Einzelschicksal einer Generation: Wie junge Erwachsene in Einsamkeit geraten
Unfreiwilliges Alleinsein kann viele Ursachen und Folgen haben – ein Einblick in ein oft verborgenes Phänomen.
Unfreiwilliges Alleinsein kann viele Ursachen und Folgen haben – ein Einblick in ein oft verborgenes Phänomen.
Von Andri Dürst
Unabhängig sein. Auf niemanden schauen. Schlicht und einfach: Freiheit spüren. So stellen sich wohl viele das Alleinsein vor. Doch für einige Menschen wird genau das zum Problem. Dann nämlich, wenn Alleinsein in Einsamkeit übergeht. Jemand, der dieses Problem gut kennt, ist Ben. Er ist 28 Jahre alt und erzählt anonymisiert aus seiner Perspektive:
«Meine Mutter sagte früher, als ich noch ein Kind war, dass ich gerne alleine sei. Das stimmte wohl: Ich brauchte meine Inseln. Dann spielte ich alleine in meinem Zimmer oder draussen vor dem Haus. Das machte mir nichts aus. Umgekehrt aber hatte ich auch nichts dagegen, wenn Geschwister oder Nachbarskinder mitspielten. Ich fühlte mich aber weder überfordert mit anderen Menschen noch einsam. Auch während der Schulzeit hatte ich nie den Eindruck, dass ich zu sehr alleine bin. Das änderte aber, als ich wegen des Studiums in eine andere Stadt zog und sich bestehende Freundeskreise auflösten.»
Ben ist damit auf keinen Fall alleine. Ein Blick in die aktuellste Studie des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt: 2022 gaben 59 Prozent aller 15- bis 24-Jährigen an, sich manchmal oder oft alleine zu fühlen. Damit stellen sie die Altersgruppe dar, bei der die Einsamkeitsgefühle am verbreitetsten sind. Von der Gesamtbevölkerung gaben 42 Prozent an, sich manchmal oder oft alleine zu fühlen (bei den Männern 37 Prozent und bei den Frauen 48 Prozent). Das BFS stellt damit eine traurige Entwicklung fest: «Zwischen 2017 und 2022 ist der Anteil der Personen, die über ein Gefühl der Einsamkeit berichten, in allen Bevölkerungsgruppen signifikant gestiegen. Dieser Zeitraum war von der Covid-19-Pandemie und den damit verbundenen sozialen Einschränkungen geprägt.» Entsprechend war auch bei der vorherigen Befragung, die 2017 stattfand, die Zahl der Einsamen bei den 15- bis 24-Jährigen tiefer, nämlich 48 Prozent.
«Ich fühlte mich zunehmend unwohl an meinem neuen Wohnort, weshalb ich das Studium abbrach und in die elterliche Wohnung zurückkehrte. Einerseits war es schön, mit ihnen wieder ein soziales Gefüge um mich zu haben, andererseits wusste ich aber auch, dass es langsam Zeit war, auszuziehen. Das machte ich dann auch und bezog einige Zeit später eine eigene Wohnung. Ich war damals sehr motiviert, meine neu gewonnenen Freiheiten auszunutzen. Doch nur wenige Monate später änderte sich alles. Die Corona-Pandemie machte meinen Hoffnungen einen Strich durch die Rechnung. Alleinsein wurde zur Tugend erklärt, sich mit anderen Leuten zu treffen, schon beinahe als Sünde abgestempelt. Das rüttelte mich kräftig durch. Sich nicht mehr im Freundeskreis treffen zu können, war sehr schwierig für mich. Hinzu kam, dass ich als Single lebte und somit keinen Menschen in meiner unmittelbaren Nähe hatte.»
