Ungeplant und ungewollt: Wie Frauen mit einem möglichen Schwangerschaftsabbruch umgehen
Die «adebar» Fachstelle für sexuelle Gesundheit und Familienplanung Graubünden berät Frauen in einer Konfliktschwangerschaft
Die «adebar» Fachstelle für sexuelle Gesundheit und Familienplanung Graubünden berät Frauen in einer Konfliktschwangerschaft
von Susanne Turra
«Die Schwangere ist 25-jährig, der Partner 29. Sie ist in einer eher unbefriedigenden Anstellungssituation als Lehrerin. Das Paar hat Pläne, im Ausland Arbeit zu suchen und sich eine Zeit lang dort niederzulassen. Er hat dafür kürzlich eine Weiterbildung begonnen. Die Pille hat versagt.»*
«Pläne, Ausland, Weiterbildung. Hier führt eine ungeplante Schwangerschaft schnell zu einer ungewollten Schwangerschaft», betont Riccarda Menghini Sutter, psychosoziale Beraterin und Sozialarbeiterin, an einem Dienstagmorgen im Februar in Chur. Ein typischer Fall für die Schwangerschaftskonfliktberatung der «adebar» Fachstelle für sexuelle Gesundheit und Familienplanung Graubünden. Seit drei Jahren berät und unterstützt Geschäftsleiterin Riccarda Menghini Sutter Frauen in einer Konfliktschwangerschaft.
Sie darf oder sie darf nicht
Der rechtliche Rahmen gleich vorneweg: Früher musste eine schwangere Frau ein psychiatrisches Gutachten vorweisen. Dieses hat besagt, sie darf oder sie darf nicht: abbrechen. Seit 2002 gilt die Fristenlösung. Seither darf die Frau selber entscheiden, ob sie will oder nicht. Das gilt bis zur 12. Schwangerschaftswoche. Vom ersten Tag der ausbleibenden Menstruation gezählt. Bis etwa zur 7. bis 9. Woche kann ein Abbruch medikamentös eingeleitet werden. Danach ist ein chirurgischer Eingriff nötig. Grundsätzlich gilt: Je weiter fortgeschritten die Schwangerschaft ist, desto grösser muss die Not sein. Übrigens haben sich die Befürchtungen, dass es nach der Fristenlösung mehr Abbrüche gibt, nicht bewahrheitet. Im Jahr 2000 gab es 12 000 Abbrüche in der Schweiz. Seit 2002 ist die Zahl rückläufig.
«Die Schwangere ist 34 Jahre alt, er 33. Das Paar ist seit sieben Jahren verheiratet und hat bereits drei Kinder. Er ist als Bereichsleiter in einem aufstrebenden Unternehmen stark eingebunden. Sie hält ihm den Rücken frei und versorgt die Kinder vollumfänglich. Die mehrfache Mutter will nun wieder Teilzeit als Hauswirtschaftslehrerin tätig werden. Der Vertrag dafür ist bereits unterschrieben. Sie haben nachlässig mit Kondomen verhütet.»*
Die Statistik besagt, dass bei den ungewollten Schwangerschaften in rund 43 Prozent die Verhütung versagt hat. In den anderen 57 Prozent ist gar nicht verhütet worden. Da stellt sich natürlich sogleich die Frage: Wenn man keinen Kinderwunsch hat, wieso verhütet man dann nicht?
«Das erscheint auf den ersten Blick tatsächlich nachlässig», so Riccarda Menghini Sutter. «Bei der Beratung stelle ich dann aber oftmals fest, dass noch ein anderer Konflikt darunter liegt.»
