meinen eigenen Stil hatte.» Lange Jahre konnte er viele Zutaten direkt bei der nahe gelegenen Alp beziehen. «Ich ging dann mit dem Milchkessi hoch und liess es befüllen», blickt Ernst Flütsch zurück. Auch Käse und Butter kaufte er jeweils direkt ein. Dies war aber irgendwann wegen neuer Hygieneverordnungen nicht mehr möglich. Die Umstellung hatte aber nicht nur einen Einfluss auf den Einkauf, sondern auch auf den Geschmack: «Älplermagronen mit nicht pasteurisierter Butter schmecken ganz anders als solche mit pasteurisierter Butter», fand der Koch heraus. Eine weitere technische Neuheit brachte das Jahr 2023 mit sich, als das Berghaus ans Wasser-, Abwasser- und Stromnetz angeschlossen wurde. Seither sei der Betrieb deutlich einfacher, stellt der Besitzer fest.
Die absolut grösste Veränderung erfuhr das Haus aber bereits 2003. Bis dahin wurde die Unterkunft nämlich nur als Sommerbetrieb geführt. Nachdem der Neubau eingeweiht worden war, starteten Ernst Flütsch und Käthi Meier erstmals mit dem Winterbetrieb. «Ursprünglich wollten wir dann nur den neuen Teil betreiben. Die Nachfrage war aber so gross, dass wir dann auch Zimmer im Altbau anboten.» Als Pionier möchte er sich aber nicht bezeichnen. «Das Alpenrösli startete bereits 1972 mit dem Winterbetrieb, das war pionierhaft.» Dennoch: Das Berghaus Sulzfluh ist peripher gelegen. Im Winter ist auch keine Zufahrt möglich, ein einstündiger Fussmarsch über einen präparierten Weg ist nötig, um dorthin zu kommen. Ab und an ist der Zugang wegen Lawinengefahr auch geschlossen. «Im Winter 2011/12 war der Weg an insgesamt 25 Tagen gesperrt – das war eine sehr schwierige Zeit.» Doch auch dieser Herausforderung trotzte der Betrieb in seiner 150-jährigen Geschichte. Denn die Gastgeberinnen und Gastgeber wussten sich stets zu helfen: Die Zusammenarbeit mit Bergschulen wurde forciert, Vereinsreisende besuchten die «Sulzfluh» und dank Volksmusikkursen konnte man die Saison auch noch etwas verlängern.
Neuer Wind im alten Gemäuer
Herausforderungen gibt es aber auch aktuell. Simona Tarnutzer setzt sich nochmals zu uns und beginnt, von der Personalsuche zu erzählen. Eine schwierige Angelegenheit heutzutage. Die junge Schuderserin lässt sich davon aber nicht beirren. Doch wie kam sie überhaupt dazu, das Berghaus zu übernehmen? «Ich habe auf LinkedIn eine Anzeige gesehen, dass hier eine Gastgeberin gesucht wird. Ich scrollte weiter, kehrte dann aber nochmals zu diesem Inserat zurück. Irgendwann machte ich mir immer mehr Gedanken dazu und kontaktierte dann Ernst.» Schnell sei klar geworden, dass sie beide ähnliche Ansichten hätten. 2022 schliesslich stieg sie ein. «Seither habe ich extrem viel gelernt. Es ist auf jeden Fall ein wirklich lässiger Job und Ernst lässt mir viele Freiheiten.» Auch dieser zeigt sich erfreut ob der Zusammenarbeit. «Sie macht das super. Wenn sie das Haus im jetzigen Stil weiterführt, ist mein Wunsch für die Zukunft schon erfüllt», meint der St. Antönier zufrieden.
Ein letztes Mal kehren wir nochmals in die Vergangenheit zurück. Falls die beiden eine Zeitmaschine hätten: In welches Jahr würden sie reisen? Simona Tarnutzer weiss die Antwort schnell: «Ich würde in die Zeit von Evali Walser zurückreisen, die ab 1949 hier gewirtet hatte. Heute noch erzählen viele Leute von ihr. Sie muss eine sehr spannende Frau gewesen sein.» Ernst Flütsch hingegen würde gerne weiter zurück reisen. «Am besten gleich an den Anfang, 1875. Die Aufbruchstimmung von damals würde ich gerne miterleben. Spannend wäre aber auch, in die Zeit der Jahrhundertwende zu gehen. 1895 wurde ein grosses Hotel in St. Antönien errichtet, 1901 erfolgte die Gründung des Kurvereins und ein Jahr später hatte das Dorf bereits Strom. St. Antönien wurde damals oft im gleichen Atemzug genannt wie Davos, St. Moritz und Flims. In diese Zeit würde ich gerne eintauchen.» Eine solch rasante touristische Entwicklung wie in besagten Kurorten war dem Prättigauer Bauerndorf bekanntlich nicht beschieden. Doch St. Antönien hat seine Nische gefunden. Und so auch das Berghaus Sulzfluh.
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