Auch hierbei ist Ben alles andere als alleine. Wenn man sich auf Nachrichtenportalen umschaut, tauchen verschiedene Artikel zum Thema Single-Sein auf. «Die Zahl der unfreiwilligen Junggesellen in der Schweiz wächst», schrieb die NZZ letztes Jahr. Auch «20 Minuten» nahm sich dem Thema an: «Zwei von drei jungen Männern sind Single.» Und gemäss «blick.ch» sind die unfreiwilligen Single-Männer in der Schweiz ein «Massenphänomen». «tagesanzeiger.ch» schreibt gar von einer «Einsamkeitsepidemie der Männer». Auch hierzu bringt ein Blick in die Statistiken Erstaunliches zutage: Gemäss der Studie «Leben in der Schweiz» von Fors (Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften) von 2021 haben zwei Drittel der Männer zwischen 18 und 25 Jahren keine Beziehung. Bei den Frauen sind es 40 Prozent. Zwischen 26 und 44 lebte jeder fünfte Mann ohne Partnerschaft, bei den Frauen knapp jede Achte, so die Studie. Erst im vorgerückteren Alter seien mehr Frauen als Männer partnerlos. Sucht man nach den Gründen, stösst man auf verschiedene Erklärungsversuche. Ein Aspekt, der immer wieder auftaucht, ist das Verhalten der Geschlechter auf Dating-Apps. So zeigte eine Studie von Tinder, dass sich 78 Prozent der Damen auf der Datingplattform ausschliesslich für die attraktivsten 20 Prozent der männlichen Kandidaten (gross, sportlich, gut situiert) interessieren. Die Studie zeigt weiter, dass ein «mittelmässiger» Mann im Schnitt 115 Likes verschicken muss, um ein einziges Gegen-Like zu bekommen. Frauen liken grundsätzlich deutlich seltener und erhalten dennoch mehr Matches. Die Folge: Viele Männer fühlen sich verunsichert und zweifeln an sich selber. Keine einfache Ausgangslage, insbesondere nicht während der Coronapandemie, als das Dating zeitweise fast nur auf digitalem Weg stattfinden konnte.
Alleine vs. einsam
Wichtig ist, zwischen Einsamkeit und Alleinsein einen Unterschied zu machen. Franco Arnold, Oberpsychologe bei den Psychiatrischen Diensten Graubünden (PDGR), sagt zur Thematik: «Wenn nämlich vom ‹allein sein› gesprochen wird, kann eine bewusste Entscheidung gemeint sein, dass jemand allein sein will. Das ist an sich erst mal gar nicht schlimm – so kann ein Spaziergang allein in der Natur etwas Positives für dich selbst sein, da du dabei vielleicht entspannst und die Ruhe geniesst, um aus dem Alltagsstress herauszukommen. Einsamkeit hingegen ist etwas, das von Betroffenen als unfreiwillig und gar schmerzhaft empfunden wird.»
Er nennt einige Eigenschaften, die sich bei einsamen Menschen häufig zeigen können. Sie…
… sehen sich selbst ganz anders, als andere Menschen sie beschreiben würden
… sind sehr selbstkritisch
… beachten Misserfolge mehr als Erfolge
… rechtfertigen sich defensiv
… haben Angst vor einer Zurückweisung
… entwerten ihr Gegenüber
… passen sich übermässig an
… ziehen sich schnell in sich zurück
… sind introvertiert oder haben weniger gut ausgeprägte soziale Fertigkeiten
…weisen oft pessimistische, irrationale und handlungslähmende Denkmuster beziehungsweise Grundhaltungen auf.
«Corona hinterliess Spuren bei mir. Ich hatte währenddessen und auch danach gefühlt weniger Kontakt zu Freundinnen und Freunden. Hinzu kam, dass es mir in meinem Wohnort in den Bündner Bergen schwerfiel, neue gleichaltrige Menschen kennenzulernen. Die Einsamkeit bekam ich zusehends zu spüren. Ich hatte das Gefühl, dass niemand auf mich wartete. Logisch, ich hätte vielleicht schon irgendjemanden gefunden, der oder die mit mir etwas unternommen hätte. Doch manchmal hatte ich einfach keine Lust, ständig Treffen vereinbaren zu müssen. Es wäre schön gewesen, ich hätte niederschwellig und ohne grosses Organisieren mit jemandem etwas erleben können. Ich verbrachte daher oft Zeit alleine zu Hause. Stundenlang lag ich auf dem Sofa und schaute fern. So lenkte ich mich von der Einsamkeit ab. Im Nachhinein ärgerte ich mich, dass ich aus meiner Freizeit nicht mehr gemacht habe.»