Beispielsweise bei Frauen in Trennung. Diese Phase geht meist Hand in Hand mit einem Wechsel im Verhütungsverhalten. Oder eine Frau macht nach einer schmerzhaften Trennung eine Ferienbekanntschaft und vernachlässigt dabei die Verhütung. Auch junge – behütete oder vernachlässigte – Frauen handeln nicht immer sorgfältig. «Wenn wir nur die Schwangerschaft als Konflikt definieren, dann werden wir der Sache nicht gerecht», erklärt die Fachfrau. «Wir müssen in die Tiefe gehen. Unsichtbares sichtbar machen.» Die Bewertung der Schwangerschaft wird häufig aufgrund der eigenen Geschichte gemacht. Und nicht aus Tatsachen heraus. Das ist dann oftmals eine subjektive und keine objektive Bewertung. Trotzdem. «Wir müssen herausfinden, was die Frau bremst», gibt Riccarda Menghini Sutter zu verstehen. «Dabei ist es wichtig, dass wir eine reflektierte und selbstbestimmte Entscheidung aus ihr rausholen.»
«Die schwangere kaufmännische Angestellte ist 30 Jahre alt. Mit ihrem etwas älteren Partner unterhielt sie während sechs Jahren eine Beziehung und hat sich vor zwei Monaten getrennt. Trennungsgrund war sein Wunsch, neben ihr noch andere sexuelle Kontakte wahrzunehmen. Sie wohnt seither bei einer Kollegin und unterhielt weiterhin losen sexuellen Kontakt zu ihm. Die beiden verliessen sich auf den unterbrochenen Geschlechtsverkehr.»*
Adoption, Abbruch oder Kind?
Wie auch immer. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. In kürzester Zeit muss ein Plan auf die Beine gestellt werden. Dabei gibt es drei mögliche Wege: Adoption, Abbruch oder Kind. «Wir sind neutral», betont die Geschäftsleiterin. «Die Frauen müssen es nicht für uns machen.» Und so schliesst Riccarda Menghini Sutter vor jeder Beratung ihre eigenen Werte in ein Einmachglas, schraubt es zu und stellt es auf den Fenstersims. Es gibt Schwangere, die ihre Schwangerschaft lange nicht bemerken oder sie vertuschen. Und dann können sie plötzlich nicht mehr reagieren. In einem solchen Fall kann es zur Adoption kommen. Wenn eine Frau sich für das Kind entscheidet, haben sich die Probleme nicht einfach in Luft aufgelöst. In diesem Fall können Paare zusammen mit dem Kind auf Wunsch noch bis zu drei Jahre länger auf ihrem Weg begleitet werden. Im Falle eines Abbruchs ist es ganz wichtig, dass die Nachverarbeitung der Frau thematisiert wird. Dabei stellt sich die Frage: Was kann die Verarbeitung eines Schwangerschaftsabbruchs erschweren? Dazu wird gleich ein ganzer Katalog durchgescannt, um eine Einschätzung zu bekommen. Was hat die Frau für Eigenschaften? Hat sie schon psychische Probleme gehabt? Wie erlebt eine Frau den Abbruch? Wird sie beschuldigt? Bekommt sie Verständnis? Wie definiert sich eine Frau? «Für eine Karrierefrau kann die Verarbeitung einfacher sein als für eine Familienfrau», so Riccarda Menghini Sutter.
«Die Schwangere ist 45 Jahre alt. Sie macht aufgrund eines Schleudertraumas aktuell eine von der Invalidenversicherung finanzierte Umschulung zur Touristikfachfrau. Ihr Partner, 54-jährig, ist mit einer anderen Frau verheiratet, befindet sich aber in Scheidung. Die Schwangere hat die Verhütung nicht mehr so ernst genommen, da sie unregelmässige Blutungen hatte und sich bereits in der Menopause wähnte.»*
Der Stichentscheid liegt bei der Frau
«Die Frauen, die zu uns kommen, sind in der Regel zwischen 20 und 34 Jahre alt», so Riccarda Menghini Sutter. «Die Jüngste war 15 und die Älteste 45.» Und was sind die Gründe für einen Abbruch? Hier liegt die Partnerschaft an erster Stelle. Gefolgt von Beruf, Finanzen, Ausbildung, Alter und Religion. Vergewaltigung und Nötigung werden bei der «adebar» Fachstelle in der Regel nicht behandelt. Hier kommen andere Stellen, wie die Opferhilfe, zum Zug. «Wir widmen uns dem Ungeplanten und Ungewollten», erklärt die Geschäftsleiterin. Wobei aus einer Beratung heraus das Ungewollte durchaus auch zum Gewollten werden kann. Wie und warum auch immer. Der Stichentscheid liegt bei der Frau. Übrigens fragen die Frauen oft: Kann ich nach einem Abbruch noch Kinder bekommen? Sie können.
in Kürze die Berufsmatura ab, um anschliessend ein Studium zu beginnen. Er, 23-jährig, möchte künftig noch im Ausland arbeiten und vorerst keine Verpflichtungen eingehen. Sie hat ihm kürzlich einen Seitensprung gestanden, den sie vor einem halben Jahr eingegangen ist. Das Vertrauen seinerseits in die Beziehung ist seither noch nicht hergestellt. Er drängt sie zum Abbruch und bringt die Weiterführung der Beziehung damit in Zusammenhang. Das Paar hat mit Kondom verhütet und kann sich nicht erklären, wie die Schwangerschaft zustande kam.»*
Trauer muss sein
Und was ist nach dem Abbruch? Die Frau muss sich öffnen und dringend aus der Isolation rausgehen. «Ich sage den Frauen immer, stellt euch vor, ihr habt zum Beispiel am Arm eine tiefe Wunde», erzählt Riccarda Menghini Sutter. «Die Verletzung ist mit einem Druckverband gut abgebunden. Und jetzt lasst ihr das einfach so. Die Wunde bekommt keine Luft, keine Pflege und kein Licht. Sie beginnt zu eitern. Und die Psyche funktioniert nicht anders.» Bei einem Abbruch durchläuft eine Frau drei Stufen: Entscheidung, Erleichterung und Trauer. «Trauer muss sein», betont die Geschäftsleiterin. «Sie hilft bei der Verarbeitung.» Auch Rituale helfen. Ein Rosenstöckli pflanzen, die Jahreszahl in einen Baum ritzen, Luftballons fliegen lassen.
«Die Schwangere, 39 Jahre alt, Akademikerin, lebt seit sieben Jahren in einer Beziehung mit einem wenig älteren Mann. Beide haben sich aufgrund von chronischen Krankheiten in der Familiengeschichte gegen Kinder entschieden und geniessen seit Jahren eine aktive Freizeitgestaltung. Der Mann überlässt ihr die Entscheidung. Sie kann sich einen anderen Lebensentwurf nicht vorstellen. Sie kann sich nicht erklären, wie sie trotz Pille schwanger wurde.»*
Dem kurzen Leben des Kindes eine positive Bedeutung geben
Übrigens kann «adebar» dieses Jahr das 50-jährige Bestehen feiern. Allein im 2024 hat die Fachstelle in 48 Beratungen 70 Personen zum Thema Konfliktschwangerschaft begleitet. Und Riccarda Menghini Sutter könnte einige Anekdoten erzählen. Beispielsweise habe ein Familienvater einmal zu ihr gesagt, in seinem VW-Bus habe es ganz einfach keinen Platz für fünf.
Trotzdem. Ein Schwangerschaftsabbruch ist und bleibt ein schwieriges Thema. Ein Tabuthema. Umso wichtiger ist es, darüber zu reden. Und eine Erkenntnis daraus zu ziehen. «Dann kann die Frau dem Kind Danke sagen für diese Erkenntnis», schliesst Riccarda Menghini Sutter. «Und dem kurzen Leben des Kindes eine positive Bedeutung geben.»
Informationen unter www.adebar-gr.ch
*Diese Fälle gehören zu den typischen Fällen von ungeplant eingetretener Schwangerschaft in der Schwangerschaftskonfliktberatung, die Riccarda Menghini Sutter in ihrer Beratungspraxis antraf. Die Fälle sind ebenfalls aufgeführt in der Publikation «Frau im Entscheidungskonflikt» von Riccarda Menghini Sutter, erschienen 2017, im AV Akademikerverlag.
Über «die «Büwo» spricht darüber»
So, jetzt wurde genug totgeschwiegen – von jetzt an wird darüber geschrieben! Von den verschiedensten Tabuthemen wollen wir in dieser Serie berichten. Damit wollen wir Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden.
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