Es stellt sich die Frage, ab wann Einsamkeit ein Problem wird. Franco Arnold, Oberpsychologe bei der PDGR, meint, dass Einsamkeit keinesfalls eine klar erkennbare Krankheit sei, die von Fachpersonen diagnostiziert werden könne. Deshalb rät er: «Mit Betroffenen sprechen oder allgemein nachfragen, ob sich jemand einsam fühlt, das funktioniert.» Die Auswirkungen von Einsamkeit könnten gravierend sein und dann zum Problem werden, wenn man dauerhaft mit diesen negativen Gefühlen zu kämpfen habe. «Das kann sich nicht nur schlecht auf das Sozialleben und auf die Leistungen in Schule oder Arbeit auswirken, sondern auch auf den Körper und die Psyche, sodass die Gesundheit stark darunter leiden kann. Typische Einsamkeitsgefühle sind Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Langeweile, innere Leere, Selbstmitleid, Sehnsucht und Verzweiflung – alles Symptome einer klassischen Depression.»
Doch werden Menschen durch Einsamkeit tatsächlich krank oder kann man gar an Einsamkeit sterben? Franco Arnold findet deutliche Worte: «Fakt ist: Chronisch einsame Menschen haben ein höheres Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen, Demenz, Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen und Suizidgedanken.» Folglich erhöhe sich langfristig auch die Wahrscheinlichkeit für einen vorzeitigen Tod. «Zum Teil hängt das möglicherweise auch damit zusammen, dass Einsame weniger auf sich achten und somit gesundheitsschädlicher leben. So ernähren sie sich schlechter – einsame Kinder werden etwa durch Ersatzessen zunehmend fettleibig. Auch rauchen Einsame häufiger.» Gewisse dieser Symptome bekam auch Ben zu spüren.
«Ich fühlte mich oft müde und extrem antriebslos. So hatte ich Mühe, grössere Aufgaben, die man mir privat übergab, effizient zu erledigen. Das wiederum belastete mich dann auch wieder, was einen absurden Teufelskreis auslöste. Kleine Aufforderungen einer Partnerin im Alltag wie «Willst du dich nicht mal darum kümmern?» nerven andere Leute vielleicht. Ich selber hätte mir solche Anstupser aber sehr gewünscht. Dass ich einen solchen Austausch im Alltag nicht hatte, machte mich oft traurig. So extrem ist es unterdessen zum Glück nicht mehr. Ich habe mittlerweile im Zuge eines Wohnortwechsels neue Freundinnen und Freunde gefunden, mit denen ich auf Augenhöhe Zeit verbringen kann. Das tut gut. Ich spüre, dass ich langsam aus dem Strudel herauskomme. Doch das war nicht einfach.»
Aus dem Strudel herauskommen – was es dazu braucht, weiss Antonia Studer. Sie ist Leiterin der Wohngruppe der PDGR, wo erwachsene Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung betreut wohnen können. Sie zeigt folgende Lösungsansätze auf: «Es kann geübt werden, wieder Kontakte zu haben und diese bewusst zu gestalten. Braucht es Unterstützung, kann dies, wenn möglich, bei Freundinnen, Freunden und Familie oder in Vereinen und bei Freizeitaktivitäten besprochen werden. Jederzeit darf professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.» Dies solle keinesfalls mit Scham verbunden werden, ergänzt sie. Oft sei eine Benennung der erste Schritt, um von aussen Unterstützung zu erhalten. «Um das Einsamkeitsgefühl der Person besser nachvollziehen zu können, helfen Fragen, wie und in welchen Bereichen die Einsamkeit erlebt wird. Zum Beispiel: ‹Wo hat sich die Person im Leben verbunden gefühlt?› oder ‹Wo könnte sich die Person vorstellen, in Kontakt zu treten?›»
Eine weitere Problematik orten die beiden Fachleute auch beim Thema Komfortzone. Menschen, die ohnehin an psychischen Krankheiten leiden würden, zögen sich dann noch eher zurück, um nicht unter Leute gehen zu müssen. Doch auch hier sei es wichtig, zu unterscheiden, ob die Person einsam sei oder bewusst alleine sein möchte. Eine einfache, aber wichtige Frage.
Die Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) stehen für Betroffene zur Verfügung via Telefon 058 225 25 25 oder via pdgr.ch.
Über «Die ‹Büwo› spricht darüber»
So, jetzt wurde genug totgeschwiegen – von jetzt an wird darüber geschrieben! Von den verschiedensten Tabuthemen wollen wir in dieser Serie berichten. Damit wollen wir Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden.
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